Small World – Roman von Martin Suter

Cover Small Word - Diogenes Verlag
Cover Small Word - Diogenes Verlag
Alzheimer ist das eigentliche Thema diese Romans aus Kreisen der schweizerischen Hochfinanz. 2010 mit Gerard Depardieu und Alexandra Maria Lara verfilmt.

“Als Konrad Lang zurückkam stand alles in Flammen, außer dem Holz im Kamin.”

Romananfänge, gute zumal, sagen viel aus über den Roman der folgt. Dieser geht in medias res und macht auch gleich den Grundton des Romans „Small World“ von Martin Suter klar: Leicht hintersinniger Humor. Dieser Grundton ist um so überraschender, als es um ein sehr ernstes Thema geht. Die Hauptfigur, der gleich im ersten Satz genannte Konrad „Koni“ Lang erkrankt im Laufe des Buches mehr und mehr an der zerstörerischen Alzheimer Krankheit. Das beschreibt Suter in einer Selbstverständlichkeit, ja fast Beiläufigkeit, die befremden würde, wäre da nicht die durchgehend spürbare Sympathie für seine Taugenichtsfigur Konrad Lang.

Durch Alzheimer wird die Welt zur „Small World“

Die Alzheimer Krankheit macht die Welt für Konrad Lang zunehmend kleiner – Small World ist der Ausdruck den er selbst dafür prägt. Zunächst kaschiert er seine Aussetzer mit dem Gehabe eines Mannes von Welt und der Erfahrung eines lebenslangen Schnorrers. Nach dem gleich im ersten Satz thematisierten Feuer gerät Konrad Langs Leben kurzzeitig aus den Fugen, um dann in eine Phase einzutreten, die nahe am kitschigen Glück angesiedelt ist. Er findet auf seine alten Tage die Frau seines Herzens, die sogar seine Alkoholsucht kontrollierbar erscheinen lässt. Mit Rosemarie Haug erlebt er ein Jahr Zweisamkeit, wie er es sich selbst nie mehr hatte vorstellen können. Rosemarie kämpft lange um die Beziehung, bis sie erkennen muss, dass sie den Belastungen nicht gewachsen ist, die Konrads Krankheit ihr abfordern.

Aber einer wie Konrad Lang fällt noch einmal auf die Füße. Simone, die Schwiegertochter seines Ziehbruders Thomas „Tomi“ aus dem Hause der Industriellenfamilie Koch macht sich seine Pflege zur Aufgabe. Als Abfallprodukt dieser Pflege wird auch gleich noch ein dunkles Familiengeheimnis der Kochs enthüllt.

Innensichten der Alzheimer Erkrankung

Zugegeben, der Plot klingt ein bisschen nach Groschenroman, aber Suter gelingt eine so einfühlsame Beschreibung der Alzheimer Erkrankung mit all ihren Facetten von tragisch bis grotesk, dass die Geschichte deutlich in den Hintergrund tritt. Immer wieder nimmt er den Leser mit ins Innenleben des Konrad Lang. Gibt seine momentane Sicht der Dinge so selbstverständlich wieder, dass der Leser selbst immer wieder Schwierigkeiten bekommt, sie richtig in den Kontext der Geschichte einzuordnen. Diese Innensichten des Konrad Lang, gepaart mit Suters trocken kommentierenden Äußerungen oft am Ende eines Absatzes, machen „Small World“ zu einem echten literarischen Feinschmeckermenü. Lakonische Sätze wie dieser etwa: „Kühler in Fahrtrichtung, aber Räder in der Luft.“ Oder dieser, der allerdings am Anfang eines Absatzes steht: „Mitten in die Betretenheit hinein hoben die schweren Münsterglocken an zu läuten.“

Ähnlich wie bei den kulinarischen Menüs, die Suter im Laufe der Geschichte immer wieder einbaut, würzt er durch diese kurzen Augenblicke, in denen er aus seiner Erzählerrolle heraustritt und kommentiert, das literarische Menü mit pfefferscharfer Ironie.

Konrad Lang in „Small World“ und Jacky Stocker in „Lia, Lila“

Natürlich fällt die Ähnlichkeit der Personenzeichnung von Konrad Lang mit Jacky Stocker aus „Lila, Lila“ auf. Beide geben den Mann von Welt im Pennergewand, haben ein Alkoholproblem und sind ein Problem für ihre Umgebung. Letzteres allerdings aus unterschiedlichen Gründen. Aber warum soll ein Schriftsteller nicht mehrfach ein Psychogramm verwenden, das er so gut kann wie Suter den – zumindest in Teilen – liebenswerten Schnorrer.

Suter lockt seinen Leser ins Innenleben eines Alzheimerpatienten und auf diverse falsche Fährten, bevor er ein großes Finale mit einem etwas surrealistischen Schluss inszeniert. Seinen hintersinnigen Humor behält er bei bis zum letzten Satz der Danksagung: „Und meiner Frau Margrith Nay Suter, die es riskierte, mich nach der ersten Fassung zu bewegen, nochmals von vorne anzufangen.“

Man darf gespannt sein, ob die Verfilmung von Bruno Chiche, mit Gerard Depardieu und Alexandra Maria Lara, diesen ironischen Ton transportieren kann.

Martin Suter: Lila, Lila. Diogenes Verlag, 1997. Taschenbuch, 324 Seiten, Euro 9,90

Rainer Hitzler , Rainer Hitzler

Rainer Hitzler - Wie so viele Autoren bin ich Autor aus Berufung, fast seit ich lesen und schreiben kann. Mittlerweile 50 Jahre alt kann ich somit auf ...

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