
- Belgrad Kalemegdan Save Donau - Thomas Dapper
Belgrad ist nicht Havanna, der Zusammenfluss von Donau und Save nicht der Malecon. Dafür flirrt im Sommer die Luft auf der Insel Ada Ciganlija, dass auch hier Touristen aus aller Welt die Party finden, die auf Mallorca oder in Bulgarien auch nicht schöner ist. Die erotische Stimmung vor Ort ist mit der in Kuba vergleichbar. Auch wenn in der Welt mehr Spanisch gesprochen wird als Serbisch, sind manche Bedingungen und die Mentalitäten einander in manchen Aspekten ähnlich:
Das Dorf der Verdammten
Kuba und Serbien genießen bei ihren großen und starken Nachbarn gleichermaßen einen schlechten Ruf. In den USA sind Reisen zur kleinen, kommunistischen Insel verboten. Die EU hatte erst im Juni 2010 die Visumpflicht für die Einreise von Serben nach Europa aufgehoben. Beide Staaten erfreuen sich dahingegen der Liebe Chinas. Mit dem Jahreswechsel 2012 wurde in Belgrad eine von China erbaute Brücke eingeweiht, während in Kuba nahezu alle modernen Reisebusse vom großen Bruder aus dem Fernen Osten stammen. In Serbien steht Kineski Butik (chinesische Boutique) für Ramschhöker der billigsten Kategorie. Eine Kineski Butik findet sich noch im kleinsten Dorf und jede mittelgroße Stadt beherbergt gleich mehrere dieser Billigshops.
Serbien gilt in Europa als der Alleinschuldige für das Auseinanderfallen Jugoslawiens und der damit verbundenen Kriege und Kriegsverbrechen. Srebrenica ist das bekannteste aller Massaker und es sind Serben die hierfür nach Den Haag gebracht wurden. Andere Massaker und die Morde an Serben finden in der europäischen Urteilsfindung und im Anerkennungsprozess des Kosovo hingegen kaum eine Beachtung. So fühlen sich viele Serben an Asterix erinnert: Auch das Dorf der unbeugsamen Gallier wurde in Rom nicht verstanden oder von Caesar geduldet, aber es konnte sich behaupten…
Die Geschichte der Underdog-Staaten
In beiden Staaten lebten vor der heutigen Bevölkerung andere Ethnien. In Kuba waren aus dem Gebiet der heutigen USA Indianerstämme in den Norden eingewandert. Der Süden der Karibikinsel wurde von Indianerstämmen Südamerikas besiedelt. Beide völlig unterschiedlichen Indianerstämme vermischten sich beim Aufeinandertreffen in der Mitte der Insel nur zu einem geringen Teil.
Im Gebiet des heutigen Serbiens waren Kelten und Römer zuhause. Alexander der Große hatte seine ersten Schlachten irgendwo entlang der Donau ausgefochten. Er kämpfte gegen dort beheimatete Traker und Illyrer. Später wurden die Römer von den Hunnen besiegt und vertrieben. Die Krönungsstadt Viminacium wurde zerstört, das ruhmreiche Naissos (heute Nisch) ist die Geburtsstadt des römischen Kaisers Konstantin. Nachdem die Hunnen ebenso spurlos und plötzlich verschwunden sind, wie sie erschienen waren, tauchten Awaren und mit ihnen ihr so genanntes Hilfsvolk, die Serben auf. Die Magyaren übernahmen die Weiten der pannonischen Tiefebene und die Weiße Stadt, das heutige Belgrad. Doch die seit etwa dem achten Jahrhundert in Serbien nachgewiesenen Serben erlebten 1389 ihre historische Katastrophe. Die Niederlage gegen das Osmanische Reich bedeutete die etwa fünfhundert Jahre dauernde Besetzung und Traumatisierung für das gesamte Volk bis heute.
