Es ist keine leichte Kost, die der Intendant des Wiesbadener Staatstheaters Manfred Beilharz zur Eröffnung der Maifestspiele ausgesucht hat. Unter Anwesenheit des Komponisten Rodion Shchedrin kommt eine Aufführung auf die Bühne, die das Thema des Kindesmissbrauchs anspricht. Sie basiert auf dem umstrittenen Roman "Lolita" von Vladimir Nabokow aus dem Jahr 1955.

Vierzigjähriger Mann verfällt zwölfjährigem Mädchen

Erzählt wird die Geschichte von Humbert Humbert, einem vierzigjährigen Mann, der sich in die zwölfjährige Tochter seiner Vermieterin verliebt. Um dem Mädchen nahe zu sein, heiratet er ihre Mutter Charlotte Haze. Seine leidenschaftlichen Gefühle für Lolita notiert er in einem Tagebuch, das Charlotte schließlich findet. Sie gerät in Panik, sucht Humbert auf und verbietet ihm fortan den Kontakt zu ihrer Tochter. Immer noch aufgewühlt rennt sie schließlich aus dem Haus, gerät unter ein Auto und stirbt.

Humbert Humbert verheimlicht dem Kind zunächst den Tod der Mutter und reist mit ihm als "Vater und Tochter" durch die USA. Bereits in der ersten gemeinsamen Nacht beginnt eine erotische und sexuelle Beziehung zwischen den beiden. Humbert Humbert verkennt jedoch die seelische Zartheit des Mädchens und verfällt in einen Wahn aus zunehmender Gewalt und Eifersucht. Nach zwei Jahren flüchtet sich Lolita schließlich in die Arme des Schriftstellers Clare Quilty, der sie wiederum für Sexfilme missbraucht. Als Humbert Humbert Lolita wiederfindet, ist sie aus einer neuen Beziehung schwanger, hat aber kein Geld. Er hilft aus, will aber dafür den Namen des Mannes, mit dem sie geflohen ist. Mit der Wahrheit konfrontiert, erschießt er Clare Quilty. Bevor Humbert für seine Tat zur Rechenschaft gezogen werden kann, stirbt er im Gefängnis, während Lolita die Geburt ihres Kindes nicht überlebt.

Pearson und Soulès brillieren in den Hauptrollen

Mit der Sopranistin Emma Pearson ist die Rolle der Lolita bestens besetzt. Mädchenhaft, ausdrucksstark, brillant in der Stimme - so hat sie schon 2009 das Publikum als "Lulu" verzaubert und so tut sie es heute wieder. Mit dem Bariton Sébastien Soulès als Humbert Humbert hat Pearson einen Partner an die Seite gestellt bekommen, der die perfekte Ergänzung bildet. Seine Leidenschaft, die Verzweiflung, das Zerbrechen an der Situation schlägt sich schauspielerisch wie stimmlich gleichermaßen auf der Bühne nieder. Auch Ute Döring als Charlotte Haze und Thomas Piffka als Clare Quilty überzeugen in ihren Rollen.

Wie gewohnt erhielt auch das Hessische Staatsorchester unter der Leitung von Wolfgang Ott am Premierenabend viel verdienten Beifall. Der 1. Kapellmeister war für den erkrankten Generalmusikdirektor Marc Piollet eingesprungen, meisterte die anspruchsvolle Partitur aber gekonnt sicher.

Modern, ungewohnt, gut verständlich

Bei der vorausgegangenen Eröffnung der Maifestspiele in den Kolonnaden merkte Oberbürgermeister Helmut Müller sinngemäß an, dass er gespannt sei, was da an diesem Abend für eine Aufführung auf ihn zukäme. In der Tat sind die moderne, gemäßigte Tonsprache und die kammermusikalisch angelegte Partitur zumindest anfänglich gewöhnungsbedürftig. Aber auch für Ohren, die Verdi, Mozart oder Rossini gewohnt sind, lohnt es sich, sich auf dieses "Abenteuer" einzulassen. Die Dramatik des Stückes wird durch die Musik feinfühlig und perfekt unterstrichen. Selbst ohne Text oder optische Anreize würde der Zuhörer wohl verstehen, welchem psychischen Zustand die Figuren auf der Bühne gerade unterliegen.

Inszeniert wird die Oper von Konstanze Lauterbach, die das Geschehen in einem vornehmlich in weiß gehaltenen Raum spielen lässt, der im mehrfachen Wortsinn viel "Spiel-Raum" lässt. Es gibt wenig Konkretes in diesem Raum zu entdecken und trotzdem ist der Bezug zur Szene immer erkennbar. Ganz besonders beeindruckend wird die Szenerie, wenn sich die Person der Lolita im 2. Akt in mehrere "Ichs" aufteilt, um den Leidensdruck aufzufangen, und dies über Doppelgängerinnen auf der Bühne eindrucksvoll dargestellt wird.

Weiterführende Informationen

Rodion Shchedrin wurde 1932 in Moskau geboren. Er studierte am Moskauer Konservatorium und schloss 1955 seine Studien in den Fächern Komposition und Klavier ab. "Lolita" ist die dritte Oper des Komponisten und wurde 1994 an der Königlichen Oper Stockholm uraufgeführt. Es war damit die erste Uraufführung eines seiner Bühnenwerke außerhalb Russlands. Bei den Maifestspielen in Wiesbaden erfolgt nun die deutsche und deutschsprachige Erstaufführung. Letzteres ist insofern bemerkenswert, da dies lange Jahre durch rechtliche Einschränkungen nicht möglich gewesen sei und erst durch die Initiative des Wiesbadener Staatstheaters eine Übersetzung realisiert werden konnte, so berichtet es das Staatstheater auf seiner Homepage.

Die nächsten Aufführungen finden am 16., 23. und 28. Juni 2011 im Großen Haus im Staatstheater Wiesbaden ab 19.30 Uhr statt. Karten zum Preis zwischen 7,70 Euro und 50,60 Euro (Onlinepreis, Kassenpreise und Vorverkauf eventuell abweichend) sind an den üblichen Vorverkaufsstellen erhältlich.

Quellen und Literatur:

Bildquelle: © Theaterfotograf Martin Kaufhold/ Staatstheater Wiesbaden