
- Ruhe sanft - Monika Hermeling
Zu Allerheiligen oder Allerseelen, das am 1.und 2. November gefeiert wird, gedenken viele Deutsche der Verstorbenen. An diesem Tag und auch am 20. November, dem Toten- oder Ewigkeitssonntag, besuchen viele Menschen die Gräber auf den Friedhöfen. Doch die Trauerkultur und damit auch die Friedhöfe sind einem starken gesellschaftlichen Wandel unterworfen. Im Jahr 2011 blieben immer mehr Grabstellen auf Deutschlands Friedhöfen unbelegt. „Das Gesicht der Gräber verändert sich“, sagt der Rostocker Theologieprofessor Thomas Klie. Er bedauert: „Die Trauer hat keinen Ort mehr.“ Und: „Das Einzelgrab einer Erdbestattung mit einem individuell gestalteten Grabstein wird immer seltener. Gleichzeitig haben sich im deutschsprachigen Raum seit den 1970er Jahren auch die Trauersitten geändert.
Die Trauer im Christentum
Aus der Sicht des christlichen Glaubens ist Trauer eine besonderen Form der Nächstenliebe. Das Totengebet, wie die Einsargung, Einäscherung, die Gedenktage, eine Reliquienverehrung und Trauerfeiern werden als traditionelle Gebetsformen für Verstorbene angesehen.
Moderne Trauersitten im deutschsprachigen Raum
Aufwändige Zeremonien, auch Grabsteine, die an den Verstorbenen erinnern, entfallen bei modernen Bestattungsformen oftmals. An die Stelle eines Priesters tritt heute bei Bestattungen oft ein professioneller und nicht konfessionell gebundener Trauerredner. Moderne Trauerrituale sind ebenfalls das Pflanzen eines Erinnerungsbaumes oder das Aufstellen von Holzkreuzen oder Blumensträußen am Straßenrand nach einem tödlichen Unfall. Kreativ war seit den 1980er Jahren insbesondere die Gemeinschaft der Angehörigen von AIDS-Kranken, die an ihre Verstorbenen durch gemeinschaftlich handgenähte Quilts (AIDS Memorial Quilt) erinnert.
So kann die Bekanntgabe des Todes erfolgen
Ist in der Familie jemand gestorben, wird sein Tod der Umwelt in der Zeitung in Form einer Familienanzeige oder eines persönlich oder mit der Post zugestellten Trauerbriefes, der einen schwarzen Rand hat, mitgeteilt. Ihr Beileid drücken die Trauernden den Hinterbliebenen durch eine mündliche Beileidsbekundung, Beileidskarten, Einträge in Kondolenzbüchern und/oder über Blumen- und Kranzspenden aus. Diese werden auf Wunsch oft durch Geldspenden an gemeinnützige Einrichtungen ersetzt. Es gibt auch Kondolenzeinträge auf virtuellen Friedhöfen. Für die empfangene Beileidsbekundung bedanken sich die Hinterbliebenen höflicherweise in einer Dankanzeige in der Zeitung oder gedruckten Karten oder in Briefen.
Sterben Politiker oder prominente Personen, wird für das Land, die Stadt oder den Landkreis eine Trauerbeflaggung an allen öffentlichen Gebäuden angebracht. Mit Trauerzetteln wird der Ort und Zeitpunkt zu einem öffentlichen Trauerzug bekanntgegeben.
Trauerkleidung
Menschen, die einen geliebten Angehörigen verloren haben, zeigten in früheren Zeiten in Deutschland ihre Trauer durch das Tragen von schwarzer Kleidung für mindestens ein Jahr. Frauen, meist in ländlicher Gegend, trugen auch nach diesem Jahr, nur noch dunkle Kleidung, die sie als Witwe kennzeichneten.
Hinterbliebene, die einem Bekannten oder Freund die letzte Ehre am Grab erweisen möchten, ziehen auch heutzutage zu diesem Zweck dunkle Kleidung an. Nach der Trauerfeier ist es nur, je nach Wunsch des Verstorbenen, für enge Familienangehörige üblich, sich für längere Zeit in Trauerkleidung zu zeigen. Freunde und Bekannte zeigen ihre Anteilnahme durch eine dunkle Kleidung oder Männer und Jungen, durch einen Trauerflor, der als Armbinde getragen wird. Frauen tragen oft über ihrem Hut einen Trauerschleier. Trauerkleidung, die traditionell oft während der gesamten Trauerzeit getragen wurde, ist heute meist nur noch am Tage der Bestattung üblich.
Sind heute Friedhöfe nur noch alleinige Orte der Trauer?
