Stimmt es, dass die Ostler wesentlich direkter und freizügiger mit dem Thema Sex umgingen, als die Westler? Meiers Film "Liebte der Osten anders? – Sex im geteilten Deutschland" stützt sich auf die Studienergebnisse des Leipziger Sexualwissenschaftlers Kurt Stake, der 1980 feststellte, dass erotische Experimentierfreude und Beischlafhäufigkeit in Ost und West ungleich ausgeprägt waren. Demnach soll die Gruppe der sexuell Aktiven, die mehr als vier Mal die Woche mit ihrem Partner Geschlechtsverkehr ausübten, in der ehemaligen DDR mit 38 Prozent fast doppelt so hoch gewesen sein, wie zur selben Zeit im Westen.
Im Osten: Kampf mit dem Sandmännchen im Schlafzimmer
Welche Tendenzen hinterm eisernen Vorhang spielten bei der sexuellen Ausprägung seines Volkes eine Rolle? Denn schließlich war bis 1945 die Entwicklung in West wie Ost geteilt und somit gleich. Der Filmemacher André Meier fragt sich und sein Publikum, woran das gelegen haben könnte. Vielleicht lag es an der selbstbewußteren Frauenrolle im Osten? Oder an der fehlenden kirchlichen Sexualmoral? Oder lag es doch an der kostenlosen Pille und den legalen Abtreibungsmöglichkeiten?
Via Original-Fernseh- und Filmausschnitten aus Ost und West, Interviews mit Sexualexperten, Historikern und Soziologen, unterbrochen von auflockernden Comicfilmchen, bahnt sich Meier seinen Weg, nicht um am Ende den (N)ostalgikern die vermeintlich gute, alte Zeit vor der Maueröffnung ins Gedächtnis zu rufen, vielmehr werden hier die gegensätzlichen Aufklärungs- und Erziehungsansätze ironisch gegenüber gestellt.
Im Westen: Mauerblümchen-Sex und Oswald Kolle
Im Gegensatz zu dem DDR-Massenphänomen FKK wirken selbst die Aufklärungsversuche vom westlichen Sex-Lehrmeister Oswald Kolle prüde. Im Film steht kirchliche Sexualmoral, lustfreundlichem Marxismus gegenüber, die Sex-Industrie konkurriert mit der praktischen 0815-Stellung und letztendlich wird gespielte Freizügigkeit von gelebter Freizügigkeit in die Knie gezwungen.
Filmemacher André Meier versucht dabei so neutral wie möglich zu bleiben, sein bissiger Humor, der sich gerade aus der direkten Gegenüberstellung des Sexualphänomens in den zwei deutschen Zonen ergibt, teilt aber all zu oft zugunsten der östlichen, weil offen propagierten Sexualmoral aus. Meier, selbst in den 60er Jahren in der Mauerstadt Berlin aufgewachsen wurde für sein Werk am 11. Mai 2007 beim Prix Circom Regional in der Kategorie "Editing" ausgezeichnet. Nach dem Zusammenwachsen Deutschlands entschied er sich selbst für ein Leben mit Familie in Mecklenburg Vorpommern. Ob die direkte Ostseeanbindung und damit nostalgische FKK-Erinnerungen ein möglicher Grund waren, bleibt Spekulation.
Geeintes Deutschland – geteilte Schlafzimmer
"Liebte der Osten anders?" Ein Film, der sexuell, so wie auch in puncto Ost und West aufklärt, um so das Miteinander und auch das miteinander Sex haben im Heutzutage zu erleichtern. Fazit des Films: die Deutschen nähern sich an – im Bett vielleicht eher als sonstwo. Die "Wiedervereinigung" bekommt unter diesem Aspekt eine völlig neue Bedeutung! Prädikat: für Ostler und Westler gleichermaßen sehenswert!
"Liebte der Osten anders? Sex im geteilten Deutschland" (2006), Doku von André Meier.
