Sofies Welt – Jostein Gaarders Welterfolg

Roman über die Geschichte der Philosophie

Cover Sofies Welt - Hanser Verlag
Cover Sofies Welt - Hanser Verlag
Philosophisches Grundlagenwissen einer breiten Masse nahe zu bringen. Mit seinem Jugendbuch Sofies Welt ist Jostein Gaarder genau das gelungen

Es erhebt sich allerdings die Frage, wie viele Kinder Sofies Welt tatsächlich – zumindest außerhalb des Schulunterrichts - gelesen haben. Denn bei aller Spannung, die Gaarder in seiner Story rings um das neugierige Mädchen Sofie aufbaut, die Einschübe über Philosophen und ihre philosophischen Ansätze sind doch lang und bei aller sprachlichen Finesse unterbrechen sie, gerade für den jugendlichen Leser, den Spannungsbogen der Geschichte doch immer wieder sehr.

Aber auch wenn Gaarder womöglich mehr Erwachsene als Jugendliche angesprochen hat, so kann man ihm doch den Verdienst nicht absprechen, Philosophie für viele Menschen aus der Ecke der verstaubten Gelehrten geholt und mitten in die Welt gestellt zu haben.

Philosophie zum Anfassen - Wie macht Jostein Gaarder das?

Die Geschichte der 14-jährigen Sofie Amundsen liest sich zunächst wie ein spannend geschriebenes Jugendbuch. Geheimnisvolle Briefe erreichen Sofie. Ernsthaft setzt sie sich mit den darin aufgeworfenen philosophischen Grundfragen auseinander: Wer bin ich? Wo ist mein Platz in der Welt? Was eigentlich unterscheidet meine Existenz von einem Gedanken?

Sofie bekommt Hilfe von Alberto Knox, einem wiederum geheimnisvollen älteren Herrn, der ihr die Grundlagen der Philosophie anhand ihrer bedeutendsten Köpfe vermittelt. Sehr praktisch, dass Knox dafür auch die Möglichkeit von Zeitreisen zur Verfügung stehen, in denen er Sofie etwa auf Agora in Athen führt und dort Sokrates live erleben lässt.

Gaarder schafft es immer wieder, die philosophischen Lehrstücke durch Erlebnisse aus dem täglichen Leben von Sofie zu kommentieren und so den Bezug zur Alltagswirklichkeit einer 14-jährigen herzustellen.

Wie die Philosophie in Sofies Welt von der Existenz Besitz ergreift

Im Vorgängerbuch Das Kartengeheimnis hat Gaarder eine Geschichte in der Geschichte erzählt, die langsam ihre Ausläufer bis in die „reale“ Existenz des Erzählers Thomas erstreckt. In Sofies Welt geht die Entwicklung sozusagen in die andere Richtung. Die von Sofie so empfundene „reale“ Welt, ihre Lebenswelt, stellt sich als literarische Fiktion heraus, mit der ein Vater seine Tochter beschenken will. Knox plant zusammen mit Sofie den Ausbruch aus der Geschichte. Die Figur will sich vom Schöpfer unabhängig machen. Ein literarisch immer wieder thematisierter Gedanke, zum Beispiel auch in Cornelia Funkes Tintenwelt Trilogie.

Ob ein Übergang von literarischer zu realer Welt möglich ist, oder nicht, das lässt Gaarder offen und es ist auch nicht so wichtig. Was er zum Ausdruck bringen will und das tut Sofies Welt in eindrücklicher Weise, ist die Frage, welche Sicherheit irgendeine Existenz haben soll das sie mehr ist, als eine Geflecht von Gedanken. Diese grundsätzliche Frage nach der Existenz der Welt und dem Bewusstsein, das der Mensch davon hat, bleibt am Ende der Lektüre von Sofies Welt als bohrende Frage im Bewusstsein des Lesers verankert. Und dabei ist es wiederum egal, ob es sich um einen jugendlichen oder einen erwachsenen Leser handelt, beide können sich dem Sog nicht entziehen, den Gaarder mit der Konstruktion seiner Geschichte erzeugt.

Jostein Gaarders Projekt „anschauliche Philosophie“

Schon im Kartengeheimnis hat Gaarder philosophische Fragen in eine sehr lesbare literarische Form gegossen. Womöglich ist ihm das dort sogar noch besser gelungen als in Sofies Welt, weil dort alle philosophischen Fragen als Bestandteil der Geschichte verarbeitet werden und nicht, wie in Sofies Welt, als Exkursionen in die Welt der Philosophen. Nach Abschluss vom Kartengeheimnis stellte Gaarder sich die Frage, wie dem ebenfalls 14-jährigen Protagonisten Thomas philosophische Grundfragen nahe zu bringen wären und schrieb daraufhin Sofies Welt.

Wie eingangs erwähnt ist es sicherlich fraglich, welchen Prozentsatz Jugendlicher Gaarder tatsächlich erreicht hat. Sicher ist jedenfalls, dass man sich kaum einen schöneren Einstieg ins Thema Philosophie in der Schule vorstellen kann, als mit einer Klasse Sofies Welt zu lesen. Und auch jedem Erwachsenen, der wieder einmal die Welt durch die Kinderaugen des Philosophen betrachten will, sei die Lektüre wärmstens empfohlen. Auch wenn es nun schon ein paar Jahre auf dem Buckel hat, ist Sofies Welt ein Muss für jeden Bücherschrank, egal ob der Besitzer jung oder (philosophisch) jung geblieben ist.

Jostein Gaarder: Sofies Welt. Carl Hanser Verlag 1993. Gebunden, 624 Seiten, Euro 23.50

Rainer Hitzler , Rainer Hitzler

Rainer Hitzler - Wie so viele Autoren bin ich Autor aus Berufung, fast seit ich lesen und schreiben kann. Mittlerweile 50 Jahre alt kann ich somit auf ...

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