Singapur: der Tigerstaat, die Löwenstadt

Ein Paradies für Architekten - François Maher Presley
Ein Paradies für Architekten - François Maher Presley
Das drakonische und erfolgreiche System Singapur. Ein wirtschaftlicher Tiegerstaat gegründet in der Löwenstadt.

Singapur wird gemeinhin als wirtschaftlicher „Tigerstaat“ bezeichnet, was eine gewisse Komik birgt, handelt es sich bei dem Namen des Stadtstaates (mit 710 km² halb so groß wie Berlin) übersetzt um „Löwe“ (Singha) und „Stadt“ (Pura), also Löwenstadt. Dieser Name entstand, so die Legende, im 14. Jahrhundert durch die Flucht eines hinduistischen Prinzen aus Sumatra, der wegen einer Heirat mit einer javanischen (buddhistischen) Prinzessin in politische Wirren geriet und nun dort angekommen sich einem Löwen im Kampf gegenübersah. Beide schauten sich in die Augen, der Prinz ließ sein Schwert sinken, der Löwe trat den Rückzug an, und so nannte der Neuankömmling seine neue Heimat Löwenstadt.

Legende und Wirklichkeit des Staates Singapur

So hübsch diese Geschichte ist, klingt die Wirklichkeit banal. Im 3. Jahrhundert wurde Singapur unter dem Namen Temasek in Aufzeichnungen erstmalig erwähnt, somit weit vor dem 14. Jahrhundert, und die Siedlung entwickelte sich unter den chinesischen Kaufleuten zu einer bedeutenden Handelsstadt, also schon damals mehr Tiger als Löwe. Doch währte die Hochzeit nur kurz. Der Ort geriet in Vergessenheit. Erst 1819 erschien ein Löwe in Person des Briten Sir Thomas Stamford Raffles und gründete dort eine Niederlassung für die Ostindische Handelskompanie. Zu jener Zeit dienten die Inseln Seeräubern als Zufluchts- und Wohnstätte. Die Siedlung wurde später zur englischen Kronkolonie, im Februar 1942 übernahmen die Japaner neben Malaysia auch Singapur, gaben die Besitzung 1945 an die Briten zurück, die die Insel 1959 zur selbst regierten Kronkolonie erhoben, bis sie im September 1963 unabhängig wurde, wenngleich auch in einer Föderation mit Malaysia, deren Regierung Singapur wegen der dortigen Unruhen und wegen der Angst, dass diese auf das Festland übergreifen könnten, im August 1965 ausschloss. Singapur erhielt seine vollständige Souveränität.

Singapurs Lage, Größe und Einwohner

Singapur, zwischen Malaysia und Indonesien liegend, erstreckt sich heute über drei Haupt- und 56 kleinere Inseln. Seit den 1960er Jahren versucht man sich in der Landgewinnung, um den Mangel an Raum wettzumachen, und so wurde aus einer Landfläche von knapp 580 km² heute circa 710 km², im Jahre 2030 sollen es 800 qkm werden. Die für die Aufschüttungen nötige Erde kommt vom Abtrag der eigenen Berge, wird dem Meeresgrund entnommen oder aus Nachbarstaaten importiert.

Bei den circa fünf Millionen Einwohnern Singapurs handelt es sich zu knapp 77 Prozent um Chinesen, zu circa 14 Prozent um Malaien und neben einigen anderen ethnischen Gruppen bei circa 8 Prozent um Inder. Allein 1,2 Millionen Menschen sollen sich als Gastarbeiter im Land aufhalten, somit etwa 20 Prozent der Gesamtbevölkerung. Die Geburtenrate ist derart niedrig (1,29 Kinder je Frau), dass die Bevölkerung mit den Jahren abnehmen, es mehr und mehr ältere, immer weniger junge Menschen geben wird. Es wäre eine Geburtenrate von 2,1 Kindern je Frau nötig, um eine Bevölkerung zu reproduzieren (Deutschland hat 1,37).

