Ein Koloss von Hammerkopf ruht hinter den Füßen eines athletischen Mannes, der auf hohem Podest zwischen zwei Brunnen Posten bezieht. "Der Wehrhafte Schmied" gilt in Aachen als Held. Der Grund für diese Ehrung eines Schmiedes zeigt sich in den Geschehnissen der Nacht vom 16. auf den 17. März 1278. In dieser Nacht kam es zur erbitterten Schlacht zwischen den Aachenern und dem Grafen von Jülich und seinen Rittern. Die Beschreibungen der zugrunde liegenden geschichtlichen Ereignisse reichen vom geplanten, gewaltsamen Einmarsch in die Stadt Aachen bei einem nächtlichen Überfall bis hin zu einem plötzlichen Kampfausbruch, als Aachen sich ungerechtfertigt der Forderung nach zu zahlenden Steuergeldern ausgesetzt sah.
Während des Kampfes gelang es den Aachenern, den Grafen und seine Mitstreiter bis ans Aachener Weißfrauenkloster zurückzudrängen. Die Flucht aus Aachen gelang dem Grafen nicht mehr. Auf seinem Rückzug wurden er und seine Söhne vor dem Kloster erschlagen. In der Literatur finden sich voneinander abweichende Angaben über die tatsächliche Anzahl der an der Schlacht beteiligten Grafensöhne.
Der Legende zufolge wird die Tat einem Schmied zugeordnet. Allerdings soll der "Wehrhafte Schmied", dem zu Ehren am 27. Juli 1909 das von Karl Burger geschaffene Denkmal errichtet wurde, in Wirklichkeit ein Metzger gewesen sein (jüngere Forschungen sprechen von keiner bestimmten Berufsgruppe, sondern davon, dass Graf und Gefolgschaft von den Einwohnern Aachens überwältigt wurden). Doch gleich, ob Schmied oder Metzger: auf den Sieg folgten Schmach und Niederlage für Aachen.
Büßen für den Befreiungsschlag
Dem Befreiungsschlag folgten bittere Konsequenzen für Aachen. Laut des Sühnevertrages von 1280 wurde die Stadt dazu verurteilt, vier Sühnealtäre zu errichten. Zudem mussten der verwitweten Gräfin Richarda von Jülich 15.000 Mark in Silber als Sühnegeld für Mann und Söhne ausgezahlt werden. Außerdem wurde eine Summe in Höhe von 1.000 Talern fällig für die noch nicht mündigen Söhne eines erschlagenen Grafensohnes. Doch das war noch nicht alles: Die Aachener mussten in ihrer Stadt dem Feind ein Ehrendenkmal errichten. Und zwar am Ort des entscheidenden Gemetzels: in der Aachener Jakobstraße.
Durch die Jahrhunderte gemahnte dieses Ehrenmal, eine Statue in einem sie umgebenden Gewölbe, an die grausigen Ereignisse in der Gertrudisnacht. Doch Aufbau und Material des steinernen Mals ließen eine solide Qualität vermissen. So nagte der Zahn der Zeit an dem anfälligen Werk um so intensiver. Zunächst stürzte 1666 das Gewölbe ein, und im Jahre 1705 zerfielen zwei Säulen in Trümmer. Zuletzt bestand das einstige Ehrenmal aus Fragmenten. Etwa ein Jahrhundert später wurde es entfernt.
Der Mythos in Versen: "Der Schmed van Oche"
Im Jahre 1909 schließlich wurde dem "Wehrhaften Schmied" ein Denkmal gesetzt, am gleichen Ort in der Jakobstraße. Zu den damaligen Ereignissen erschien zur Enthüllung des Denkmals eine Art Ballade in der ältesten Aachener Zeitung, dem "Echo der Gegenwart". Das Gedicht Der Schmed van Oche (Der Aachener Schmied) erzählt auf Öcher Platt von Schmied und Schlacht aus Volkes Herz und Sicht.
Doch die Verse zeichnen keine heldenhafte Überhöhung des Schmiedes, der sich mutig dem Grafen entgegenstellte, einzig, um den Kampf zu entscheiden und die Stadt Aachen zu retten. Das Motiv der Erschlagung verschiebt sich auf eine äußerst persönliche Ebene: auf die eines leidenden Vaters, der seinen einzigen Sohn in der Schlacht verloren hat. Nicht Heldentum treibt hier den Schmied an, sondern unfassbares Leid und daraus geborene blinde Racheabsicht. Nicht Rettungsabsicht, sondern unsäglicher Schmerz über den Verlust seines Sohnes bilden hier das Motiv, das Motiv eines Vaters, der dem Grafen den gleichen Schmerz zufügen will, wie der, der ihm zugefügt wurde. So erschlägt der Schmied in dieser Dichtung alle drei Söhne des Grafen. Schmerzerfüllt brüllt der Graf auf und schwingt sein Schwert gegen den Schmied, doch fast in derselben Sekunde hebt dieser noch seinen schweren Zuschlaghammer und schlägt durch Helm und Kopf des Grafen.
Seitdem gilt der Schmied generell als Erretter Aachens, sein Eingreifen in die Schlacht als mutige Heldentat, die einzig diesem Zwecke dienen sollte. Die Verse aber zeichnen das Bild eines vom Leid überwältigten Vaters – und seiner Rache.
Quellen:
- Stadtbibliothek Aachen (Sonderbestände: "Der Schmed van Oche", R. Brauer, "Echo der Gegenwart")
- Aachener Zeitung
- Aachener Geschichtsverein
- Wo Wasser fließt und Bronze schimmert: Brunnen und Denkmale in Aachen; Rundwege; Schütt, Anke und Hahnbück, Oscar, Einhard-Verlag
- Geheimnisvolles aus Aachen - Klatsch und Historie, Rosemarie Herrmann, Shaker-Verlag