In Kuba tauchten nur etwa einhundert Jahre später mit Kolumbus die Spanier auf. Sie gründeten die Stadt Santiago de Kuba, dem heute bekannteren Guantanamo nicht weit. Die Spanier brachten Sklaven aus Afrika und entließen sie relativ früh bereits wieder in die Freiheit. Das wirkte wie ein Magnet auf die Sklaven der Nachbarinsel Haiti, denen die Franzosen die Entlassung in die Freiheit verwehrten. Nach Unruhen begaben sich Flüchtlinge auf den Seeweg ins Gelobte Land Kuba.
Streit zwischen Spanien und den erstarkenden USA im Norden einte die unterschiedlichsten Wurzeln (Afrikaner, Spanier, Briten, Franzosen, Juden, Chinesen, Mestiken, Ureinwohner etc.) zu einer neuen Nation: Kuba. Und Kubaner widerstehen den USA.
Die Serben fühlen sich seit 1389 von Westeuropa im Stich gelassen und des islamischen Herren des Osmanischen Reichs ausgeliefert. Aus dieser „Ursuppe“ rührt das Misstrauen gegen Deutschland, Frankreich und die EU. Auch wenn das Land heute Mitglied der EU werden möchte, erwarten die einzelnen Bewohner des Landes kaum Besserungen durch die Mitgliedschaft der Europäischen Union. Zu schlecht sind hierzulande die Erfahrungen mit der als einseitig und ungerecht empfundenen Kosovo-Politik, Bosnien-Politik und den ständigen Benachteiligungen serbischer Interessen. Was soll sich also ändern? Besser nichts. Bleiben wir lieber unabhängig. Die gleiche Haltung in Kuba wie in Serbien.
Tanz, Musik und Lebensfreude
Was hier Salsa, ist dort der Kolo. Kapellen finden sich in beiden Staaten überall. Und in beiden Ländern spielen sie die ewig gleiche Musik. Was in Clubs des Westens für Abwechslung sorgt, erzeugt vor Ort eher Monotonie. Was der Rum auf der Insel, das ist der Rakija (Schnaps) in Serbien. Die Freude am Kaffee teilen die Menschen in den beiden kleinen Staaten.
Und weil die Menschen in beiden Staaten über geringe Einkünfte verfügen, machen sie das Beste daraus. Klaus Wowereits Motto „arm aber sexy“ gilt für Serbien wie für Kuba gleichermaßen mit dem Unterschied, dass Kuba keinen Winter kennt der den Serben ein wenig die Laune zu vermiesen mag, wenn es zu nass und kalt zugeht. Ansonsten ist aber erstaunlich wie viel Geschmack sich die Menschen leisten wo sie sich nicht viel leisten können. Oder treten beide Gesellschaften schlicht den Gegenbeweis zum in Deutschland pervertierten Konsumismus an, als sprächen sogar die Ärmsten vor Ort eine ewig gültige Wahrheit im Alltag gelassen aus: Geschmack kann man sich nicht kaufen.
Nationalhelden
Che Guevara, der Held der Kubanischen Revolution ist omnipräsent im Inselstaat. Josip Broz „Tito“, nicht minder ein zweifelhafter Held der kommunistischen Revolution in Jugoslawien ist hingegen nicht mehr sehr beliebt. Sein Enkelsohn Joschka Broz macht von sich reden, indem er die Opfer seines Großvaters verspottet „von denen, die man hätte umbringen sollen, hat man zu wenige umgebracht.“ Ein Recht auf Mord hat Karl Marx nirgendwo festgeschrieben. Das Heldengedenken wird fortgesetzt. Tito hat sein Mausoleum in Belgrad und Guevara seines in Santa Clara.
Quellen:
- eigene Recherchen und Reisen
- Serbien – Unterwegs zu verborgenen Klöstern und Kunstschätzen, Brigitta Gabriela Hannover Moser, Trescher Verlag, Berlin, 2009 ISBN 978-3-89795-144-1
- Cuba - Handbuch für individuelles Entdecken, Frank Herbst, Reise Know-How Verlag Peter Rump GmbH, 6. Auflage, ISBN 978-3-8317-1551-0
