
- Ness, Dowd: Sieben Minuten nach Mitternacht Cover - UNO
Conor weiß, dass seine Mutter sehr schwer krank ist. Seit langem quält ihn ein Alptraum, der so entsetzlich ist, dass er mit niemandem darüber sprechen kann. Nacht für Nacht für Nacht kommt der Traum wieder und sorgt dafür, dass der Junge schweißgebadet aufwacht. Es ist ein Dunkel in diesem Traum, das man nicht benennen kann, das Conor niemals auszusprechen wagte. Es ist ein Dunkel, das bis in seine Tage hinein reicht und ihn vom Rest der Welt abschneidet, ein Dunkel, das ihn verstummen lässt. Die ganze Welt hat sich verändert, seit es da ist und permanent in seinem Hinterkopf lauert, um wieder über ihn herzufallen, sobald er schläft und sich nicht wehren kann. Doch eines Nachts weckt ihn der Traum zur rechten Zeit.
Sieben Minuten nach Mitternacht
00:07 zeigt die Uhr an, als Conor seinen Namen hört. Nicht von der schwachen Stimme seiner Mutter ausgesprochen, nein, auch der Vater ist nicht unvermutet aus Amerika von seiner zweiten Frau und der kleinen Tochter zu Besuch gekommen. Die Stimme ist viel urtümlicher, erdiger, was nicht verwunderlich ist, wenn man erst einmal herausfindet, dass sie zu der Eibe aus dem Garten gehört, die halbwegs menschliche Züge angenommen hat und in all ihrer Riesenhaftigkeit läuft und spricht. Das Eibenmonster verspricht Conor, dass es ihm im Laufe der Zeit drei Geschichten erzählen wird, und dann sei es an ihm, Conor, die vierte Geschichte hinzuzufügen.
Conor hat keine Geschichten, die er preisgeben möchte, und das Monster kann ihn nicht schrecken, da es nicht so schlimm ist wie sein Alptraum. Und doch, während das unaufhaltsame Elend seines Lebens sich unerbittlich immer weiter voranschiebt, lernt der Junge das Monster schätzen, das in der Nacht kommt, um ihm abstruse Dinge zu erzählen.
Die grauen Tage
Lily war einst Conors Freundin, früh schon, als sie noch ganz klein waren. Lilys Mutter war die Freundin von Conors Mutter, daher kannten sich die Kinder. Conor hat Lily immer gemocht, bis seine Mutter krank wurde und Lily es ihren Freunden erzählte und die es ihren Freunden erzählten und alle Conor selbst behandelten wie einen Schwerkranken. Niemand traute sich mehr an ihn heran, zu düster war die Last, die ihn drückte. Niemand, außer Harry und seinen Spießgesellen. Harry quält gern Leute, die sich nicht wehren können, und im Moment ist Conor sein beliebtestes Opfer.
Aber das ist noch gar nichts im Gegensatz zu den Ängsten, die er aussteht, wenn er bei seiner Großmutter sein muss, wann immer seine Mutter im Krankenhaus ist: Die beiden sind sich einig darin, dass sie nicht miteinander klarkommen. Und sein Vater? Der ist weit weg, und er hat eine neue Familie, um die er sich kümmern muss. Und wer bleibt für Conor...?
Der bittere Plot
Ein Dreizehnjähriger muss irgendwie damit umgehen lernen, dass seine Mutter sterben wird - das ist der Kern dieses Buches. Und er ist für sich genommen schon todtraurig. Die sukzessive Vereinsamung des Jungen, dadurch, dass alle vor seinem Leid zurückschrecken, die Art, wie er sich unter dem Mitgefühl windet, das er nicht möchte, und seine düsteren Zukunftsaussichten bei einer Großmutter, die nicht um ihn gebeten hat und der er nichts abgewinnen kann, gehen zu Herzen. Dabei ist das Buch nicht besonders schwierig geschrieben. Es bedient sich meist simpler, nicht allzu langer Sätze, als wolle es auch diejenigen in Conors Alter ansprechen. Es ist auch nicht nötig, dass der Autor sich einer hochgestochenen oder phantastischen Sprache bedient - der Rest der Handlung ist durchaus schon von ganz alleine phantastisch genug.
Das Eibenmonster
Eine Eibe, die nachts zum Leben erwacht und einem Jungen Geschichten erzählt - das kann doch nur eine Metapher sein? Hoffentlich nicht. Hoffentlich ist es genau so ein Monster, wie sich Autoren sie ausdenken können, um damit ihre Geschichten zu befüllen. Denn es ist ein gutes Monster, voller Widersprüche und Tücken und Ambivalenzen. Seine Geschichten haben zwar einen Sinn, aber sie wirken nicht so. Sie muten absurd an, führen in die Irre, und oftmals wirkt es nicht eben so, als sei das Monster Conor wirklich wohlgesonnen.
Beeindruckend schön sind auch die Illustrationen von Jim Kay, der dem Monster in Schwarzweißbildern ein Äußeres gegeben hat, bei dem der Leser beifällig nicken und denken kann, dass es sehr gut getroffen ist.
Das Autorenduo
Siobhan Dowd hat vier Romane für junge Erwachsene geschrieben, ehe sie 2007 an Krebs gestorben ist. Patrick Ness bewunderte sie als Autorin sehr, wenngleich es ihm nie vergönnt war, sie kennenzulernen. Als Siobhan Dowd starb, hatte sie die Figuren dieses Romans erdacht, ein Exposé erstellt und einen Anfang geschrieben. Dies ist das Gerüst, das Patrick Ness schließlich weiter bearbeitete. Er gab dem Roman seine eigene Note, natürlich, und doch schrieb er immer im Gedenken an die Kollegin, der er das Werk verdankte. Und das Ergebnis ist ein ziemlich besonderes Buch beworden.
Fazit: Ein trauriger, ungewöhnlicher, schöner und etwas schräger Roman über das Sterben und das Weiterleben.
Patrick Ness/Siobhan Dowd: Sieben Minuten nach Mitternacht. Goldmann, August 2011. Gebundene Ausgabe, 216 Seiten. Euro 16,99
