So werden neue Erdenbürger in Emden begrüßt

Die Stadt und das Klinikum gehen auf "Puppvisit"

Barbara Reinhard bei einem Besuch - Heiko Müller
Barbara Reinhard bei einem Besuch - Heiko Müller
Allgemeines über Geburtsrituale in Ostfriesland. Die Sozialpädagogin Barbara Reinhard stellt den Begrüßungsservice für Neugeborene, der Stadt Emden und des Klinikums, vor

Kinder sichern den Bestand der Familie, der Gemeinde, der Stadt oder eines Landes. In früherer Zeit wurden ausreichend viele Kinder geboren. Jede Familie hatte mindestens zwei Kinder und Frauen, die viele Kinder bekamen, waren in der Gemeinschaft hoch angesehen. Bis in den 80er Jahren war es in Ostfriesland noch Brauch, dass sich ältere Männer, die einer Schwangeren begegneten, kurz verneigten und damit ihren Respekt vor dem Leben ausdrückten. Heute, im Jahr 2010, werden in Deutschland zu wenige Kinder geboren und viele Politiker fragen sich, warum das so ist. Städte und Gemeinden unterstützen junge Paare mit Anreizen durch Steuerermäßigung oder einem Kindergeld. Verwandte und Freunde senden Glückwünsche zur Geburt.

Vielerorts würden junge Eltern gerne den Brauch, ein Neugeborenes gemeinsam anzuschauen, weiter führen. Sie haben aber keine Verwandten oder Freunde, die sich bei einer "Puppvisit"mit ihnen über das neue Kind freuen könnten.

Wicht oder Pupp?

Auch in Ostfriesland ist meist die erste Frage an die Eltern, ob das Neugeborene ein Junge oder ein Mädchen ist. Jungen wurden traditionell festlicher begrüßt, weil mit ihrer Ankunft, in früherer Zeit, der Familienname und das Erbe weiter getragen wurde. Heute werden beide Geschlechter gleichermaßen freudig begrüßt. Es wird sich nach dem Gewicht und der Größe des Kindes erkundigt, ob es gesund ist und ordnungsgemäß seine Milch trinkt.

Was bedeutet Puppvisit?

In Ostfriesland war es lange auf dem Land Brauch, neu Hinzugezogene mit einer Girlande um die Haus- oder Wohnungstür zu begrüßen und damit in die Gemeinschaft aufzunehmen. Die Ausrichter des Festes, die Nachbarn, erwarten dafür von den Neuankömmlingen mit einem Umtrunk belohnt zu werden. Auch neu angekommene Babys werden in Ostfriesland auf diese Art, bei der „Puppvisit“ (Babyschau) begrüßt. Besonders Väter, die, nach dem 7. Hochzeitstag ohne Nachwuchs eine Verzierung des Hauses mit einem Kranz von Hobelspänen befürchten mussten, weisen nun den Wicht oder die Pupp (Junge oder Mädchen, größere Mädchen werden Deern genannt) besonders gerne vor. Im Volksmund wird davon gesprochen, dass zu den Zeiten des Häuptlingswesens (zum Beispiel der Familien Conrebber, Cirksena, Hettinga, Tom Brook und viele andere) die Puppvisit eine offizielle Anerkennung der Vaterschaft darstellte und bei dieser Gelegenheit die Paten des Neugeborenen ausgesucht wurden. Der Kindsvater setzt während der Schwangerschaft den Kinnertöhn, auch Bohntjesopp oder Sinbohntjesopp genannt, an. Bei der Puppvisit werden von den Kindseltern gerne Geschenke für das Kind angenommen. Es können Babykleidung, Einrichtungsgegenstände, aber auch Geldgeschenke sein. Bei den Sachgeschenken empfiehlt es sich, diese vorher abzusprechen, damit die jungen Eltern nicht plötzlich mehrere Kinderwagen oder Babywippen haben.

Rezept für Bohntjesopp

Es werden Rosinen, besser noch Weinbeeren in Schnaps oder Brandwein angesetzt und mit Kandis versüßt. Dabei kommen auf einen Liter Schnaps etwa 250 Gramm Rosinen und 125 g in wenig Wasser aufgelöster Kandiszucker, auch Kluntjes genannt. Das Gemisch wird gut verrührt und muss mehrere Tage stehen. Gleich zu Beginn der Schwangerschaft, in einem Rumtopf angesetzt, hat es später eine sehr intensive Wirkung und sollte von den Besuchern, da es meist erst im Freien seine volle Wirkung zeigt, mit Vorsicht, nur in kleinen Schnapsgläschen, genossen werden. Traditionell wurde es im Löffel, in der Zeit bis zur Taufe des Kindes verabreicht.

Rezept für Bohntjesupp in Kürze

  • Je Liter Schnaps oder Branntwein 250 Gramm Rosinen oder Weinbeeren
  • 125 Gramm Kandiszucker
  • Etwas abgekochtes Wasser

Neuer Baby-Besuchsdienst nahm 2010 seine Arbeit auf

Alle neugeborenen Emder und deren Familien werden künftig, auf Wunsch, persönlich, im Auftrag der Stadt, von der Sozialarbeiterin Barbara Reinhard willkommen geheißen. Wie bekannt gegeben wurde, bringt sie auch Geschenke mit. Das Klinikum und die Stadt Emden haben den Baby-Besuchsdienst „Puppvisit“ eingerichtet, der erstmalig Anfang 2010 seine Arbeit aufnahm. Ziel dieses Angebots sei es, die Familienfreundlichkeit der Stadt zu unterstreichen, sagt Heino Geerken von der Pflegedirektion des Klinikums bei der Vorstellung des neuen Services. Dieser richtet sich an alle Eltern von Neugeborenen, die in Emden gemeldet sind. Beim Besuchsdienst geht es aber nicht um den Umtrunk mit "Bohntjesopp", sondern vielmehr um eine allgemeine Information rund ums Kind und über alle bestehenden Angebote für junge Familien in der Stadt. Die Eltern erhalten innerhalb der ersten zehn Wochen nach der Geburt Post vom Klinikum mit einem offiziellen Glückwunschschreiben des Oberbürgermeisters und einem Terminvorschlag für den Besuch. "Die Annahme ist natürlich freiwillig", sagte Geerken. Seit Anfang Februar seien bereits 30 Familien angeschrieben worden, 29 davon wünschten den Besuch. "Wir sind gespannt auf die Resonanz", so der Mitarbeiter des Klinikums. Er rechnet mit zwischen 300 und 330 Visiten pro Jahr bei einer Besuchsquote von 80 Prozent.

Infoquelle: Ostfriesenzeitung Emden

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