Small World – mit Gérard Depardieu. Kinostart am 16.12.2010

Gerard Depardieu in Small World - Majestic
Gerard Depardieu in Small World - Majestic
Bruno Chiche inszeniert Small World nach der Romanvorlage von Martin Suter als Kammerspiel des sanften Riesen Gérard Depardieu.

Alexandra Maria Lara hat es nicht leicht in „Small World“ neben Schauspielerlegende Gérard Depardieu. Das liegt weniger an der Leinwandpräsenz des französischen Stars als daran, dass ihr das Drehbuch wenig Entwicklungsmöglichkeit bietet. Schon vom ersten Moment an betrachtet Simone die Welt der Finanz- und Gesellschaftsgrößen, in die sie da hineingeheiratet hat, mit großer Skepsis. Unwillkürlich fragt man sich, wie ist sie da hin gekommen? Und warum?

Dies ist nicht die einzige Schwäche in der Motivationslogik des Drehbuchs von Bruno Chiche. Die Familienpatriarchin des Senn Clans, Elvira Senn (Françoise Fabian) stattet er mit einer Menschenfreundlichkeit aus, die kaum die Konsequenz motiviert, mit der zu handeln sie schließlich bereit ist. Chiche will nach eigener Aussage die Thrillerhandlung des Buches in den Vordergrund rücken und die eigentlich im Vordergrund stehende Alzheimererkrankung des Protagonisten Konrad Lang nur als Antriebsmoment für diese nutzen. Dann allerdings hätte er den Alzheimerpatienten nicht mit Gérard Depardieu besetzen sollen.

„Small World“, die kleine Welt des Konrad Lang

Als Ziehbruder des Firmenerben Thomas Senn (Niels Arestrup), Simones Schwiegervater, hat Konrad die große Welt kennen gelernt. Er hat mit ihm das exklusive Internat besucht, Tennis und Klavier spielen gelernt und erstklassige Manieren erworben. Erst als er Thomas lästig wurde, weil der Konrads Eroberung Elisabeth geheiratet hat, wird Konrad abgeschoben und dient den Senns in verschiedenen untergeordneten Jobs. Elvira Senn schützt ihn, als er den Landsitz der Senns in Brand setzt und stattet ihn mit einer monatlichen Zuwendung und einer Wohnung aus, in der er sich in Ruhe zu Tode trinken könnte, wäre da nicht die Krankheit, die sein Erinnerungsvermögen im aktuellen Leben langsam zerstört, ihn aber gleichzeitig in immer tiefere Schichten der Erinnerung an seine Kindheit eintauchen lässt.

So wird der „alte Freund“ der Familie, als dieser zunehmend in der kleinen Welt seiner Alzheimererkrankung versinkt, im Gästehaus der Familie Senn einquartiert, um ihn besser kontrollieren zu können. Aber Simone versucht sein Gedächtnis mit alten Fotos anzuregen, was immer mehr zur Gefahr für das von Elvira Senn sorgsam ausbalancierte Gleichgewicht des Sennimperiums wird.

Gérard Depardieu im Pas de deux mit Alexandra Maria Lara und Nathalie Baye

Nach kurzer Zeit hat der Kritiker seine anfänglichen Fragen nach der Motivation von Simone vergessen, denn die Szenen in denen sie Konrad Lang kennen lernt, seine Fähigkeiten, seinen Charme und die Beschränkungen durch seine Krankheit, werden von beiden in solcher Intensität gespielt, dass sie völlig ausreichen um das Kammerspiel zwischen Depardieu und Lara zu motivieren. Wie sie in diese Familie gelangt ist, wird da schnell zur sekundären Frage.

Ähnlich funktioniert die Beziehung zwischen Konrad Lang und Elisabeth (Nathalie Baye). Die Präsenz dieses lausbubenhaften Obelix, die überraschenden Kniffe mit denen er seine Aussetzer kaschiert, und der freche Charme mit dem er das tut, reichen aus, um die Beziehung zur Mutter von Simones Mann Phlippe (Yannick Renier) lebendig werden zu lassen. Chiche hat die Figur der Elisabeth mit der Rosemarie Haug des Buches verschmolzen. Ein dramaturgischer Eingriff, der die Kinotauglichkeit des Stoffes verbessert, weil er ihn strafft. Und dieser Eingriff entbehrt nicht einer gewissen Komik, denn im Buch kann Konrad Lang die beiden Frauen in einem bestimmten Stadium seiner Krankheit nicht mehr unterscheiden.

„Small Word“, ein Schauspielerfilm

Die Szenen zwischen Baye, Lara und Depardieu sind das, was den Film trägt und so ist eben doch die Krankheit in den Mittelpunkt gerückt, denn die Intrigen, die da im Herrenhaus gesponnen werden, während Konrad Lang im Gästehaus gepflegt wird, gereichen Gérard Depardieu immer wieder zum Anlass einer schauspielerischen Miniatur. Seine Versunkenheit am Klavier, sein Tanz mit den Schneeflocken, sein verwirrter Blick durch ein beschlagenes Fenster, seine naiven Gespräche mit dem von ihm immer noch geliebten Ziehbruder Thomas, all diese Szenen sind großes Kino in einem kleinen Film, der am Ende auf die satirisch scharfe Kritik verzichtet, die Suter am Geldadel übt. Vater und Sohn Senn machen ihren Frieden mit dem unschuldigen Tor Konrad Lang und Simone beobachtet das nur noch aus der Ferne.

Die Kunst einer Literaturverfilmung ist es ja, den Geist eines Werkes zu erfassen, aber ein als Film eigenständiges Kunstwerk zu schaffen. Man kann Chiche bestätigen, dass er das geschafft hat. Oder der Stoff und die Schauspieler haben es mit ihm geschafft, denn seine Absicht, die Thrillerhandlung in den Vordergrund zu stellen, haben Depardieu, Lara, Baye und Arestrup mit ihrem intensiven Spiel nicht zugelassen. „Small World“ ist ein schauspielerisches Kammerspiel um das Thema eines würdevollen Lebens auch in der Krankheit, kein Thriller.

Rainer Hitzler , Rainer Hitzler

Rainer Hitzler - Wie so viele Autoren bin ich Autor aus Berufung, fast seit ich lesen und schreiben kann. Mittlerweile 50 Jahre alt kann ich somit auf ...

rss