Die durchorganisierte Stadt Singapur

Doch noch ist die Stadt überfüllt und beeindruckt durch ihre unmissverständliche Ordnung, Sauberkeit und dadurch, dass überall eine kompromisslose Organisation des Lebens, der Bürger und gleich auch der Besucher stattfindet, gewollt oder nicht. Singapur ist ein totalitär regierter Staat. Alle Menschen stehen mehr oder weniger unter Beobachtung, Kaugummiverkauf oder -gebrauch ist verpönt - wenn zwischenzeitlich auch nicht mehr, und selbst beim Taxi Besteigen wird durch Helfer der Ablauf organisiert. So ist jeder damit beschäftigt, sich der Organisation unterzuordnen, und kaum jemandem fällt es leicht, locker, gelassen und ungezwungen dahinzuleben oder gar fröhlich zu lachen und ausgelassen einen Spaziergang durch die schöne City zu unternehmen. Drakonische Strafen warten auf jeden Fehltritt. Und selbst Lügen gilt als Straftat, die bei Nachweis mit Stockhieben geahndet wird. Singapur ist der Staat in der Welt, in dem im Verhältnis zur Einwohnerzahl die meisten Menschen hingerichtet werden.

Das System ist das Leben. Das Leben eher Privatsache

Selbst das Zusammenleben der unterschiedlichen Völker ist gesetzlich festgelegt. Das gilt für die Vergabe von Arbeitsplätzen nach Quote und geht über den Verkauf von Wohnungen, um die Ethnien entsprechend zu vertreten. Dennoch findet eine Mischung der Volksgruppen so gut wie gar nicht statt, und auch die Religionsgruppen (Buddhisten circa 43 Prozent, Moslems circa 15, Christen circa 15, circa 15 Prozent fühlen sich keiner Religion zugehörig sowie Taoisten und Hindus) separieren sich im zwischenmenschlichen Kontakt, wenngleich jede religiöse Gruppe die andere respektiert, Sakralbauten aller Religionen dicht bei dicht stehen, ohne dass es zu Auseinandersetzungen kommt, zudem sind in ausnahmslos allen öffentlichen Bereichen alle kulturellen Eigenarten berücksichtigt, organisiert und prozentual festgelegt.

Alles das jedoch bleibt dem Besucher verborgen, wird zugedeckt von einer total funktionierenden Überwachung, die sogar Taxifahrer veranlasst, Fahrgäste um eine schriftliche Zeugenaussage zu bitten, wenn man glaubt, einen Fahrfehler gemacht zu haben, der womöglich Folgen haben könnte. Angst ist die Basis des hiesigen Zusammenlebens und des wirtschaftlichen Erfolges.

Superlative Shoppingcenter

Die gestaubsaugt wirkende City besticht durch ihre Architektur, die sich aus einer Mischung kolonialer Bauten und futuristischen Neubauten zusammenfügt. Sie besticht auch durch die vielen und großen Shopping-Center. Sind in unseren Einkaufsstraßen und Zentren Markenartikel in recht kleinen Läden vertreten, so findet man hier diverse Vertretungen nur einer Marke je Stockwerk eines Kaufhauses und entdeckt Produkte, die extra nur für den asiatischen Markt produziert werden.

Großartig und drakonisch. Kaum Freiheiten in Singapur

Aber auch in anderen Bereichen ist Singapur die Stadt der Superlative. So existieren mehr als 11 internationale Schulen, Kinderhorte in allen Variationen, interreligiös und mehrsprachig, die jedem Kind einen Platz bieten, sechs Universitäten, Theater, Konzertsäle, 13 namhafte Parks und Gärten, zum Teil mit Tiergärten kombiniert, acht Museen, zahllose landschaftliche Sehenswürdigkeiten und...

Und da ist noch etwas, das besticht. Es ist die unvorstellbare Langeweile. Nichts an dem dortigen Leben berauscht, inspiriert, reißt den Besucher wirklich mit, nichts verlangt alle Liebe und Engagement, um es zu erfahren und zu erleben, nichts beherrscht einen mehr als das stetige Beachten von Regeln, Gesetzen, hauptsächlich aber Verboten. Dieses Gefühl stellt die Bewunderung für die Wirtschaftskraft des Stadtstaates schnell in den Schatten, wenngleich natürlich die nackten Zahlen beeindrucken und Singapur innerhalb von wenigen Jahrzehnten den Sprung in die Liga der Industrie- und Dienstleistungsgesellschaften geschafft hat, der starke Löwe eben einem sprunghaften Tiger gleich.

Quellen:

Auswärtiges Amt

Wirtschaftszahlen der UN

Amnesty International

François Maher Presley, Foto: David Eschrich, Fançois Maher Presley

Francois Maher Presley - François Maher Presley kam in Kuwait/pers. Golf zur Welt und lebte seit seinem sechsten Lebensjahr in Hamburg. Der Autor und ...

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