
- Nuland: Wie wir sterben - Droemer/Knaur Verlag
Dieser 1994 zum ersten Mal auf Deutsch erschienene Sachbuch-Klassiker um das Thema Sterben ist immer noch aktuell. Das Buch ist nicht nur nützlich für diejenigen, die mit Sterbenden zu tun haben, sondern für alle, die wissen wollen, was früher oder später auf sie selbst zukommt. Denn dem Tod entgeht niemand, auch wenn die moderne Apparatemedizin uns das oft vorgaukeln möchte. Nuland schildert nüchtern die biologische und klinische Realität der letzten Lebensphase. Seine Offenheit wirkt desillusionierend, gleichzeitig hilft sie, die Furcht vor den weithin tabuisierten Vorgängen um Sterben und Tod zu überwinden.
Was beim Sterben vor sich geht: Ein System bricht zusammen
Um an konkreten Beispielen zu zeigen, wie der Zusammenbruch körperlicher Funktionen schließlich zum Tode führt, hat Nuland die fünf häufigsten Krankheiten mit Todesfolge ausgewählt: Herzversagen, Schlaganfall, Alzheimer, Aids und Krebs. Außerdem geht er auf den Tod durch Gewalteinwirkung (Unfall, Selbstmord, Mord) ein. Am Beispiel seiner Großmutter schildert er den Alterstod, der auch dann eintritt, wenn keine genau umschriebene Erkrankung vorliegt. Er zeigt, wie einzelne Störungen im Organismus eine Kettenreaktion auslösen. Die zerstörerische Dynamik von je nach Krankheitsbild unterschiedlichen Fehlfunktionen führt schließlich zu einem Chaos und endet mit dem Zusammenbruch des Systems.
Die Rolle der Medizin im Sterbeprozess
Die hoch entwickelte Medizin möchte diesen Prozess stoppen oder zumindest verlangsamen. Aber was für den Arzt, der alle Behandlungsmöglichkeiten ausschöpft, ein Erfolg sein kann, ist für den Patienten oft eine Qual, darauf weist Nuland eindringlich hin. Dem Wunsch des Betroffenen oder seiner Angehörigen nach einem Sterben in Würde sei unbedingt zu entsprechen. Wenn der Arzt an die Grenzen seiner Möglichkeiten gelangt ist und nicht mehr heilen kann, sollte er dies emotional akzeptieren und sein Augenmerk auf die menschliche Begleitung des Sterbenden legen: "Am Ende des Lebens steht der Tod und nicht der Versuch, das Sterben zu verhindern. Der atemberaubende Fortschritt der Wissenschaft in unserem Jahrhundert hat dazu geführt, dass unsere Gesellschaft hier falsche Akzente setzt. Der Sterbende muss im Drama des Todes als Hauptfigur wieder in den Mittelpunkt rücken."
Sterben in Würde ist nur wenigen vergönnt
Aber ein Sterben in Würde, darüber lässt Nuland keinen Zweifel, ist trotz bester Bemühungen nur in seltenen Fällen möglich. Daher sollten idealisierende Vorstellungen vom „schönen Tod“ einer nüchternen Betrachtung weichen. Er wirbt dafür, nicht um jeden Preis Leben zu verlängern, sondern das Leben, solange der Organismus es erlaubt, sinnerfüllt zu gestalten. Dabei spart er auch kontrovers diskutierte Themen wie Selbstmord und aktive Sterbehilfe nicht aus. Auch wer mit Nulands Ansichten nicht immer einverstanden ist, findet Fakten und Argumente vor, die zur Klärung der eigenen Position beitragen können. Medizinisches Personal, Sterbebegleiter und Angehörige werden die Offenheit, mit der das Tabu Sterben hier behandelt wird, zu schätzen wissen.
Nuland schreibt für Laien gut verständlich, anschaulich und einfühlsam
Der Autor schöpft aus seiner langjährigen Erfahrung als Arzt. Das Buch hat er in einer für Nicht-Mediziner gut verständlichen Sprache verfasst. Bei aller schonungslosen Aufklärung über die Tatsachen der letzten Lebensphase ist seine Darstellung einfühlsam und durch die Schilderung vieler Fallgeschichten anschaulich und persönlich. Und über die bei amerikanischen Sachbüchern übliche ausschweifende Schilderung zu vieler nebensächlicher Details muss man hinwegsehen. Dies ist kein Trostbüchlein, sondern eine Aufklärungsschrift, zugleich aber auch ein Plädoyer für mehr Mitgefühl, das die Angst ein Stück weit nehmen kann.
Über die aktuelle Situation in Deutschland informiert der Arzt Michael de Ridder in seinem fundierten und engagierten Buch "Wie wollen wir sterben?".
Sherwin B. Nuland: Wie wir sterben. Ein Ende in Würde? Droemer/Knaur 2007. Broschiert, 384 Seiten. Euro 8,95.
