Ungefähr ein Viertel aller Menschen in Deutschland über 60 ticken ein bisschen anders als ihre Altersgenossen: Statt sich im wohlverdienten Ruhestand ausgiebig mit Wohnung, Haus, Garten, Reisen, Hobbies und Enkelkindern zu beschäftigen, wollen sie es noch mal wissen. Manche engagieren sich weiterhin beruflich zum Beispiel als ehrenamtliche Berater für Existenzgründer oder im Ausland. Andere nutzen den vor ihnen liegenden Lebensabschnitt für einen Neuanfang, erfüllen sich einen Lebenstraum oder möchten etwas tun, wofür bis jetzt entweder keine Zeit oder Gelegenheit war.
Solche Menschen – aktiv, offen für Neues und kompetent – machen denn auch den größten Teil der stetig wachsenden Gruppe von Seniorstudenten aus. So stieg im Wintersemester 2008/2009 die Zahl der Gasthörer auf 36.900 – das sind sieben Prozent mehr als vor zehn Jahren, und inzwischen ist fast die Hälfte von ihnen über 60 Jahre alt - 1999 betrug ihr Anteil unter den Gasthörern nur 35 Prozent.
Gasthörerstudium
Für Universitäten, die kein spezielles Angebot für Senioren bereithalten, bietet das Gasthörerstudium die Möglichkeit an den Vorlesungen teilzunehmen. Man braucht dafür keine Hochschulzugangsberechtigung (Abitur) vorweisen und sich weder einschreiben (immatrikulieren) noch Prüfungen ablegen oder einen Abschluss machen wie bei einem Vollstudium. Es genügt eine Anmeldung als Gasthörer, denn für die Teilnahme an den Veranstaltungen wird eine Semestergebühr fällig – die Höhe legt jede Uni selbst fest. Aktuelle Vorlesungsverzeichnisse gibt es in den Buchhandlungen.
Studium generale oder Studium universale
Wer noch oder wieder Lust aufs Lernen hat, der kann in einzelnen Wissensgebieten seine Kenntnisse auffrischen oder sich auch vollkommen neue Themen erschließen. Hat man aber „noch keinen Plan“, will man sich noch nicht entscheiden oder einfach erst einmal nur Uni-Luft schnuppern, dann sollte man sich für ein Studium generale entscheiden. Das sind in der Regel öffentliche Vorlesungen verschiedener Professoren zu wechselnden, fächerübergreifenden Themen meist über einen Zeitraum von zwei Semestern. Diese Studienform ist tatsächlich auch vor allem gedacht als Orientierungsphase für junge Studienanfänger und soll ihnen den Übergang vom Lernbetrieb der Schule zum wissenschaftlichen Arbeiten an der Universität erleichtern oder als Entscheidungshilfe dienen.
Seniorenstudium
Spezielle Lernangebote für Senioren werden inzwischen immer reichhaltiger. Sie orientieren sich an Vorgaben des „Lebenslangen Lernens“ – berücksichtigen also, dass ältere Menschen anderes lernen als jüngere. Erste Studienangebote für ältere Erwachsene wurden in den 80er Jahren entwickelt. Vorreiter waren dabei Universitäten in Mannheim, Münster, Marburg, Bielefeld, Frankfurt, Dortmund, Oldenburg, inzwischen sind es 61 Hochschulen in ganz Deutschland.
Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wissenschaftliche Weiterbildung für Ältere (BAG WiWA) hatte sich damals stark gemacht für die Öffnung regulärer Lehrveranstaltungen der Hochschulen. Bis heute fördert sie zum Beispiel zielgruppenorientierte Lehrangebote, Kompaktformen wissenschaftlicher Weiterbildung in Form von Akademiewochen, Jahreszeiten-Akademien, Sommeruniversitäten und hält außerdem Kontakt zum europäischen Netzwerk LiLL (Learning in Later Life).
Auch für Angebote des Seniorenstudiums genügt eine Anmeldung (Semestergebühren), auch hier ist keine Hochschulzugangsberechtigung für eine Teilnahme notwendig.
Vollstudium
Natürlich können auch Senioren ein Vollstudium inklusive Prüfungen und Hochschulabschluss absolvieren. Vielleicht ist für manche gerade dies ein besonderer Ansporn oder die Erfüllung eines Lebenstraums. Für sie gelten übrigens die gleichen Zulassungsbestimmungen wie für ihre jüngeren Kommilitonen. Auch sie können nach einem erfolgreichen Diplom- oder Magisterstudium eine Promotion anstreben.
Info-Tipps für studienwillige Senioren
- Wenig empfehlenswert ist die Nutzung einer Linkliste auf der Seniorenseite geroweb – sie scheint kaum gepflegt zu werden, denn sehr viele der angegebenen Links führen ins Nichts.
- Als Download: Im 278 Seiten starken „Studienführer für Senioren“ beschreibt das Bundesministeriums für Bildung und Forschung ausführlich rund 50 Studienangebote in Deutschland. Allerdings stammt die Ausgabe von 2001.
- Die Internetseite Seniorenstudium präsentiert neben nützlichen Tipps außerdem ein Linkliste mit 61 bundesweiten Angeboten speziell für Senioren.
Es ist übrigens ein Trend: Immer mehr Menschen ab 60 erschließen sich vollkommen neue Interessensgebiete und Tätigkeitsfelder und sammeln so Erfahrungen, die sie bereichern und oft so ganz anders sind, als die ihres bisherigen Lebens - wie wäre es zum Beispiel mit sozialem Engagement?
