Sihem Bensedrine - tunesische Stimme für die Freiheit

Sihem Bensedrine - Privat: Familie Bensedrine
Sihem Bensedrine - Privat: Familie Bensedrine
Die Journalistin Sihem Bensedrine, Sprecherin des nationalen Rats der Freiheiten in Tunesien, blickt auf Zeiten der Verfolgung unter Ben Ali zurück.

Die tunesische Journalistin Sihem Bensedrine, Chefredakteurin der Online-Zeitung Kalima und Sprecherin des nationalen Rats der Freiheiten in Tunesien, musste wegen Verfolgung durch Ben Ali und seinen Familienclan ihr Land verlassen. 2002 erhielt sie den Johann Philipp Palm-Preis für Meinungs- und Pressefreiheit. 2005 erscheint ihres neues Buch„Despoten vor Europas Haustür. Warum der Sicherheitswahn den Extremismus schürt“. Auch mit ihrem 2004 in Deutsch erschienenen Buch „Besiegte Befreite“ wurde sie zur internationalen Gallionsfigur gegen Diktaturen wie die der Baath-Partei unter Saddam Hussein und der RCD Ben Alis. Auch sie hätte nicht damit gerechnet, dass das Regime durch die Straßenproteste so schnell ins sich zusammenbricht.

Rückblick auf die Zeit der Verfolgung tunesischer Journalisten unter Staatschef Ben Ali

Trotz der gastlichen Atmosphäre im europäischen Exil sprengt etwas die Harmonie. Es sind die Schlagzeilen der französischen Zeitungen Le Monde und Libération, die über die Hetzkampagne im Mai 2005 der tunesischen, regierungstreuen Tageszeitungen Achourouq und Al-Hadath gegen Sihem Bensedrine berichten. In den Schlagzeilen der tunesischen Zeitungen wird die 55-jährige Journalistin, die in der Weltpresse als emblematische Figur im Kampf für demokratische Freiheitsrechte in Tunesien gilt, mit einer Schlange, „une vipère haineuse“, verglichen.

Unbeschwerte Kindheit in La Marsa

Die dreifache Mutter und unabhängige Journalistin Sihem Bensedrine war jedoch nicht von Anfang an eine Dissidentin in ihrem Land. Von sich selbst sagt sie, dass sie nicht als Heldin geboren ist, sondern „keine andere Wahl hatte“. Aufgewachsen ist sie in den fünfziger Jahren im Norden von Tunis, der Küstenstadt La Marsa. Es ist eine mondäne Kleinstadt am Meer mit weißgekalkten Häusern und einem märchenhaften Palmenstrand, an dem die Bürger Tunis aus der höheren Mittelschicht im Sommer Zuflucht vor der Hitze suchen. Auch Sihem stammt aus einer gut bürgerlichen, tunesischen Familie. Sie erinnert sich an eine glückliche und unbeschwerte Kindheit, behütet von ihrer Mutter, die nicht arbeitete und deshalb Zeit für ihre Kinder hatte. Bleibenden Eindruck hinterlieβ der Beruf ihres Vaters, der Richter war. „Mich beeindruckte die Strenge und Stringenz seiner Gesetzestreue. Er respektierte das Gesetz und den Rechtsstaat, wobei für ihn die Gewaltenteilung von Judikative und Exekutive grundlegend waren. Er plädierte für Gerechtigkeit und die Unabhängigkeit des Landes. Dies waren für ihn die Essenzen, um Tunesien auf den Weg in die Demokratie zu führen“, erklärt sie.

Staatschef Bourguiba: der bessere Reformer für die Mittelschicht in Tunesien

Sihem Bensedrine‘s Vater begrüßte die demokratische Modernisierung unter dem Einfluss der politischen Unabhängigkeitsbewegung Bourguibas, die bereits unter französischem Protektorat bis zum Beginn der Unabhängigkeit 1956 einsetzte. Zu den Reformen gehörte die zweisprachige Erziehung der Mädchen ab 1944 in den Schulen, das Frauenwahlrecht ab 1956 sowie die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau vor dem Gesetz. Mit Beginn der Regierungszeit Bourguibas gab es eine Modernisierung von oben gegen den Schleier und die Verordnung besonderer Schutzrechte für Frauen. Diese setzten das Heiratsalter für Frauen von 15 auf 17 Jahre und verboten die Polygamie, die Minderjährigen-Ehe und einseitige Scheidung, das heißt die Verstoßung der Frau durch den Mann. Es war die Zeit der Liberalisierung der Freiheitsrechte der tunesischen Zivilbevölkerung und der sozialdemokratischen Ausrichtung der Familienpolitik. Sihems Familie konnte sich unter der Unabhängigkeitsregierung Bourguibas politisch und sozial frei entfalten.

