Sigfrid Karg-Elert (1877 bis 1933)

Er war ein schräges Komponisten-Genie. Seine Verkennung dauert an.

Vor 75 Jahren starb Sigfrid Karg-Elert, neben Max Reger wohl der fruchtbarste Komponist der Jahrhundertwende. Bis heute steht eine angemessene Würdigung aus.

„Also, bei Karg-Elert gab es keine Ruhe, es war immer irgendwas los.“ So äußerte sich Johannes Piersig über den Komponisten. Zweifelsohne war Sigfrid Karg-Elert einer der genialsten und wohl eben deswegen unkonventionellsten Musikschöpfer des beginnenden 20. Jahrhunderts. Trotzdem ist sein umfangreiches Oeuvre auch 75 Jahre nach seinem Tod noch bei weitem nicht zur Gänze aufgearbeitet.

Kindheit und Jugend

Geboren wurde der Sohn eines Buchhändlers am 21. November 1877 als Siegfried Theodor Karg und jüngstes von zwölf Kindern in Oberndorf am Neckar. Seine Kindheit war geprägt von primitiven und beengten Lebensumständen. 1882 übersiedelte die Familie nach Leipzig.

Schon damals verfügte Siegfried über eine herausragende Sopranstimme und war außerdem im Besitz des absoluten Gehörs. So nahm ihn Kantor Röthig in den Chor der Johanniskirche auf. Gönner schenkten dem jungen Talent ein Tafelklavier und ermöglichten ihm privaten Klavierunterricht. In diese Zeit fallen auch Karg-Elerts erste Kompositionen, darunter eine Weihnachtskantate, die 1890 in der Johanniskirche auch zur Aufführung kamen.

Großzügige Förderung eines jungen Talents

Zunächst sollte Karg-Elert Lehrer werden, doch erfüllte ihn das angetragene Berufsziel nicht. So desertierte er 1893 zur Stadtpfeiferei Markranstädt und eignete sich hier unter schwierigsten Verhältnissen die Kenntnisse über die meisten Orchesterinstrumente an. 1896 nach Leipzig zurückgekehrt, wurde der Komponist Emil Nikolaus von Reznicek auf ihn aufmerksam und ermöglichte ihm ein dreijähriges Freistudium am Leipziger Konservatorium, wo unter anderem Jadassohn und Teichmüller seine Lehrer waren. Vor allem der Liszt-Schüler Alfred Reisenauer förderte ihn in der großzügigsten Weise und ermöglichte ihm bis 1902 nochmals ein Freistudium, welches seinen Abschluss in der Meisterklasse Robert Teichmüllers fand.

Erster Durchbruch

Zudem betätigte sich Karg-Elert bis 1902 kurze Zeit als Klavierlehrer in Magdeburg. Dort änderte er auch – angeblich auf Veranlassung des Direktors – seinen Namen. „Durch unglückliche Liebe und religiöse Skrupel“ kam es dann allerdings zu einem völligen seelischen Zusammenbruch. Unterstützt von Edvard Grieg widmete er sich in der Folge nur dem eigenen Schaffen. Grieg war es auch, der Karg-Elert 1904 mit dem Verleger Carl Simon bekannt machte. Dieser erschloss ihm das Kunstharmonium und wurde als „Papa Simon“ zu einem engen Vertrauten und Mäzen. Weitere Unterstützung erfuhr der junge Komponist durch Busoni, Pembaur und Reger. So konnten bis 1925 zahlreiche Werke gedruckt werden, die bis in die USA sowie Australien verbreitet wurden. Angeregt durch den Leipziger Gewandhausorganisten Paul Homeyer wandte sich Karg-Elert ab 1909 auch der Orgel zu und legte mit seinen 66 Choralimprovisationen op. 65 den Grundstein für ein beträchtliches Orgel-Oeuvre.

