In vielen deutschen Städten gibt es Wildwasser-Beratungsstellen, die Opfer von sexuellem Missbrauch und deren Angehörige unterstützen. Die Vereine sind unabhängig voneinander, haben ihr eigenes Profil und eigene Schwerpunkte. Seit 1987 bietet die Beratungsstelle des Wiesbadener Vereins Einzeltherapie, angeleitete Gesprächsgruppen, Informationsveranstaltungen, Präventionsarbeit und Fortbildungen für psychosoziale Fachkräfte.
Im Jahr 2008 gingen 317 Meldungen zu sexuellem Missbrauch bei Wildwasser Wiesbaden ein. Im Jahr davor waren es 367. „Die Meldezahlen werden wiedergegeben unabhängig von der Intensität, mit der die Beraterinnen mit diesem ‚Fall’ beschäftigt sind“, erklärt Jaqueline Ruben, Diplom-Sozialpädagogin. Therapeutin und Beraterin. „Hinter jeder einzelnen Meldung steht das Schicksal einer tief verletzten Person. Je nach Alter der Betroffenen, Art des Anliegens und Entfernung der Hilfesuchenden zur Beratungsstelle kann für die Beraterinnen der mit einer Meldung verbundene Arbeitsaufwand unterschiedlich hoch sein: Es kann sich um eine einmalige telefonische Beratung handeln, es kann aber auch die wochen-, monate- oder auch jahrelange Beratung und Begleitung der Ratsuchenden bedeuten.“
Nach Angaben von Wildwasser Wiesbaden e.V. haben die meisten Beratungsgespräche die persönliche Beratung und Unterstützung betroffener Mädchen und Frauen zum Inhalt. Einen weiteren großen Anteil der Beratungen nehmen Angehörige und professionelle Bezugspersonen in Anspruch, um bei der Erziehung betroffener Mädchen und Jungen, im Umgang mit betroffenen Jugendlichen oder zur Unterstützung erwachsener Betroffener, zum Beispiel der Partnerin oder Ehefrau, Hilfe zu finden oder um in der Beratung eine Vermutung von sexuellem Missbrauch abzuklären. Ein knappes Fünftel der Beratungen dreht sich um andere Themen wie die Suche nach geeigneten Therapien oder Kliniken, Fragen zu Anzeige und Prozess, den Umgang mit dem Täter oder um Prävention.
Wildwasser Wiesbaden e.V. arbeitet mit Schulen zusammen
2006 startete Wildwasser Wiesbaden in Kooperation mit dem Institut für Beratung und Therapie ein Schulpräventionsprojekt zum Thema sexuelle Gewalt. „Wir haben das Projekt entwickelt, weil betroffene jugendliche Mädchen und Jungen selten Hilfe in unseren Beratungsstellen suchen, obwohl die Beratungsstellen einen hohen Bekanntheitsgrad in Wiesbaden haben“, erläutert Jaqueline Ruben. „Wir wollten neue Wege gehen und die Jugendlichen dort aufsuchen, wo sie sich aufhalten – in der Schule.“
Das Schulpräventionsprojekt umfasst eine Informationseinheit für Lehrerinnen und Lehrer der sechsten Klassen, einen Elternabend für die angesprochene Jahrgangsstufe und geschlechtsgetrennte Informationsveranstaltungen für Schülerinnen und Schüler, die in den Beratungsstellen bei Wildwasser und dem Institut für Beratung und Therapie stattfinden beziehungsweise bei „BIZeps“, der seit 2007 bestehenden Jungen- und Männerberatungsstelle in Wiesbaden. In der Informationsveranstaltung für die beteiligten Lehrer und Lehrerinnen wird das Angebot vorgestellt und erläutert, welche Möglichkeiten sie haben, Jugendliche zu unterstützen. Mit dem Elternabend sollen Mütter und Väter Inhalte und Ziele der Veranstaltungen für ihre Söhne und Töchter erfahren sowie Hilfesignale betroffener Mädchen und Jungen und Möglichkeiten des Schutzes kennen lernen. Mädchen und Jungen werden in den Informationsveranstaltungen altersgerecht über sexuelle Gewalt informiert und lernen die jugendspezifischen Hilfsangebote der Fachberatungsstellen vor Ort kennen.
Schulen haben mehrmals an Präventionsveranstaltungen teilgenommen
„Die Resonanz auf das Schulpräventionsprojekt war schnell sehr positiv“, berichtet Jaqueline Ruben. „Unser Angebot war nach dem ersten Durchlauf im Jahr 2006 bekannt und wurde zum Teil ohne Akquise nachgefragt. Mehrere Schulen haben zum wiederholten Mal an den Präventionsveranstaltungen teilgenommen. Unser Angebot ist an diesen Schulen inzwischen etabliert, der Kontakt sehr eng geworden. Damit ist auch das Hilfsangebot für Mädchen und Jungen direkter erreichbar. Wir haben nach den Veranstaltungen sowohl die Lehrerinnen als auch die Mädchen und Jungen zur Qualität unserer Arbeit befragt.“
95 Prozent der befragten Lehrer und Lehrerinnen gaben an, dass sie sich an Wildwasser wenden würden, wenn sie Fragen zum Thema sexuelle Gewalt hätten. Die überwiegende Anzahl der Schülerinnen und Schüler gab in den Evaluationsbögen an, dass sie sich bei den Veranstaltungen in den Beratungsstellen sehr wohl fühlten. Wie im Jahr davor gaben etwa 80 Prozent an, dass sie sich nach den Veranstaltungen vorstellen konnten, bei Bedarf in die Beratungsstelle zu kommen. „Dies hat sich in der Praxis auch bestätigt, denn in 2008 hatten wir mehrere Beratungsgespräche mit Jugendlichen, die durch das Schulpräventionsprojekt von uns erfahren hatten“, stellte Jaqueline Ruben fest.
Wildwasser Wiesbaden e.V. arbeitet mit Betroffenen in der Landeshauptstadt Wiesbaden, im Rheingau-Taunus-Kreis und im Main-Taunus-Kreis. Die Beratungsstelle finanziert sich zu etwa 75 Prozent aus öffentlichen Mitteln und zu 25 Prozent aus Eigenmitteln wie Spenden, Beiträge der Fördermitglieder und Gebühren für Fortbildungen und Informationsveranstaltungen.
Kontakt: Wildwasser Wiesbaden, Dostojewskistraße 10, 65187 Wiesbaden, Telefonnummer 0611/808619.
