
- Die Bilder sind allgegenwärtig - Ralph Thomas Kühnle/pixelio.de
Die heutige Gesellschaft scheint durch den Sex durchdrungen zu sein. Die entsprechenden Bilder sind allgegenwärtig: Auf den Titelblättern, in den Werbungen, TV-Spots und Spielfilmen recken sich nackte Frauen und auch nackte Männer in Posen, die vor einigen Jahren zu einer Strafanzeige geführt hätten. Die sexuellen Bedürfnisse nimmt man ernst. Es entstand eine ganze sexuelle Marktwirtschaft, Beate Uhse sein Dank. Was konnte uns heute im Thema Sex noch überraschen? Vielleicht die Tatsache, dass uns die alten Tabus und negative Bewertungen immer noch beeinflussen.
Sexuelle Revolution und heutige Fassade
Einerseits wird das sexuelle Verhalten durch eine beinahe grenzenslose Vielfalt von Formen geprägt, anderseits bleibt die Mehrheit der Bevölkerung, was die sexuelle Praxis betrifft, in den traditionellen Bahnen. Hinter der fortschrittlichen Fassade versteckt sich also ein verunsicherter und verklemmter Bürger, der sich auf das „vorrevolutionäre“ Niveau zurück entwickelt hat? Damals in den 1960ern brachte die „Sexuelle Revolution“ die strengen Regeln, Sitten und Ansichten zum Beben. Der voreheliche Sex, das Zusammenleben und -schlafen in den Kommunen, die Einführung der Pille, die die Frauen vor Angst schützte und zur Lust ermutigte, all das sollte die jungen Generationen von den alten Fesseln befreien. Der private Sex wurde zur öffentlichen politischen Waffe. Ganz unpolitisch dagegen agierte der Aufklärer aus dieser Zeit: Oswalt Kolle. Als Ziel hat er sich gesetzt, „die Liebe der Männer zu erotisieren und die Liebe der Frauen zu sexualisieren", und erreichte mit seinen Filmen viele Millionen Zuschauer. Wieso fruchten jene Errungenschaften heute nicht?
Wüsten der Lustlosigkeit
Zwischen der erreichten Freiheit und dem wirtschaftlichen breiten sexuellen Angebot irrt der moderne Mensch lustlos und enttäuscht, dass die erhoffte Befriedigung ausbleibt. „Aus hedonistischen Visionen sind Wüsten der Lustlosigkeit geworden“*), so beschreibt Werner Seppmann den heutigen Zustand der Gesellschaft in seinem Text „Befreiter Eros?“. Dies geschieht trotz der vielen Möglichkeiten der Abwechselung und Genusssteigerung. Die Gesetze des Marktes auf die fragile Materie der Lust übertragen scheinen mehr zu zerstören als zu intensivieren. Von lauter Bäumen sieht der Mensch keinen Wald mehr und vergisst, worum es ihm eigentlich ging. Die Verunsicherung führt zum reaktionären Verhalten und lässt alte negative Bewertungen und Tabus aufleben. Der Sex wird wieder als etwas Schmutziges verstanden. Darüber schweigt man eher als zu reden, fast wie zu der Zeit von Sigmund Freud, der im 19. Jahrhundert in den psychischen Problemen sexuelle Ursachen erkannte.
Diagnose: Isolierung und Angst vor Nähe
Der moderne Mensch krankt an Isolierung und Angst vor Nähe, lautet eine von Diagnosen, die die Gegenwart analysieren. Als wichtiges Symptom dient eben das gestörte Verhältnis zum Sex. Bevor uns ein neuer Aufklärer oder eine neue Revolution aus der Krankheit heilen wird, lohnt es sich zu erinnern, worum es eigentlich geht. In einem Internetforum, das die Anonymität sichert, spiegelt sich die ganze Breite der Meinungen über das Thema. boby 1978 schreibt „Sex ist eigentlich das Wichtigste auf der Welt. Beziehungen ohne Sex sind wertlos. Ein Leben ohne Sex ebenso.“ Dagegen sieht Plumpaquatsch im Sex nur eine Nebensache, die nicht überbewertet sein sollte und lästert „Die Leute kriegen doch schon Panik, wenn sie nur einmal in der Woche Sex haben, aber laut Statistik müssten sie 2,54 mal in der Woche poppen“. Eine Frau - juliav2 – widerspricht: „Sex ist nicht alles, aber Sex ist sehr wichtig. Sex in der Partnerschaft ist oft die Antwort auf ungestellte Fragen. Sex kann trösten, Sex bringt zum Ausdruck, was Worte nicht sagen können. Sex bringt den anderen näher zu uns, an uns und in uns. Sex ist Leben und ist die Lust daran.“
*) Werner Seppmann, Befreiter Eros?, in: Heike Friauf (Hg.), Eros und Politik, Paul-Rugenstein Verlang 2008. 166 Seiten.
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