
- Sibylle Lewitscharoff - Amrei-Marie
Obwohl noch nicht vorüber, ist es längst ein gutes Jahr für Sibylle Lewitscharoff gewesen. Als sie im Juni die Frankfurter Poetik-Vorlesung hielt, wurde bekannt gegeben, dass sie den diesjährigen, mit 20.000 Euro dotierten Kleist-Preis erhält. Zweieinhalb Wochen später bekam sie den 12.500 Euro schweren Ricarda-Huch-Preis zugesprochen. Wieder vergingen zwei Wochen und sie konnte sich über ein Künstlerstipendium in der Villa Aurora in Los Angeles freuen. Der Marieluise-Fleißner-Preis (10.000 Euro) folgte in kurzem Abstand. Ihr neuestes Werk ‚Blumenberg’ steht außerdem auf der Shortlist des deutschen Buchpreises und ist für den Wilhelm-Raabe-Literaturpreis nominiert. Bevor jemand neidisch wird: Der Erfolg der 57-jährigen Autorin ist das Ergebnis entbehrungsreicher Arbeit. Als sie ihr erstes Buch ‚36 Gerechte’ veröffentlichte, war sie bereits vierzig Jahre alt, ein Alter, in dem andere Autoren schon an der Kultivierung ihres Ruhmes arbeiten.
Kindheit in Stuttgarter Exil-Bulgaren-Gemeinde
Einen leichten Zungenschlag ihrer schwäbischen Heimat hat Sibylle Lewitscharoff sich bis auf den heutigen Tag bewahrt. In Stuttgart wuchs sie wohlbehütet im Vorort Degerloch auf. Der Vater als Arzt mit stabilem Einkommen und ein Dackel als Haustier vervollständigen das Bild einer biederen deutschen Familie. Doch dieses idyllische Bildnis hatte auch einige Risse. Kontakt zu den unteren Schichten pflegte Lewitscharoff vor allem über eine Community ausgewanderter Bulgaren, zu denen Gemüsehändler ebenso gehörten wie der Besitzer des größten Bordells Stuttgarts. Diese Gemeinde und den frühen Tod ihres Vaters, der Selbstmord beging, verarbeitet sie, wenn auch poetisch verzerrt, in ihrem Roman ‚Apostoloff’, einer mitreißenden Attacke gegen Bulgarien, Stuttgart und den Vater.
Provokation, Reisen und viel Selbstkritik in den ersten Jahren
Der Mief des Schwabenlandes muss sie früh angewidert, aber auch zur Provokation inspiriert haben. Mit achtzehn beteiligte sie sich an der Gründung eines Sozialistischen Büros in Stuttgart. Danach studierte sie in Berlin Religionswissenschaft und Germanistik, wohnte je ein Jahr in Buenos Aires und Paris, und arbeitete anschließend als Buchhalterin für eine Werbeagentur. Sie schrieb für sich privat, trat aber nicht an Öffentlichkeit. Ihr Anspruch muss der höchstmögliche gewesen sein – jedenfalls wird sie bereits in Thomas Steinfelds viel beachteten, neuen Stilratgeber ‚Der Sprachverführer’ als Vorbild empfohlen. Hartnäckige Selbstkritik über zwanzig Jahre, ohne dabei aufzugeben, zeichnen Sibylle Lewitscharoff vor den jung begabten Autoren aus.
Der Mief des schwäbischen Bürgertums als Inspiration und Reibefläche
Wie sie es auf der Frankfurter Poetikvorlesung ausdrückte, muss sie über ein Milieu schreiben, das sie kennt. Bislang hatten ihre Bücher daher häufig eine Verbindung zur biederen Welt Stuttgarts. Neben den bulgarischen Exilanten in ‚Apostoloff’ zeichnet Sibylle Lewitscharoff in ‚Montgomery’ das liebevolle Porträt eines Exilschwaben, der in Rom zum Filmemacher wurde. Wenige Details reichen, um den Abgrund des Spießertums zu illustrieren. So isst Montgomery Cassini-Stahl – in Stuttgart nur als Blechle bekannt – täglich einen Frühstücksbrei mit reifen, aber noch druckstellenfreien Pfirsichen. In ihrem Roman ‚Consummatus’ finden die Totengespräche mit Andy Warhol selbstverständlich im Stuttgarter Café Rössler statt. Trotz höchster Bildung und ihrem Plädoyer für fantastische Literatur hat Sibylle Lewitscharoff nie die Bodenhaftung des Ländle verloren.
Der späte Durchbruch mit ‚Pong’ beim Ingeborg-Bachmann-Preis
Obwohl sie erste Erfahrungen mit Radiofeatures und Hörspielen gesammelt hatte, blieb Sibylle Lewitscharoffs erster Roman relativ unbeachtet. Der Ingeborg-Bachmann-Preis, den sie 1998 mit dem Text ‚Pong’ gewann, machte die zähe Schriftstellerin mit einem Mal in der literarischen Landschaft Deutschlands bekannt. Da sie sich für ihre Romane Zeit lässt, ihre Charaktere auch zeichnet und in Kollagen verarbeitet, veröffentlicht sie nur im Abstand von mehreren Jahren, doch dann in einer stilistischen Finesse, die ihresgleichen sucht. Spätestens seit dem Preis der Leipziger Buchmesse für Apostoloff genießt sie die Anerkennung, zu den besten zeitgenössischen Autoren zu gehören.
Was sie jungen Autoren rät, ist exemplarisch für ihren Lebensweg: Geduld und das genaue Studium der alten Meister.
Quellen:
Suhrkamp.de-Autoreninformation
Autopsie bei Frankfurter Poetik-Vorlesung
Lektüre ihrer Romane