Die Trauerkultur und damit auch die Friedhöfe sind einem starken gesellschaftlichen Wandel unterworfen. Professor Klie ,von der Theologische Fakultät Rostock, ist der Überzeugung, dass Deutschlands Friedhöfe verwaisen werden. Er befürchtet, dass „der Friedhof der Zukunft nur noch eine grüne Wiese, ohne eine individuelle Gestaltung sein wird“. Vorzeichen dieser Entwicklung sind, seiner Ansicht nach, Urnengemeinschaftsanlagen, die immer mehr Flächen beanspruchen und „irgendwann auch die Urnenreihengräber ablösen werden“.
Er ist überzeugt davon, dass wenn die Trauer keinen Ort mehr hat, der Tote zweimal, einmal biologisch und dann noch einmal in der Erinnerung seiner Angehörigen, die kein kulturelles Zeichen setzen wollen, stirbt. Er sieht diese Entwicklung wie eine Spirale, denn zusätzlich verändern sich die Bestattungsriten und demzufolge auch die Erinnerungskultur. Naturliebhaber wollen dieser Tendenz mit einer Bestattung im Wald oder an landschaftlich schön gelegenen Stellen, entgegenwirken.
In Baden-Württemberg sind es die Wegkreuze, die von Betroffenen, Angehörigen oder Freunden, als Dank für göttliche Hilfe, aber auch als Trauerkreuze für Unfallopfer oder Erinnerungskreuze aufgestellt werden. Das Kreuz und seine unmittelbare Umgebung werden etwa ein Jahr mit Blumen, Kränzen und auch persönlichen Erinnerungsstücken geschmückt. Die Tradition der Unfallkreuze geht auf ältere Gedenkkreuze, zum Beispiel die Mahnkreuze und Mordkreuze, zurück.
Ein Friedhof in einer Kirche?
Professor Klie ist der Meinung, dass die Kirche, da sie meist Trägerin der Friedhöfe sei, um dem entgegen zu steuern „angemessen kulturelle Zeichen" setzen müsse. Es gehe auch darum zu überlegen, unter welchen Bedingungen Trauerstätten, in derzeit nicht mehr rein gottesdienstlich genutzten Kirchen, eingerichtet werden könnten. „Das bislang überzeugendste Beispiel sei die Grabeskirche St. Josef in Aachen.“ Er kann sich vorstellen, dass auch die Rostocker Unikirche, in einem Teilbereich, ebenfalls als Grabeskirche dienen könne. „Jetzt 30-Jährige werden sich zu einem hohen Prozentsatz für die anonyme Form der Urnenbeisetzung entscheiden“, sagt Klie. „Aber wie entscheiden sich jetzt 80-Jährige für ihre Beerdigung?“ Diese Fragestellung wird an der theologischen Fakultät der Uni Rostock erforscht.
Trauer, auch im Internet
Nach einem US-amerikanischem Vorbild bieten Medieninformatiker aus Bremen seit Januar 2009 im Internet den Cyber-Friedhof Unsereliebsten.de an. Dort können selbst Hinterbliebene, die an verschiedenen Orten der Welt leben, an erstellten virtuelle Grabstätten trauern und das Andenken an die Verstorbenen mit anderen teilen.. Der Vorteil: Diese Familiengräber sind pflegeleicht und ersetzen Stein und Blumen. Es wird am PC ein Kondolenzbuch, welches Bilder und Filme enthalten kann, inklusive einem Live-Chat angeboten. Es sind monatliche Buchungen und solche für 30 Jahre erhältlich. Wie Tote in sozialen Netzwerken ihre letzte Ruhe finden.
Professor bezweifelt die Behauptung, dass der Tod verdrängt werde
Die Theologische Fakultät Rostock will, zusammen mit der Theologischen Fakultät Kiel, das Thema „Lebenskunst-Sterbenskunst“ zu einem Forschungsprojekt machen. Für Professor Klie steht fest, dassTrauernde heute keinen Status mehr haben. Wenn sich heute jemand schwarz kleide, werde in ihm eher ein Punk vermutet. Mit der Bedeutung und Gestaltung der Friedhöfe habe sich auch die Trauerkultur verändert. Man sehe einem Menschen äußerlich kaum mehr an, dass er um einen Verstorbenen trauert.
Trauerrituale in anderen Ländern
Unfallkreuze, die am Ort des Geschehens aufgestellt werden, sind in der gesamten westlichen Welt und in den USA, Australien, Lateinamerika aber auch in Japan, bekannt. In den Vereinigten Staaten ist es üblich, an den Verstorbenen mit einem Aufkleber am Auto zu erinnern. So werden Menschen in anderen Kulturkreisen bestattet.
Eine Trauerbegleitung durch Psychologen, Seelsorger und Notfallseelsorger
Trauerbegleitung wird heute nicht nur von Angehörigen, Freunden, Bekannten und Seelsorgern sondern auch von Psychotherapeuten, Selbsthilfegruppen, Trauernetzwerken und von Bestattern geleistet.
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft
Professor Thomas Klie, Universität Rostok