Ablehnung eines Kosmopoliten

1910 heiratete er Minna-Louise Kretzschmar; aus der Ehe ging eine Tochter hervor. Im selben Jahr wurde ihm auch die Ehrendoktorwürde verliehen, bevor er als Kriegsfreiwilliger in die Regimentskapelle eintrat. 1919 wurde Karg-Elert als Lehrer für Theorie und Komposition an das Leipziger Landeskonservatorium berufen und erwarb sich dort einen großen Ruf. Dennoch gelang es ihm nicht, einen Organistenposten in Leipzig zu bekommen. Auch erfuhr sein Schaffen im Zuge der sukzessiven Nationalisierung in den zwanziger Jahren schrittweise Ablehnung. So lamentierte der Komponist: "O, was mir die Freundschaft und Sympathie zu England, Frankreich und Italien schon oft geschadet hat, man wird sofort als Jude, Verräter und Bolschewik abgestempelt – Es ist schlimm!"

Später Ruhm

Doch gab es in seinen letzten Lebensjahren auch etliche sonnige Abschnitte. So konnte Karg-Elert 1930 an einem Festival in London teilnehmen, welches zu seinen Ehren ausgerichtet worden war. Auch wurde er 1932 zu einer Orgel-Tournee durch die USA eingeladen und nahm diese trotz Krankheit an. Laut Oliver Hilmes endete die Tournee mit einem Fiasko, da er als Nicht-Organist die hohen Erwartungen des Publikums nicht erfüllen konnte. Laut MGG aber wurde er lebhaft gefeiert - und erhielt sogar den Ruf als Orgelprofessor nach Pittsburgh. Doch waren die Krankheiten Diabetes und Neurasthenie schon zu sehr fortgeschritten… Sigfrid Karg-Elert verstarb am 9. April 1933 in Leipzig.

Stilistische Vielfalt eines impulsiven Naturells

Virtuos-impressionistisches Denken, gewissenhafte Handhabung ererbter Techniken, Integration artverwandter Folklore sowie die Weite polyphonen Denkens – all dies zeichnet Karg-Elert aus. Von Natur aus impulsiv, zu kühnem Experimentieren und unablässigem Schaffen drängend, entwickelte sich seine Tonsprache zunächst – beileibe nicht immer konsequent – von der Schumann-Nachfolge bis an die Grenze der Atonalität. Begeistert, doch nicht unkritisch, setzte er sich für Neues ein, insbesondere für Debussy, Reger und Schönberg. Vor allem in den Orgelwerken zeigen sich die impressionistischen Einflüsse von ihrer besten Seite, was auch ihre Beliebtheit vor allem in den angelsächsischen Ländern erklärt. Um 1915 aber geriet diese Entwicklung in eine ernsthafte Krise, infolge derer Karg-Elert sich von jeglichen Linksradikalismen lossagte zugunsten linearer Leichtigkeit, polytonal, freitonal oder archaisch gestimmt. In der Folgezeit wird sein Stil immer herber und monologischer, mit einem Zug ins Phantastische. Dies gilt besonders für die späten Klaviersonaten, welche sich äußerst reserviert -esoterisch gewanden, satztechnisch überfrachtet, schwer überschaubar, koloristisch unruhig sowie mit oszillierenden Taktwechseln. Sigfrid Karg-Elert war Zeit seines Lebens ein Januskopf, zurückschauend zu Palestrina und Bach, zugleich aber vorwärts blickend zu den futuristischen Linksradikalen Debussy, Skrjabin und Schönberg - gotischer Mystiker und expressionistischer Revolutionär zugleich. "Karg-Elert war eine ganz aufrechte, impulsive und offene Künstlernatur, die ohne die Fähigkeit, sich in das einzufügen, was man gesellschaftliche Verbindlichkeit nennt,... er gab sich, wie er war und fühlte, sich nicht darum kümmernd, ob er gerade auch bei tonangebenden Männern anstieß oder nicht." (A. Reuß)

So sollte dieses Jahr Anlass geben, den oft so widersprüchlichen, doch gerade deshalb so interessanten Menschen und Komponisten Karg-Elert wieder in das ihm gebührende Licht zu rücken.

Herbert Weß, Herbert Weß

Herbert Wess - 1974 in Passau als ältester Sohn eines Polizisten und einer Hausfrau geboren, verbrachte ich meine Kindheit und Jugend im ...

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