Sibylle Bergemann und Gregory Crewdson im C/O Berlin

Die Verlassenheit des Menschen - Gregory Crewdson
Die Verlassenheit des Menschen - Gregory Crewdson
In einer Doppelausstellung präsentiert das C/O Berlin zwei Fotografen, deren Arbeiten sich bestenfalls in der mitschwingenden Melancholie berühren.

Sibylle Bergemanns Polaroids sind Momentaufnahmen, die nicht den Eindruck erwecken, als seien sie spontanen Impulsen entsprungen. Egal, was sie gerade einfing – Kinder, posierende Halbdiven oder Naturlandschaften -, ihren Fotos gingen Überlegungen voraus, die auf die Besonderheit des Augenblicks abzielten. Die im November 2010 verstorbene Bergemann war seit 1967 freiberufliche Fotografin in der DDR und verdiente nach der Wiedervereinigung ihr Geld hauptsächlich als Modefotografin für auflagenstarke Magazine. Ganz anders hingegen Gregory Crewdson, der für seine kunstvoll arrangierten Aufnahmen teilweise die Poster-Größe favorisierte. Kommunikationslosigkeit und Entfremdung sind die Hauptthemen des Amerikaners, der 1962 in Brooklyn geboren wurde und heute Professor für Fotografie an der Yale University ist.

Mehr als nur ein Augenblick

Die Flüchtigkeit des Augenblicks war wohl nicht das Anliegen von Sibylle Bergemann. Diese Frau hat gewartet, die Motive wirken ausgesucht. Gezeigt werden 140 Fotografien, die über die Flüchtigkeit hinausweisen und etwas Markantes festhalten, das im Zeitlosen angesiedelt ist. Oftmals sind es Szenen, die der Profanität entwichen sind und ein Eigenleben führen. Gewiss, einige Naturlandschaften wirken banal und können allenfalls durch das Lichtspiel beeindrucken. Die Stärken Bergemanns liegen eindeutig in den Porträts, von denen sich allerdings nicht sagen lässt, dass sie natürlichen Lebenssituationen entstammen. Die meisten Personen posieren, sogar die Kinder, die, in surrealen Phantasie-Kostümen steckend, von einer spielerischen Welt, einer Unschuld des Werdens künden. Was der Betrachter bei den Frauenfotos sieht, sind große Gesten, würdevolle Blicke, aber auch ein erwartungsvolles Sehnen, das von Nostalgie umwittert ist. Individuelle Schicksale sucht man hier vergebens, eine zeitliche Einordnung ebenfalls. Die Kulissen wirken teilweise traumhaft, wie Ankündigungen aus dem Reich Utopia. Insgesamt rückt Bergemann einer wie auch immer gearteten Wahrheit kein Stück näher, sie liefert vielmehr Wirklichkeitsfragmente, die in den besten Arbeiten von einem ätherischen Glanz überzogen scheinen.

Technisch verfeinerte Inszenierungen

Gregory Crewdsons Fotos sind groß angelegte Inszenierungen, die von tagelangen Vorarbeiten geprägt sind und hinterher aufwendig am Computer bearbeitet werden. Die Kulissen werden nicht ausfindig gemacht, sondern mit Hilfe eines gewaltigen Arbeitsteams erst geschaffen. Mit der Herstellung einer künstlichen (Bild-)Atmosphäre wird jeglicher Anflug von Authentizität zunichte gemacht: Crewdsons Fotos sind durchkonstruierte Arrangements, deren Raffinessen erst durch akribische computertechnische Verfeinerungen hervorgehoben werden. Seine besondere Kunst besteht darin, eine Welt der Disharmonie, Kälte und Vereinsamung zu suggerieren, die dem Betrachter keineswegs derartige Emotionen zu entlocken vermag. Beim Anblick der Dokumente einer Vorhölle kann man sich eines Gefühls der Faszination nur schwerlich erwehren. Der Galeriebesucher weiß eben doch, dass es sich hierbei nur um überhöhte Trugbilder handelt, die nach der Bewältigung eines flüchtigen Schreckens einen ästhetischen Genuss zu bereiten imstande sind. Am wenigsten gelingt dies allerdings mit der Serie Fireflies: das sind kaum fassbare schwarz-weiß Fotos, die einen massiven Dunkelheitsgrad erreichen und ohne klare Aussage bleiben.

Crewdsons Schönheit des Grauens

Der Filmstudio-Komplex Cinecittà von Rom diente als geeignete Szenerie für Crewdsons Serie Sanctuary, die ein menschenleeres Gelände nach einer Filmproduktion präsentiert. Einige Fotos zeigen triste Architekturen, unbelebte Gassen und Torwege, während die interessanteren Formate Baugerüste, abgewrackte Fassaden und abbruchreife Ruinen zum Inhalt haben. Die Natur verrichtet unbekümmert ihr Werk, Gräser schießen empor und überwuchern die baulichen Überreste, als habe an einst idyllischen Schauplätzen der Verfall Einzug gehalten. In der Serie Beneath the Roses erreicht die Isolation der Individuen ein bedenkliches Ausmaß, das durch Detailfreude und Überzeichnung eine zusätzliche Verschärfung erfährt. Der Wohlstand der US-amerikanischen Gesellschaft ist allgegenwärtig, aber dabei denkt man unwillkürlich an Rosen, die auf einem fulminanten Leichenwagen liegen. Ein Auto fährt mit geöffneten Kofferraum durch eine gänzlich leergefegte Straße, alle Ampeln stehen auf Gelb, und die Fahrt scheint ins Nichts zu führen. Überall Ausweglosigkeit, Tristesse und Entfremdung, die Straßen sind teilweise nebelverhangen – und dennoch haftet dieser Ahnung des Grauens auch eine Schönheit an, die selbst einem verstörenden Mysterium eigen ist. Mitunter fällt der Blick des Yale-Professors auch in den häuslichen Bereich, wo sich vereinzelte Personen in einem durchaus kostspieligen Vorzeige-Interieur bewegen und der Sprachlosigkeit frönen. Gehobener Standard, doch Kommunikation findet nicht statt, eine Frau hantiert einsam in einer Küche und aus ihrer Vagina dringt Blut. Auf einem anderen Foto sitzt eine aufgetakelte Mutter mit ihrem Sohn am Esstisch und – schweigt.

C/O Berlin

Oranienburger Straße 35/36, 10117 Berlin-Mitte, täglich 11- 20 Uhr

Ausstellung vom 2. Juli – 4. September 2011

Bildnachweis: © Gagosian Gallery, New York. White Cube, London. Der Künstler.

© Nachlass Sibylle Bergemann. Ostkreuz Agentur der Fotografen, Berlin.

Steffen B. Kassel, Steffen B. Kassel

Steffen Kassel - Magister in Germanistik, Geschichte und Philosophie (1994) Relevante Stationen: Auswertung von Fernsehsendungen (Institut für ...

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