Lettland, die zweitgrößte Baltenrepublik ist mit knapp 38 Einwohnern pro km² genauso dünn besiedelt wie seine Nachbarn Litauen und Estland. Wie sie sind die Letten Balten, im Gegensatz zu ihren südlichen Nachbarn sind sie aber überwiegend Protestanten. Der mittlere der drei baltischen Staaten hat 2,5 Millionen Einwohner, von denen gut ein Drittel, nämlich 747 000 in der Hauptstadt Riga lebt.
Lettische Landschaften
Rigas Badewanne, der am Golf von Riga an der „lettischen Riviera“ gelegene Kurort Jurmala liegt nur ein paar Kilometer entfernt und ist Zentrum der traumhaften lettischen Küstenkulisse mit ihren ausgedehnten Dünen und Kiefernwäldern. Überhaupt ist das Charakteristikum der lettischen Landschaft der Wald, der fast die Hälfte der Landesfläche bedeckt.
Lettland ist zur Küste hin überwiegend flach, während der seen- sowie waldreiche östliche Landesteil hügelig ist und wie geschaffen für naturnahen Tourismus. Große Landesteile sind weitgehend mit unberührter Natur gesegnet, besonders in Latgale im Osten, Kurzeme (Kurland) im Westen und Vidzeme (Livland) in Mittellettland findet man eine vielfältige Tier- und Pflanzenwelt und trifft auf Schritt und Tritt auf Spuren lettischer Kultur.
Singendes Lettland
Lettische Kultur, das ist aber mehr als herrliche Baudenkmäler und urige alte Dörfer. Die Letten sind nicht nur wegen der „singenden Revolution“ ein singendes Volk, denn sie haben lange ihre nationale Identität im Gesang bewahrt. So entstand ihr einmaliger Schatz von 2,5 Millionen Liedern, das macht genau ein Lied pro Lette.
Da verwundert es auch nicht, dass die lettische Präsidentin Vaira Vike-Fraiberga in den Jahrzehnten ihres kanadischen Exils neben ihrer Tätigkeit als Psychologie-Professorin in Montreal einen großen Teil ihrer Zeit der Sammlung und Erforschung der speziell lettischen Volksliedgattung der Dainas widmete.
Probleme der Sowjetisierung
Allerdings sind nur etwas mehr als die Hälfte aller Einwohner des Landes Letten, ein gutes Drittel sind Russen. Lettland tut sich schwer mit der Vergangenheit. Nach dem Ersten Weltkrieg erstmals selbständig geworden, blühte das kleine Land wirtschaftlich und kulturell schnell auf.
Den Anfang vom Ende der lettischen Souveränität markierte 1939 der Hitler-Stalin-Pakt, der das Land dem sowjetischen Einflussbereich zuordnete und 1940 zur Lettischen Sowjetrepublik machte. Nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion wurde auch Lettland 1941 von der Deutschen Wehrmacht besetzt.
Die Schrecken der nach dem Krieg folgenden fast 50 Jahre sowjetischer Besetzung sind im Lande bis heute unvergessen. Eine rigorose Sowjetisierung krempelte Lettlands Wirtschaft um, eine massive Russifizierung suchte die Letten zur Minderheit im eigenen Lande zu machen.
Der Weg in die Freiheit begann am 50. Jahrestag des Hitler-Stalin-Paktes im August 1989, als Litauer, Letten und Esten eine fast 600 Kilometer lange Menschenkette von Vilnius über Riga bis nach Tallinn bildeten und singend Autonomie forderten. Die „Singende Revolution“ war nicht mehr aufzuhalten. Beim Schritt in die Unabhängigkeit 1991 stand die junge Republik mit einer maroden Wirtschaft da und Hunderttausenden von Einwohnern, die der Landessprache Lettisch nicht mächtig waren.
Westintegration
Der Schulterschluss mit dem Westen sollte Lettland Sicherheit und Rückhalt verleihen, eine selbstbewusste Haltung im Verhältnis zum großen Nachbarn Russland einzunehmen, denn das Verhältnis zu Russland blieb gespannt.
Gerade die Forderung von NATO und EU nach Abschaffung diskriminierender Gesetzte führte zwar zu einer neuen Diskussion über die russische Minderheit, aber letztlich führte erst die Verurteilung vor dem Europäischen Gerichtshof vom April 2002 wenigstens zu einer Änderung des lettischen Wahlrechtes. Der Passus, nachdem bei Wahlen Kandidat nur derjenige sein konnte, der gut Lettisch spricht, wurde abgeschafft.
Nur langsam setzt sich die Erkenntnis durch, dass die „russischen Letten“ loyale Staatsbürger sind - sie hatten 1991 mit überwältigender Mehrheit der Souveränität des Landes zugestimmt - und nicht Moskaus 5. Kolonne. Vor allem sieht man nun, dass diese fast 500 000 Russen, die meist immer noch keine lettischen Staatsbürger sind, ein belebender Faktor im lettisch-russischen Wirtschaftsleben sein könnten.
EU-Land Lettland
Der EU-Beitritt Lettlands erfolgte mit der ersten Beitrittswelle 2004. Für diesen Weg gab es von Anfang an eine breite Zustimmung in Lettland, mehr als zwei Drittel aller Letten waren von Anfang an sowohl für den NATO-, als auch für den EU-Beitritt, auch wenn dafür zusätzliche Mittel aufgebracht werden mussten.
Im Westen fast unbemerkt kann Lettland ein mittlerweile beachtliches Wirtschaftswachstum von 7,6% vorweisen und hat seine Wirtschaft im Schatten der größeren Beitrittskandidaten längst auf Erfolg getrimmt.
Bei allen Positiva in der Entwicklung des Landes darf dabei nicht übersehen werden, dass nach wie vor eine gewaltige Wohlstandslücke zu den EU-Ländern klafft: nur gerade ein Drittel des EU-Einkommensniveaus werden in Lettland bisher erreicht. Eine große Nuss gilt es in Lettland noch zu knacken. Mehr als zwei Drittel aller Letten sehen die Korruption, die alle Bereiche des Lebens infiltriert hat, als größtes Problem des Landes. Für die Zukunft sieht die lettische Präsidentin Vaira Vike-Fraiberga Lettland als entwickelten, dynamischen Teil einer Ostseeregion mit einer neuen baltischen Identität.
