
- Turku am Ufer des Auraflusses - Jürgen Spieß
Finnland - das wissen wir spätestens seit den wortkargen und teils sehr skurrilen Filmen von Aki Kaurismäki - ist eine besondere Nation. Gummistiefel-Produzenten spezialisieren sich auf Mobil-Telefone, die Sprache kennt 15 verschiedene Fälle und die Bevölkerung stützt sich - ob jung oder alt - beim Laufen auf zwei Stöcke.
Ungewöhnliche Kultur-Erlebnisse
Skurril und schräg gibt sich auch Europas Kulturhauptstadt 2011: Turku, im Südwesten Finnlands an der Ostsee gelegen, möchte mit einem bunt durchmischten und künstlerisch selbstironischem Programm auch international auf sich aufmerksam machen - etwa mit einem zum Feuerspektakel aufgemotzten Heavy-Metal-Musical in einem ehemaligen Bahnwerk als neues Kulturzentrum, mit einer zur Sauna umgestalteten großen, gelben Knoblauchzehe aus Fiberglas und mit diversen Ausstellungen, die sich mit dem Tod und der Dunkelheit und deren vielen Gesichtern beschäftigt.
Das Programm der mit 175 000 Einwohnern fünftgrößten Stadt Finnlands lädt Menschen aller Altersgruppen ein, sich auf Kultur einzulassen. Rund 150 Projekte mit finnischen und internationalen Akteuren und tausende Einzelveranstaltungen, von denen etliche kostenlos sind, bringen 2011 die Kultur in alle Teile Turkus. Das Programm bietet ein Jahr voller Höhepunkte, erschließt neue, kulturferne Zielgruppen und überschreitet traditionelle Genregrenzen.
Nightlife-Party im Dunkeln
Eines der ungewöhnlichsten Angebote ist die „Pitch Black Nightlife-Party“, die im Rahmen des Projekts „876 Töne der Dunkelheit“ stattfindet. Treffpunkt ist ein unscheinbares Haus mitten in Turku. Im Vorraum entledigt man sich seiner Schuhe und Taschen, selbst Uhren und Handys sind verboten. Die könnten ja als Lichtquelle dienen. Nach einer kleinen Einführung auf Englisch wird man von der sehbehinderten Künstlerin Paula Väinämö in einen völlig abgedunkelten Raum geführt. Im Kopf setzt sich ein Bild zusammen: eine Bar mit Ausschank, umrahmt von einer Tanzfläche, Sitzgruppen und Geländern. Fühlt sich an wie in einer Disco oder einem Nachtclub.
Wie fühlt sich ein Leben ohne Licht an?
Ob es hier wirklich so aussieht? Das Gehirn arbeitet, die Hände halten sich krampfhaft an den Schultern des Vordermannes fest. Doch zunehmend fließt die Dunkelheit beruhigend in einen hinein. Weil man nicht aus sich heraussehen kann, kommt man sich vor wie ein dunkler Raum. Der füllt sich langsamer als bei Licht: mit Tönen und Berührungen. Plötzlich erklingt aus der Dunkelheit leise Akkordeon-Musik. Die Atmosphäre erscheint noch enger, aber auch wohlig und schützend. Mal taumelt die Musik in finnischer Humpa-Manier durch die Dunkelheit, mal lächelt sie tango-melancholisch, mal vereint sie den Kontrast von heiter und traurig in einem Stück. Man beginnt sich vorzustellen, wie es ist, ein Leben ohne Licht, Farben und Formen zu führen. Bisher schien allein das Sehvermögen den Zugang zur Welt zu sichern.
Eine Plattform zur Kommunikation
Paula Väinämö und ihre beiden Mitarbeiter nehmen die Vorstellungen und die nicht visuellen Wahrnehmungen blinder Menschen als Ausgangspunkt, um das Unsichtbare in uns und um uns zu entdecken. Schnell bemerkt man, dass Blinde in einer anderen Form sehen – und hören. Die nicht sichtbaren Komponenten wie Musik werden automatisch bewusster wahrgenommen und bilden die Grundlage für eine intensivere Auseinandersetzung. Gleichzeitig bietet diese „Nightlife-Party“ in der Dunkelkammer eine Plattform zur Kommunikation und zum Austausch. Der abgedunkelte Raum wird schon bald zur Nebensache.
Lichtlose Unsicht-Bar
Am Ende nehmen einige der Besucher noch einen Drink und einen Snack in der lichtlosen „Unsicht-Bar“. Manche wagen sogar noch ein kleines Tänzchen. Erst nach anderthalb Stunden endet das Experiment, die Discogänger streben langsam dem Ausgang entgegen: Licht. Hell scheint es in die zugekniffenen Augen, obwohl es draußen längst dunkel ist. Es ist schön, wieder zu sehen – schließlich hat Kulturhauptstadt Turku noch andere ungewöhnliche Kultur-Erlebnisse zu bieten.
Die „Pitch Black Nightlife“ findet in der Pitch Black Gallery, Käsityöläiskatu Street 5, Turku statt. Der Eintritt ist frei. Anmeldung unter E-mail: pilkkopimeaa@gmail.com oder Telefon +358 40 871 0503.
Quellen:
Turku - European capital of culture - turku2011.fi/en
Turku - aktuelle Themen & Nachrichten - sueddeutsche.de
