Søren Kierkegaard: Tagebuch des Verführers

Ein Philosoph schreibt über die verstörende Geschichte einer Liebe

Kierkegaard: Tagebuch des Verführers - Artemis & Winkler Verlag
Kierkegaard: Tagebuch des Verführers - Artemis & Winkler Verlag
Kierkegaard auf der Flucht vor der Liebe, der er nie entkam. "Entweder - Oder", Ästhetik oder Ethik, das ist in diesem Buch die Frage des dänischen Existenzphilosophen.

Kierkegaards Protagonist Johannes verweigert im "Tagebuch des Verführers" eine ethische Lebensform. Zu lesen, wie er das vollbringt, ist entweder höchst vergnüglich, oder es macht wütend. Aber immer führt die Lektüre in medias res der modernen Existenzphilosophie, zu eigenen Gedanken, zum eigenen Empfinden. Das Nachwort dieser 2004 bei Artemis & Winkler erschienenen Neuauflage schrieb John Updike, einer der bedeutendsten Gegenwartsautoren der USA. Leider blieb dies die einzige, wenngleich leseluststeigernde Neuerung. Übersetzung wie Kommentarteil blieben beim Alten.

Ein Prachtstück der Liebesliteratur

Verwickelt ist es nach Updike, wie der Held versucht, "erotisches Versagen in pädagogischen Erfolg zu verwandeln". So geistig verschraubt ist dieser junge Held, dass er nichts unterlässt, "um seine Verletzung als Überlegenheit zu tarnen". Die Geschichte steht auf realem Boden. Die äußerst widersprüchliche Liebesbeziehung Kierkegaards zu seiner Verlobten Regine Olsen wird hier aufgearbeitet, zurechtgerückt, und ihr Ende entschuldigt. Wie der Autor in realiter Regine verführt, ihrer überdrüssig wird, sich von ihr trennt, so trennt sich schließlich auch der fiktive Johannes von seiner Cordelia Wahl, weil er sich selbst und ihr einredet, mit ihm müsse sie zwangsläufig unglücklich werden. Mit dieser Erkenntnis beginnt Johannes die Kindfrau, die er doch angeblich liebt, solange und ausgesprochen subtil zu beeinflussen, bis sich Cordelia von ihm trennt – im festen Glauben, dies aus freiem Willen zu tun.

Spiel und Methode

Kierkegaard schlüpft in viele Rollen, nimmt immer wieder andere Haltungen an, spricht mit vielen Stimmen. Philosophisch, und vor allem literarisch. Die maieutische Methode half bereits dem von ihm hoch verehrten Sokrates und dessen Zuhörern auf die Sprünge. Statt Ideen aufzudrängen, lockte er deren Ideen durch die ihm eigene Art des Fragens ans Licht. Spielerisch Kenntnis gewinnen, spielerisch erzählen.

Wie Schopenhauer gehört auch Søren Kierkegaard zu dem Philosophentypus des 19. Jahrhunderts, dessen Werk vor allem den literarisch interessierten Leser anspricht. Glänzte ersterer als Stilist, so ist der Däne ein Meister erzählerischer Elemente. Geschichten der Bibel oder des Mythos erzählte er neu, und je nach Erzählhaltung offenbart sich eine weitere unerwartete Facette des Geschehens. Das Spiel mit Realität und Fiktion ist beispielhaft für Autoren. Vom empirischen und metaphysischen Pessimismus Schopenhauers war Kierkegaard nicht völlig durchdrungen. Er litt entweder unter religiöser Melancholie, die er vom Vater geerbt hatte, oder laut Tagebucheintrag daran, dass er "in fast jeder Hinsicht diejenigen körperlichen Qualitäten" entbehrte, die ihn "zu einem vollwertigen menschlichen Wesen machen würden".

Das Weib, Don Juan und das Denkmal

"Das Weib ist Substanz, der Mann Reflexion ... In gewissem Sinne ist der Mann mehr als das Weib, in anderem Sinne unendlich viel weniger." Solche Aussagen bergen ein Meer von Möglichkeiten, aus dem jeder Einzelne schöpfen, in dem er aber genauso gut untergehen kann. Je wilder und größer dieses Meer, desto schwieriger fällt die Entscheidung für das "Entweder – Oder". Kierkegaard/Johannes versucht das Dilemma grüblerisch zu lösen, versucht die eigenen und die Gefühle seines Gegenübers zu berechnen und sich dann dementsprechend zu verhalten. Die erwartete Entscheidung zu treffen, also das Handeln, überlässt er Regine/Cordelia. An anderer Stelle in der Historie sagte daraufhin einer: "Ich wasche meine Hände in Unschuld." Funktioniert hat die Reinwaschung nicht. Wie echt die Liebe war, der Kierkegaard entrinnen wollte, mag der Umstand beweisen, dass er sich in schlechtes Licht, Regine aber mit dem "Tagebuch des Verführers" ein Denkmal setzte.

Søren Kierkegaard: Tagebuch des Verführers. Übersetzt aus dem Dänischen von Heinrich Fauteck. Artemis & Winkler 2004. Gebunden, 200 Seiten. Ab circa Euro 9,00.

Elke A. Sommer, Elke A. Sommer

Elke A. Sommer - Elke A. Sommer ist 1956 in Hochstadt am Main geboren. Nach dem Abitur im Jahr 1979 Studium der Germanistik und Geschichte in München, ...

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