
- Simon Kernick: Deadline - Heyne
48 Stunden bleiben der Londoner Geschäftsfrau Andrea Devern, um 500.000 Pfund Lösegeld aufzutreiben. Diese Summe fordern die Entführer ihrer vierzehnjährigen Tochter. Andrea bekommt das Geld zusammen und bittet schließlich ihren ehemaligen Liebhaber, den Kriminellen Jimmy, um Hilfe bei der Geldübergabe. Er soll die Kidnapper auflauern, doch alles kommt anders – die Verbrecher bringen Jimmy um und fordern jetzt weitere 500.000 Pfund.
Erst jetzt vertraut sich Andrea der Polizei an, und der Kriminalist Mike Bolt und sein Team haben alle Hände voll zu tun. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt, weil die Entführer drohen, das Kind umzubringen.
"Deadline" – ein spannender Wettlauf gegen die Zeit
Mit seinem Debütroman "Gnadenlos" landete der Brite Simon Kernick letztes Jahr einen Hit in den den hiesigen Bestsellerlisten. Mit "Deadline" liegt nun der zweite Roman des Autors auf deutsch vor.
"Simon Kernick schreibt mit voll durchgetretenem Gaspedal, halten Sie sich gut fest!", schreibt der englische Literaturkritiker Harlan Cohen über den Thrillerautor. Diese Umschreibung trifft den Nagel auf den Kopf – Simon Kernick gehört mit Peter James und der Irin Alex Barclay zu einer neuen Generation von Autoren von den britischen Inseln, die auf packende Action setzen und ihre Leser sofort in einen Malstrom aus Hochspannung, Adrenalinstößen und sich überschlagenden Ereignissen hinein stoßen – und damit die Sehgewohnheiten des modernen Action- und Blockbuster-Kinos zu Papier bringen.
Simon Kernick und die neue Generation an Actionkrimiautoren
Wie schon in "Gnadenlos" beginnt die Hetzjagd direkt auf Seite 1, und wieder fungiert ein Telefonanruf als Startschuss zu einer atemlosen Tour de Force. Wo ein unbescholtener Reihenhausbürger mit Familie in "Gnadenlos" über das Telefon erfährt, dass skrupellose Gangster fortan Jagd auf ihn machen, so wird die dynamische Fitnessstudio-Chefin Andrea Devern durch den Anruf der Entführer aus ihrem idyllischen Alltag herausgerissen und mit immensem Zeitdruck vor scheinbar unlösbare Aufgaben gestellt.
Die Reaktionen der gepeinigten Mutter sind nicht immer logisch nachvollziehbar, zumal sie ausgerechnet ihren früheren Geliebten, einen schmierigen, kriminellen Macho, der mittlerweile in Spanien lebt, mit hineinzieht.
Dieser willigt schließlich ein, seiner langjährigen Verflossenen zu helfen. Bis zur verpfuschten ersten Lösegeldübergabe gestaltet sich "Deadline" eher wie ein klaustrophobischer Psychothriller, der sich voll und ganz auf die hilflose, verzweifelte und verfolgte Andrea konzentriert.
"Deadline" – vom Psychothriller zum harten Copkrimi
Als Andrea schließlich in eine Polizeikontrolle gerät und sich dieser anvertraut, schwenkt der Roman um, als Mike Bolt auf der Bildfläche erscheint. Der jähzornige und depressive Sonderermittler der Londoner Polizei, den die Leser schon aus "Gnadenlos" kennen, übernimmt mit seinem bewährten Team den Fall und steht Andrea zur Seite.
Ab hier funktioniert "Deadline" als knallharter Action- und Copkrimi, dem die psychologischen Momente weitgehend abgehen, der dafür aber gekonnt auf Spannung und Action setzt. Viele Irrwege und falsche Verdächtige werden dem Leser präsentiert, vom Verwandten Andreas bis zu dubiosen Unterweltbossen, und es ist an Mike Bolt, die zweite Lösegeldforderung zu erfüllen.
Dabei verliert Bolt nicht selten die Geduld und lässt sich zu Alleingängen und Gewaltakten hinreißen, die seine Kollegen und Vorgesetzten gegen ihn aufbringen und ihn schließlich ins Abseits stellen.
"Deadline" – ein Krimi mit Cliffhanger-Spannung
Während "Gnadenlos" die Spannungslinie deutlich stärker und stringenter durchgezogen hat, verliert sich "Deadline" leider an dieser Stelle öfters in Nebenhandlungen aus dem Ermittlerteam und Rückblicken auf eine frühere Liaison zwischen Andrea und Bolt. Gemeinsam haben die beiden Werke aber den Hang zu Cliffhangern.
Dieses gängige Merkmal von amerikanischen TV-Serien und Fernsehfilmen, kunstvoll arrangierte Unterbrechungen für Werbepausen oder Episodenenden, setzt Kernick vielfältig in seinen Kapitelübergängen ein. Die Kapitel sind in der Regel kurz gehalten und brechen gerne inmitten heftiger Spannungs- und Actionszenen ab, um erst in späteren Kapiteln fortgeführt zu werden. Damit gönnt Kernick seinen Lesern, einem weitgehend an Werbepausen gewöhnten TV-Krimi-Publikum, kleine Atempausen und hält das Spannungsbarometer kunstvoll in den Höhengraden.
Harte Kampfszenen und Verfolgungsjagden in "Deadline"
Und die Action inszeniert Simon Kernick zahlreich – für das Medium Buch erstaunlich bildlich wie aus einem Drehbuch. Gerade in der zweiten Hälfte von "Deadline" häufen sich spektakuläre Verfolgungsjagden, harte Kampfszenen und spannende Polizeieinsätze.
Die Auflösung des Plots hat so sicher niemand erwartet, wirkt aber doch etwas überstürzt und arg konstruiert. Aber dies und einige kleinere Ungereimtheiten sind die einzigen Schwachstellen eines ansonsten spannenden und lesenswerten Entführungsthrillers, der auf weitere spannende Werke des Autors hoffen lässt.
Der vielseitige britische Thrillerautor Simon Kernick
Simon Kernick, geboren 1966 in Slough/Großbritannien, lebt in der beschaulichen Grafschaft Oxfordshire und machte 1991 seinen Universitätsabschluss an der Brighton Polytechnics University. Die folgenden zehn Jahren verdingte er sich als Weltenbummler, Barkeeper und Computer-Software-Verkäufer, bevor er 2002 seinen ersten Roman "The Business of Dying" veröffentlichte, dem bis heute jedes Jahr ein neuer Roman folgte.
Neben den Romanen um Mike Bolt schreibt er auch eine Reihe um den Polizisten Dennis Milne sowie autarke Einzelromane. Sein aktueller Roman "Target", wiederum mit Mike Bolt als Titelheld, ist im Juni 2009 in Großbritannien erschienen.
Simon Kernick: Deadline. Heyne 2009. Broschur, 415 Seiten. Euro 8,95.
