Angeheizt durch aktuelle Vorkommnisse diskutieren Politiker in Großbritannien die Einführung eines Notfall-Buttons für Facebook. Die Idee, eine Art Notrufsäule im Web zu installieren, ist auch hierzulande nicht neu. Allerdings dürfte die Einrichtung einer solchen Technologie kaum zielführend für die Verhinderung von Verbrechen sein.
Warum ein Notfallknopf nicht funktionieren kann
Nehmen wir uns die Situation vor, wie sie in Großbritannien vorgefallen ist. Eine 17-Jährige wurde von einem anderen User, der sich unter falschem Namen und mit entsprechend gefälschten Daten bei Facebook angemeldet hat, entführt, vergewaltigt und anschließend getötet. Nun ist man der Ansicht, es bräuchte eine Art Notfall-Knopf, mit der Jugendliche im Falle einer Bedrohung umgehend die Polizei informieren können.
Das ist allerdings völlig unnütz. Wenn sich ein Jugendlicher mit einem Nutzer aus dem Netz trifft, so liegt hier nicht selten bereits ein Bekanntschaftsverhältnis vor. Ein potenzieller Täter hat also bereits das Vertrauen seines Opfers gewonnen. Ein Jugendlicher fühlt sich dementsprechend nicht bedroht. Weiterhin findet eine Vergewaltigung offline statt – also nicht im Bereich der Möglichkeit, einen Notfallknopf anzuklicken.
Sinnvolle Präventivmaßnahmen existieren bereits
Warnmaßnahmen, mit denen User in sozialen Netzwerken oder Chats missbräuchliches Verhalten melden können, existieren bereits. So gehören Buttons, mit denen ein Missbrauch gemeldet werden kann, in jeder Forensoftware zu den Standardfunktionen. Ein Klick auf einen „Melden-Link“ führt allgemeinhin dazu, dass der betroffene Eintrag oder die Nachricht an den Support der Community weitergeleitet wird. Von dort aus werden dann weitere Maßnahmen unternommen, wie z.B. das Löschen des entsprechenden Beitrags, Verwarnen oder Sperren des gemeldeten Users etc. Die Kontaktaufnahme mit der Polizei wird im Allgemeinen auch durch geschulte Moderatoren und Kundenbetreuer der jeweiligen Community durchgeführt, sofern es sich bei dem gemeldeten Inhalt um einen strafbaren Inhalt handelte.
Direktkontakt zu Sicherheitsbehörden ist nicht sinnvoll
Würde man einen Kontakt-Button einführen, der, sobald man in klickt, einen direkten Kontakt zur Polizei oder ähnlichen Sicherheitsinstitutionen herstellt, so ist hier die Frage, was genau damit bezweckt werden soll. Eine Meldung, die bei der Polizei aufläuft, müsste von dieser erst einmal als „Störung“ untersucht werden, ähnlich einer Ruhestörung. Hier müsste also ein Chatprotokoll oder der entsprechende Foreneintrag mitgesandt werden, damit geprüft werden kann, ob es sich denn um eine strafbare Handlung handelt. Solange der betroffene User keinerlei Kontaktdaten herausgegeben hat, mit denen sein Gegenüber ihm ernsthaft schaden könnte, besteht hier für die Person keinerlei Gefahr. Eine Meldung würde also lediglich Mehrarbeit für die betroffenen Behörden bedeuten, verbunden mit einem höheren Kostenaufwand auf Seiten des Betreibers, der die entsprechenden Funktionen zur Verfügung stellen muss und auf Seiten der Behörde, die speziell ausgebildete Beamte benötigt, um die Sachlage zu untersuchen.
Medienkompetenz und selbstreflektiertes Verhalten sind wichtig
Bedeutsamer als das Schaffen neuer technischer Möglichkeiten ist das Erlernen des Umgangs mit den alten. Es ist wenig sinnvoll, die oben beschriebenen Maßnahmen einzuführen, wenn Kinder und Jugendliche dennoch weiterhin unbedacht mit ihren persönlichen Daten umgehen oder sich mit flüchtigen Internetkontakten treffen. Statt die Technologie zur Schuldigen zu machen und zu versuchen, das Problem mit neuer Technologie zu lösen, sollte hier am Menschen angesetzt werden. Es muss bereits in den Schulen für mehr Medienkompetenz gesorgt werden. Lehrer und Erzieher sind hier in der Pflicht, selbst das Internet zu nutzen und Erfahrungen im Umgang damit zu sammeln. Schulungsmaßnahmen sollten hier ebenso verpflichtend sein. Solche Schulungsmaßnahmen sollten dabei darüber hinaus gehen, lediglich die Bedienkompetenzen zu fördern. Vielmehr muss der Blick auf die Möglichkeiten, die das Internet bietet und die Gefahren, die damit verbunden sind, geschult werden.
Es sollte jedem Nutzer klar werden, dass die Daten, die im Internet erzeugt und verbreitet werden, direkt zur Person gehören. Selbst in der realen Welt identifizieren wir uns über Namen, Alter und Geschlecht als personale Merkmale. Das ist im Internet nicht anders. Allerdings neigt man dazu, sich schneller und unvoreingenommener anderen gegenüber zu identifizieren, zumal „das Gegenüber“ ja scheinbar weit entfernt ist. Dies erzeugt ein falsches Gefühl der Sicherheit und allein das ist es, was potenziellen Gewaltverbrechern den Zugriff ermöglicht. Dementsprechend bedarf es auf Seiten der Jugendlichen, die das Internet nutzen, einer erhöhten Selbstreflexion. Sie müssen darüber aufgeklärt werden, dass nicht jeder Kontakt auch gleich freundlich gesinnt ist. Sie müssen darüber informiert werden, dass potenzielle Gewaltverbrecher ebenso wie auch ganz gewöhnliche Nutzer die Möglichkeit haben, mit ihnen in Kontakt zu treten. Und was womöglich viel wichtiger ist, sie müssen darüber informiert werden, durch welches Schlüsselverhalten potenzielle Gewaltverbrecher zu erkennen sind.
Hierzu bedarf es Schulung und Erziehung, um eine neue, kritische Medienkompetenz zu erreichen, aber keiner neuen technischen Möglichkeit, mit der um Hilfe gerufen werden kann. Hat man nämlich diese Stufe der Medienkompetenz erreicht, erübrigt sich nämlich der Ruf um Hilfe von ganz allein.