Jahre der Freiheit ohne Zensur der Presse

Die Jahre der politischen Freiheit führten Sihem Bensedrine zunächst nach Toulouse, wo sie während ihres Philosophiestudiums Kant und Hegel kennen lernte und in der Studentengewerkschaft an der Universität gegen den Vietnam-Krieg demonstrierte. Nach ihrer Rückkehr aus Frankreich befasste sie sich mit der Entwicklung der tunesischen Gesellschaft und begab sich auf den Pfad des Journalistenberufs. „Für die Tunesier, die in Europa studiert hatten, boten sich in den 1970er Jahren gute Chancen. Der Herausgeber der damals linksliberalen Zeitung Le Phare, ein Mann aus der Welt des Kinos, „stellte mich als Volontärin ein, und ich konnte den großen Journalisten Tunesiens über die Schulter sehen. So lernte ich mein Land und seine sozialen Probleme kennen.“ In der Zeit betreute Sihem Bensedrine zwei Rubriken: Politik und Gesellschaft. Sie berichtete über die Schülerstreiks an den Gymnasien und war verantwortlich für eine Meinungsseite, bei der Jugendliche alle Fragen, auch die der Mann-Frau-Beziehung offen diskutierten, was schon damals als „osé“, als äußerst gewagt, galt.

Ben Ali erobert die Macht und zerstört alle Freiheitsimpulse

Sihem Bensedrine blickt mit Wehmut auf diese Zeit der Öffnung Tunesiens hinsichtlich der zugestandenen Bürger- und Freiheitsrechte zurück. Denn dann änderte sich schlagartig die politische Situation, als Zine el-Abidine Ben Ali 1987 Präsident des nordafrikanischen Staates wurde. Ben Ali hatte sich über das Militär den Weg nach oben gebahnt und wurde 1984 zuerst Innenminister und später Ministerpräsident unter Bourguiba. Kurz darauf setzte Ben Ali Bourguiba ab und übernahm dessen Amt. Für Sihem Bensedrine und ihren Vater „un choc“, ein schwerer Schlag, mit dem sich von heute auf morgen alles im Land änderte. Zuerst hob Ben Ali die Pressefreiheit auf und schloss nacheinander alle freien Zeitungsredaktionen. Dann schränkte er die bürgerlichen Freiheitsrechte ein und machte in Europa häufig damit Schlagzeilen, dass er über Systemkritiker schwere Gefängnisstrafen verhängte. Das für Touristen attraktive Urlaubsland mutierte in einen unsichtbaren Polizeistaat, in dem die Polizei auf den Straßen nicht in Uniform patrouilliert, sondern in Zivil auftritt und damit für den Nicht-Einheimischen unsichtbar bleibt. Nachbarn fingen an, an das Innenministerium adressierte Berichte über Nachbarn zu schreiben. Ben Ali‘s Macht wurde allgegenwärtig und der Bürger zu seiner Marionette. Sihem Bensedrine empfindet dies als „eine Beleidigung gegenüber dem demokratischen und Freiheitsgeist des Individuums“. Damit fiel Tunesien in seiner Entwicklung hinter Marokko und Algerien zurück. Der tunesischen Journalistin blieb nur die Wahl, entweder zu handeln oder im autoritären System unterzugehen.

Repression durch tunesische Staatspolizei

Das Exil bedeutete kurze Zeit Ruhe vor der Überwachung durch die tunesische Staatspolizei. Sihem Bensedrine und ihr Ehemann Omar Mestiri, Mitherausgeber von Kalima, hatten nicht nur über fünf Jahre Arbeitsverbot in Tunesien. Der Sicherheitsdienst überwachte regelmäßig das Appartement der Familie. Seitdem Sihem Bensedrine die unabhängige Zeitung Kalima im Web, was auf Arabisch Stimme bedeutet, 1999 gegründet hat, wurde sie als Regimegegnerin behandelt und war politischen Repressalien ausgesetzt. Denn in Kalima sprach sie nicht nur von den Folterungen und Misshandlungen der Zivilbevölkerung durch den Sicherheitsdienst des tunesischen Innenministeriums. Sie berichtete auch vom systematischen Abbau der Freiheits- und Versammlungsrechte an den Universitäten, an denen es keine freien Studentengewerkschaften mehr gibt sowie von der Pressezensur des präsidentiellen Regimes, das seit 1987 ganz unter dem repressiven Einfluss Ben Alis und seines Clans stand.

Claudia Hangen - Dr. rer. pol. Claudia Hangen Freie Journalistin für Politik, Gesellschaft, Kultur Politik: Wie wird unsere Welt regiert? ...

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