Die Jahre 1916 bis 1924 werden auch das „Goldene Zeitalter des schwedischen Films“ genannt. Ein Bestandteil dieser goldenen Jahre der Stummfilmzeit sind vor allem die Adaptionen von Selma Lagerlöfs Werken. Acht der gut 30 Verfilmungen von Büchern und Erzählungen der schwedischen Schriftstellerin, die es bis heute gibt, fallen in genau diese Zeit. Die berühmtesten drei hiervon wurden von den Regisseuren Victor Sjöström (der in Ingmar Bergmans Film „Wilde Erdbeeren“ übrigens in der Rolle des Dr. Isak Borg zu sehen ist) und Mauritz Stiller gedreht.
Beginn des Goldenen Zeitalters
Bereits am Anfang der Glanzzeit entstand die erste Verfilmung eines Werkes von Selma Lagerlöf unter der Regie von Victor Sjöström: Tösen från Stormyrtorpet (Das Mädchen vom Moorhof), der allerdings das Schicksal vieler Stummfilme teilt und nicht mehr vorhanden ist. Zwei weitere seiner Verfilmungen widmen sich Teilen des Romans Jerusalem (der 1996 erneut verfilmt wurde). Diese wurden von der Presse vor allem für die Darstellungen der übernatürlichen Naturphänomene hochgelobt.
Geister und Gespenster durch Doppelbelichtung
Zwei weitere Verfilmungen, Herr Arnes pengar (Herr Arnes Schatz von 1919) und Körkarlen (Der Fuhrmann des Todes, 1921), zeigen formal viele Gemeinsamkeiten. Der erstgenannte Film wurde von Mauritz Stiller verfilmt, seine erste Adaption einer Geschichte von Lagerlöf, der letztgenannte geht erneut auf das Konto von Sjöström.
Beide Filme zeichnen sich durch ihre Werktreue aus. Die Zwischentitel sind weitestgehend Originaltexte aus den Erzählungen, im Fall von Körkarlen entstand das Drehbuch auch in enger Zusammenarbeit mit Lagerlöf, die Änderungen an Sjöströms Drehbuchversion anregte. Beide Filme bedienen sich zudem, unter der Kameraführung von Julius Jaenzon, der Technik der Doppelbelichtung, um die übernatürlichen Ereignisse zu Erzählen und Geister auftreten zu lassen.
Herr Arnes pengar handelt von Mord und Vergeltung. Herr Arne und seine Familie werden des Geldes wegen umgebracht. Das Ziehkind Elsalill wird, gut versteckt, Zeugin des Verbrechens. Einige Zeit später trifft sie erneut auf die Mörder ihrer Familie und verliebt sich in den Anführer. Doch der Geist ihrer toten Schwester erscheint ihr im Traum und sie überführt letztendlich die Täter.
In Körkarlen wird es erneut gespenstisch. Laut einer Legende muss derjenige, der in der Neujahrsnacht in dem Moment stirbt, in dem die Glocken das zwölfte Mal geläutet haben, ein Jahr lang den Wagen des Todes fahren und die Seelen der Verstorbenen einsammeln. Es trifft David Holm, einen brutalen, alkoholabhängigen Stadtstreicher. Doch er bekommt noch eine letzte Chance zu Leben. Dafür wird ihm in Rückblenden sein bisheriges Leben vor Augen geführt, und letztendlich bereut er sein Verhalten, will dem Alkohol abschwören und wieder für seine Familie sorgen. Die recht simple Geschichte, die ihre Antialkohol-Propaganda sehr offen zur Schau trägt, bekommt durch Sjöströms Verfilmung, mit ihm in der Rolle des David Holm, eine unglaubliche Intensität. Seine Gegenspielerin ist eine junge Schwester der Heilsarmee, die in den Rückblenden unermüdlich versucht hat, ihn auf den rechten Weg zu bringen. Neben den Doppelbelichtungen in den Geisterszenen bedient sich Sjöström vor allem dem Kontrast von Licht und Dunkelheit, Weiß und Schwarz, um Charaktere und Geschehen zu verdeutlichen.
Lagerlöfs Reaktion auf die Adaptionen
Lagerlöf favorisierte die Werktreue dieser Filme, da sie auch eine gute Werbung für ihre Bücher waren. So dankte sie Sjöström für Körkarlen, da sie diesem Film, der ein internationaler Erfolg wurde, ihren Durchbruch als Autorin in England verdankte. Und auch mit Stillers Film Herr Arnes pengar war sie durchweg zufrieden.
Der Bruch mit Stiller kam durch seine Bearbeitung ihres recht umfangreichen Romans Gösta Berlings saga (Gösta Berling), den er 1924 verfilmte. Hier stutzte er nicht nur die episodenhafte Erzählung zusammen, sondern veränderte auch die Figuren und stellte sie, der Ansicht Lagerlöfs nach, in einem falschen Licht dar. Ihr missfiel, dass ihre Bücher nur noch Inspiration für die Filmmacher waren und nicht mehr die Illustration der Geschichten darstellte.
Diese Meinung änderte sie im folgenden Jahr und sah nachsichtiger auf die filmischen Änderungen. Sie hielt all die Jahre sowohl zu Stiller als auch zu Sjöström Briefkontakt, und gerade mit Stiller führte sie in den Briefen Diskussionen zum Film als neue und vor allem eigenständige Kunstform.
Das Ende der Stummfilmzeit
Mit Gösta Berlings saga, dem Film, der Lagerlöf erzürnte und für Greta Garbo den Durchbruch als Schauspielerin darstellte, endete das Goldene Zeitalter der schwedischen Filmkunst.
Sjöström ging bereits 1923 nach Hollywood, wo er zwei Jahre später mit The Tower of Lies erneut einen Lagerlöf-Roman verfilmte, nämlich Der Kaiser von Portugallien. Stiller folgte 1925 gemeinsam mit Greta Garbo, hatte in Amerika jedoch weniger Erfolg als sein Kollege Sjöström (der seinen Namen in Seastrom änderte). Eines ist jedoch beiden Männern gemein: Die Tonfilmzeit beendete schließlich ihre Regisseurskarriere.
Adaptionen von Selma Lagerlöfs Werk erfreuen sich aber weiterhin großer Beliebtheit – ob Kinofilm, Fernsehmehrteiler oder Zeichentrickserie, national oder international – der Erfolg ihrer Geschichten ist ungebrochen.
