Semana Santa in Spanien

Ostern in Andalusien ist ein pompöses Fest mit endlosen Prozessionen

Ein echter Trauerzug - Luise Wagner
Ein echter Trauerzug - Luise Wagner
Bruderschaften konkurrieren um die Ehre, die jahrhundertealten Heiligenfiguren tragen zu dürfen. Bis zu 24 Stunden kann eine Prozession in Sevilla und Granada dauern

Ostern in Spanien ist eine ernste Sache. Während hierzulande Eier bemalt und versteckt werden – ein Brauch, der auf heidnische Ursprünge und Frühlingsriten der Germanen und Slawen zurückgeht – feiert der katholische Spanier die heilige Woche, Semana Santa, im Trauergewand und als Büßer. Das ist kein Fest bei dem gelacht und getanzt, sondern vor allem kollektiv gelitten wird.

Tonnenschwere Heiligenfiguren werden in Spanien durch engste Gassen manövriert

In der Semana Santa haben fast jedes Dorf und Stadt Spaniens ein aufwändiges Festival organisiert, bei dem die örtlichen Schutzpatrone, Heiligen und Jesusfiguren aus den Kirchen ans Tageslicht gebracht werden. Die Heiligen, im Falle der Kirche Santa Maria im andalusischen Mojacar, heißen Santa Dolores oder Santo Encuentro (der Heilige der Begegnung). Sie werden in der Osterwoche gewaschen, gesalbt und mit Blüten bestreut, um dann auf einem schweren Holzthron, Trono, in einer langen Prozession durch die Stadt getragen zu werden. Fischerorte wie Garrucha und Carboneras in Andalusien feiern Schutzpatrone, die mit dem Meer verbunden sind. Bei der Prozession bekommt so die Virgen del Mar, Heilige Jungfrau des Meeres, die Gelegenheit einen Blick aufs Meer zu werfen, bevor sie wieder ein Jahr lang in der Kirche verschwindet. Die Umzüge in den Küstenorten führen meist am palmengesäumten Paseo entlang, einer Straße zum Flanieren, die jeder spanische Küstenort, der etwas auf sich hält, am Meer errichtet.

Ohne Rhythmus und Taktgefühl geht es bei den Costaleros nicht

Für die Träger, Costaleros, des Thrones bedeutet eine solche Prozession Schwerstarbeit. Die Holzbühnen wiegen zwischen 3 und 4,5 Tonnen. Deshalb sind es oft die jungen Männern der Stadt, die diese Rolle übernehmen. Besonders schwere Sänften werden von bis zu 30 Costaleros geschleppt. Im granadinischen Ort Pinos Puente musste eine dünn besetzte Bruderschaft an diesem Karfreitag erschöpft aufgeben, da der Thron zu schwer für die wenigen Träger war.

Die größte Aufgabe für die Träger ist das Finden und Einhalten eines gemeinsamen Gehrhythmus. Vor allem enge Straßen und Winkel, wo der gesamte Zug mit bis zu 30 Trägern Schritt für Schritt um Ecken manövrieren muss, erfordert einen ausgeprägten Gemeinschaftssinn, sonst wird aus dem Manöver nur ein peinlicher Vorfall. Niemand möchte jemals eine Heiligenfigur stürzen sehen. So sind die Feiern um Ostern in Spanien nicht nur Ausdruck der Religiosität, sondern ein Beispiel für die enge soziale Verbundenheit der Menschen. Alle Generationen sind dabei, Kinder werden, wie immer in Spanien und egal zu welch fortgeschrittener Stunde, nicht ausgegrenzt. Ostern in Spanien wäre ohne ein tief empfundenes Gemeinschaftsgefühl nicht vorhanden. So verhält es sich wohl auch mit dem Leid – gemeinsam empfunden, schmerzt es weniger.

Trommeln, bis die Finger bluten

In den Prozessionen sollen denn auch recht schmerzhaft Tod und Folter Jesus Christus mit eigenem Schmerz nachempfunden werden. Viele Trommler des Musikzuges, die stundenlang dem Thron folgen, schlagen sich die Fingerknochen wund. Blutflecken auf den Trommeln werden mit Stolz präsentiert. Die meisten Beteiligten an den Prozessionen bleiben in der Anonymität und verbergen ihre Köpfe unter Masken oder den spitzen Büßerhüten. Es handelt sich beim Prozessionsgang um ein Sündenritual, bei dem man mit sich selbst ins Reine kommen und nicht erkannt werden möchte. Neben und hinter den Thronen läuft oft eine Schar Menschen her, die mit lauten Klagerufen ihrer Trauer um Jesus Luft macht. Diese Menschentraube nennt sich Nazarenos; und verkörpert das um Jesus trauernde Volk von Nazareth.

Wissenswertes rund um die spanische Semana Santa und die Bruderschaften

Die Semana Santa beginnt mit Domingo Ramos, dem Palmsonntag und endet einen Sonntag später, mit dem Domingo Resurrection, dem Tag der Wiederauferstehung. Jetzt wird auch das Osterfest fröhlicher. Die Nacht hat man am Grab mit Kerzen und Klagegesang in der kalten Kirche verbracht. In Mojacar wird diese Klagenacht im Bendicion del Fuego von Sonnabend auf den Sonntag um Mitternacht in der Kirche Santa Maria gefeiert.

Organisiert sind die Träger und Musiker der Osterprozessionen in so genannten Cofradias und in traditionsreichen, wohltätigen Bruderschaften, den Hermandades. Jede Cofradia ist für einen bestimmten Heiligen zuständig und tritt an einem der 7 Tage der heiligen Woche auf. Es gibt stets ein Gerangel um die Ehre, welche Bruderschaft, welche Rolle im Trauerzug spielen darf. Im andalusischen Sevilla und Granada werden die wohl pompösesten Osterumzüge gefeiert. In Sevilla sind 55 Bruderschaften an einem gewaltigen Spektakel beteiligt, das nächtelang gefeiert wird.

Die christlichen Bruderschaften pflegen ihre kostbaren, alten Heiligenfiguren und Kirchenschätze mit großer Hingabe und Verehrung. Einige Bruderschaften bestehen seit dem 15.Jh und sind völlig überfüllt. Die Mitgliedschaft wird dann innerhalb der Familien vererbt. Heute sind in modernen Städten, wo viele Neulinge und Immigranten wohnen, wie im andalusischen Hafenort Garrucha auch immer mehr Mädchen und junge Frauen in eigenen Verbindungen organisiert. Sogar die Rolle der Costaleros, der Sänftenträger, wird mittlerweile von Frauen gespielt.

In Granada mischt der Flamenco mit

Prozessionen werden zwar die ganze Karwoche über zelebriert, doch die wichtigsten finden an den letzten drei heiligen Tagen, Karfreitag, Sonnabend und Ostersonntag statt. Der Zug startet meist von der zentralen Kirche des Ortes und führt dann quer durch die Gassen und Straßen in einer Runde zurück. In Granada kann eine solche Prozession bis zu 24 Stunden dauern und endet an der Kathedrale, wo dann nahtlos die nächste Prozessionsrunde anschließt. Der Kontrast zwischen den farbenfrohen, pompösen Gewändern der Heiligen und den düsteren Kostümen der Trauernden ist beeindruckend. Wenn in Granada die besten und ausgewähltesten Solosänger die Saeta, die heiligen Trauerlieder anstimmen, die ihren Ursprung im Klagegesang der Gitanos und im Flamenco haben, wird Ostern zu einem wirklich leidenschaftlichen Fest.

Louis M. Blank, Blank

Louis Max Blank - Journalist auf Reisen

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