
- Seelenbilder - Sonja v. Eisenstein
Es gibt Augenblicke im Leben eines Menschen, in denen man deutlich fühlt, dass etwas beendet werden muss; eine untragbar gewordene Beziehung, ein unbefriedigendes Arbeitsverhältnis, ein Mietverhältnis, ein bestimmtes Vorhaben oder eine ungeliebte Aufgabe, die einem mehr Energie abverlangt als sie einem Nutzen zu bieten vermag. Ein solches Gefühl, ein dazu aufsteigender, immer wiederkehrender Gedanke, „ich muss Schluss machen, ich muss etwas verändern“, der sollte nicht achtlos mit Ausreden zur Seite geschoben werden. Aus der Seele ertönen zunächst meist nur leise Signale, wenn es Zeit wird, eine Neuorientierung in seinem Leben vorzunehmen, Gewohntes aufzugeben und ausgetretene Pfade zu verlassen. Eine Verstimmung, die sich in bestimmten Situationen immer wieder zeigt, ist wie das Flüstern eines Freundes tief drinnen in einem selbst.
Aber man dreht sich weg. Der Schritt ins Unbekannte will ja auch gewagt sein. Ein vertraut gewordener negativer Zustand wird oft bereitwilliger ertragen als ein Schritt auf Neuland. Man weiß ja nicht, was auf einen zukommt, wenn man das Vertraute, das Gewohnte verlässt. Man sitzt gefangen im Käfig seines eigenen Unvermögens, aus ihm heraus zu treten und durch das weit offen stehende Tor zu schreiten.
Der erste Schritt - der Sprung ins kalte Wasser
Nicht selten ist es so, als stünde man schon auf der Sprungschanze – aber man schafft es weder zu springen noch umzukehren. Aber dann kann es passieren, dass sich einem etwas schleichend von hinten nähert und einen kräftigen Stoß gibt! Ob man will oder nicht, man landet im kalten Wasser und muss schwimmen! Dieser heimliche „Anschleicher von hinten“ kann viele Gesichter haben. Zum Beispiel, wenn man von der Firma – die einem ohnehin schon mehr Magendrücken beschert als Freude an der Arbeit bereitet – ganz plötzlich aus irgendwelchen Gründen entlassen wird. Oder wenn der Partner oder die Freundin, mit der es ja nur noch Streit gibt, einfach Schluss mit einem macht. Oder wenn der „Anschleicher von hinten“ eine Krankheit ist, ein Burnout, das zum Loslassen zwingt - und damit neue Wege eröffnet. In der psychosomatischen Medizin finden sich häufig Anhaltspunkte dafür, dass das Hinhören auf die Signale der Seele und die daraus selbst gesetzte Maßnahmen zu bestimmten Veränderungen einem den Weg durch die Krankheit ersparen hätte können.
Selbstentscheidung – oder auf das Agieren anderer warten
Mit der Kraft des Mutes Entscheidungen zu treffen, erspart einem nicht zwangsläufig die eventuell auch damit zusammenhängenden, weniger erfreulichen Überraschungen. Man kann auch mit einem neuen Arbeitsplatz Pech haben oder sich auch an einem anderen Ort nicht wohl fühlen. Trotzdem wird man sich mit einem selbst entschlossenen Schritt nach vorne besser gewappnet fühlen, wenn man mit Schwierigkeiten konfrontiert wird. Denn die Kraft des Mutes begleitet einen auf all den weiteren Schritten. Auch wenn nicht alles gleich klappt – man hat den Weg des Siegers beschritten, des Siegers über sich selbst, über sein geducktes, kleines überängstliches Ich. Aber wenn einem die Angst vor Veränderungen so blockiert, dass man den freiwilligen Sprung ins Wasser nicht schafft und erst durch äußere Umstände genötigt im kalten Wasser landet, dauert es in der Regel länger, sein Ruder in die Hand zu bekommen. Denn wer bricht schon in Jubelstimmung aus, wenn er von seinem Chef gekündigt wird? Oder macht Luftsprünge, wenn einen der Partner verlässt! Meist ist das Ego so gekränkt, dass man sich verletzt fühlt oder wütend reagiert. Und das ist das Problem! Wenn man nicht selber der Agierende ist, der eine neue Situation in seinem Leben einleitet, wird man „zum Opfer“ des Agierens eines anderen. Und jetzt soll man aus dieser Opferrolle heraus die sich einem aufdrängenden, notwendig gewordene Veränderungen angehen?
Wenn man Opfer der Umstände wird
Der unerträgliche Chef, dessen „Entlassungsopfer“ man geworden ist, wird dann regelrecht zu einem Monster hoch stilisiert. Man hat sich doch jahrelang aufgeopfert für die Firma, hat die Launen des Alten ertragen und was ist der Dank? Dieser Unmensch setzt einem auf die Straße! Dass man schon auf der Sprungschanze gestanden und sich nur nicht zu springen getraut hat, das ist in diesem Moment meist vergessen. Ähnlich wird man oft empfinden, wenn sich der Partner aus der Beziehung löst, aus der man ja selber gerne ausgestiegen wäre, wenn man es geschafft hätte. Aber jetzt fühlt man sich gekränkt, zurückgestoßen und verlassen. Wer also in der glücklichen Lage ist, selbst die Initiative zu ergreifen, ist besser dran. Auch wenn er nicht weniger zu kämpfen hat oder weniger gut schwimmen können muss als der, der durch äußere Umstände in diese Situationen gekommen ist. Der Unterschied liegt in den verschiedenen Geisteshaltungen. Der eine schwimmt, um möglichst schnell ans Ufer zu kommen und Neuland zu betreten, der andere kämpft zunächst Luft ringend im Wasser, um nicht unter zu gehen.
Sich neu mit dem Leben auseinandersetzen
Nicht selten erfahrt man aus Gesprächen mit Frauen, die vor Jahren einer anderen Frau wegen von ihrem Partner verlassen wurden, wie lange sie gebraucht haben, um mit der neuen Situation zurecht zu kommen, auch im praktischen Leben. Plötzlich müssen sie sich um Dinge kümmern, die zuvor alle ihr Mann erledigt hat, wie Finanzen, Behördenwege, Formulare ausfüllen. Und erst wenn die Verletztheit und der Zorn auf ihren Expartner verblasst sind und sie zu ihrer Objektivität zurückfinden, geben sie zu, dass sie in ihrem neuen Leben jetzt viel glücklicher sind als sie es in ihrer Ehe waren. Aber Frauen, die auf die Signale ihrer Seele gehört und von selbst die untragbar gewordene Beziehung beendet haben, die schafften es viel schneller und besser mit dieser Situation zu Recht zu kommen. Es war ihre Entscheidung, ihr erster Schritt, die Neuorientierung ihres Lebens in die Hand zu nehmen – was auch immer kommen sollte. Sie gehen mit einem weitaus höheren Selbstwertgefühl an das Neue heran. Auf die Signale der Seele zu achten und sich von ihnen leiten zu lassen, ist es wert, ab und zu auch in sich selbst hinein zu hören.
