Palästina in den dreißiger Jahren. Immer mehr Juden aus Deutschland wandern ein in das kleine Stück Land am Mittelmeer. Die meisten kommen nicht aus ideologischer Überzeugung, sondern als Flüchtlinge. „Jeckes“ werden sie oft spöttisch genannt. Viele sind hoch gebildet, nicht mehr ganz jung – Hebräisch spricht kaum einer von ihnen. Viele werden es auch nie besonders gut lernen, sie halten an der deutschen Sprache fest, ihrer Muttersprache. Doch genau die wird in ihrer neuen Heimat in jener Zeit heftigst angefeindet – als „Sprache der Nazis“ einerseits, als Konkurrenz zum gerade erst wiederbelebten Hebräisch andererseits.
In dieser Zeit ist die Gründung eines deutschsprachigen Nachrichtenblattes zwar logisch und sinnvoll, doch nicht ohne Risiko – ähnliche Versuche zuvor sind bereits am Widerstand der einheimischen Bevölkerung gescheitert. Doch davon lässt sich Siegfried Blumenthal nicht beirren: Er gründet seine Zeitung, zunächst unter dem Namen „Private Correspondenz“, später wird sie in „Blumenthals Neuste Nachrichten“ umbenannt. Und bis heute existiert das Nachfolgeblatt, die Tageszeitung „Israel Nachrichten“.
Siegfried Blumenthal
Siegfried Blumenthal, geboren 1894, war in Magdeburg aufgewachsen. Bis zu Beginn der Naziherrschaft hatte er, nachdem er eine kaufmännische Lehre abgeschlossen hatte, im jüdischen Verlagshaus Mosse in Berlin gearbeitet, das Zeitungen wie das „Berliner Tageblatt“, das „8-Uhr-Abendblatt“ und die „Volkszeitung“ herausgab. Anfang der dreißiger Jahre wurde Blumenthal zusätzlich selbst verlegerisch tätig – in seinem eigenen Verlag „Sefathenu“ (hebr: „Unsere Sprache“) brachte er ein vierbändiges Hebräisch-Lehrbuch heraus.
Bereits 1933 wurde der jüdische Inhaber des Verlagshauses Mosse von den Nazis entlassen, die Inhalte der verlagseigenen Zeitungen wurden fortan von nationalsozialistischen „Kommissaren“ kontrolliert und nach deren Vorstellungen verändert. Im Sommer 1933 wurden viele der jüdischen Angestellten entlassen. Ob Siegfried Blumenthal dazu zählte, oder ob er – als überzeugter Zionist – ohnehin eine Auswanderung nach Palästina plante und deshalb „freiwillig“ ging, ist nicht bekannt. Jedenfalls entschloss sich Blumenthal bereits 1934, Deutschland zu verlassen und nach Palästina zu emigrieren. Seine Familie – seine Frau Ilse und die beiden Töchter – kamen 1936 nach.
Siegfried Blumenthal hatte bereits in Deutschland Hebräischunterricht genommen. Dennoch: Immer wieder wird berichtet, dass er Zeit seines Lebens die hebräische wie auch die englische Sprache nur sehr eingeschränkt beherrschte. Im Hause Blumenthal wurde jedenfalls auch in Palästina immer Deutsch gesprochen.
Motivation für die Zeitungs-Gründung
Häufig wird angenommen, dass es in allererster Linie wirtschaftliche Gründe waren, die Siegfried Blumenthal veranlassten, in Palästina ein deutschsprachiges Blatt zu gründen. Tatsächlich gibt es viele Hinweise auf eine solche Motivation. Da es in jenen Tagen in Palästina zwar viele tausend Flüchtlinge aus Deutschland, aber keine Tageszeitung in deutscher Sprache gab, muss es dem Geschäftsmann von Anfang an klar gewesen sein, dass mit einer solchen Publikation ein gutes Geschäft zu machen wäre. In der Tat wurde Siegfried Blumenthal durch sein Blatt zu einem wohlhabenden Mann. Vor allem am Anfang hatte er nur wenige Ausgaben: Er übernahm einfach die Meldungen aus der hebräischen Presse und ließ sie übersetzen, zudem zahlte er seinen Mitarbeitern sehr geringe Löhne. Seine geschäftlichen Interessen an dem Blatt hat Blumenthal nie verheimlicht. Einer seinen langjährigen Mitarbeiter, Schalom Ben-Chorin, erinnerte sich an den Ausspruch des Herausgebers: „Ich handele mit bedrucktem Papier.“
Viele Schwierigkeiten
Andererseits wird man Siegfried Blumenthal nicht gerecht, wenn man bei seiner Zeitungsgründung ausschließlich von geschäftlichen Motiven ausgeht. Vor allem in den ersten Jahren nach der Gründung hatte sein Blatt ein existentielles Problem mach dem anderen auszustehen – sei es durch Lizenzentzug, durch Papierknappheit, durch den Kampf gegen die deutsche Sprache in Palästina. Es wäre für Blumenthal wesentlich einfacher gewesen, sich durch den Wechsel in einen anderen Geschäftszweig eine berufliche und finanzielle Basis aufzubauen. Dass er dies nicht tat und sein Projekt trotz aller Schwierigkeiten mit großer Beharrlichkeit weiterführte, belegt, dass es auch andere als rein geschäftliche Motive für die Gründung und Herausgabe des Blattes gab.
Eine Zeitung für die deutschen Flüchtlinge
Eines davon ist sicherlich Blumenthals Interesse für den Journalismus. Vor der Herausgabe seines Übersetzungsblattes in Palästina hatte er zwar nie als Journalist gearbeitet, war aber durch seine Verwandtschaft in Deutschland bereits früh mit Journalisten und Schriftstellern in Verbindung gekommen.
Vermutlich entscheidend war aber der Wunsch Blumenthals, seinen nach Palästina emigrierten deutschen Landsleuten zu helfen. Er selbst hatte erhebliche Schwierigkeiten mit dem Hebräischen und konnte so die Probleme der anderen deutschen Einwanderer gut nachempfinden, die sich durch den Mangel an für sie verständlichen Nachrichten in Palästina vom aktuellen Weltgeschehen abgeschnitten fühlten. Und er sah sich in der Lage, Abhilfe zu schaffen: Durch die Gründung seiner – anfangs sehr einfach aufgemachten – Zeitung gab er ihnen die Möglichkeit, direkt an Informationen zu kommen. Er gab ihnen die Chance, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Und vor allem nahm er ihnen das oft gehegte Gefühl, ausgeschlossen zu sein. Er baute den deutschen Einwanderern, so wurde es einmal formuliert, eine „Brücke zur Wirklichkeit“.
