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Sofja Tolstaja: Eine Frage der Schuld

Dieses Buch ist eine Antwort auf die Kreutzersonate von Lew Tolstoi

Tolstaja: Eine Frage der Schuld - Manesse Verlag
Tolstaja: Eine Frage der Schuld - Manesse Verlag
Sofja Tolstaja emanzipierte sich mit ihrem Roman „Eine Frage der Schuld" zumindest literarisch von ihrem Mann Lew Tolstoi und dessen „Kreutzersonate".

Erst 100 Jahre nachdem Sofja Tolstaja ihren Roman „Eine Frage der Schuld“ geschrieben hatte, wurde er in Russland veröffentlicht, und nun liegt er auch in deutscher Übersetzung vor. Erzählt wird die Geschichte von Anna, einem jungen Mädchen, das den viel älteren Fürsten Prosorski heiratet. Schon kurz nach der Eheschließung enden die vertrauten Gespräche, die die beiden miteinander führten, erlischt das Interesse des Fürsten an seiner Frau. Auch den vier Kindern, die im Laufe der Jahre auf die Welt kommen, bringt er keine Liebe entgegen. Anna fühlt sich zu einem Objekt degradiert und bringt in einer zentralen Stelle des Romans zum Ausdruck: „Sollte denn nur darin unsere weibliche Berufung bestehen, vom körperlichen Dienst für den Säugling zum körperlichen Dienst für den Mann überzugehen? Und das abwechselnd – immerfort! Wo bleibt denn mein Leben? Wo bleibe ich? Ich, die einmal nach Höherem gestrebt hat, dem Dienst an Gott und den Idealen.“

Erst in der platonischen Beziehung zu einem todkranken Nachbarn erlebt Anna eine glückliche Zeit und ihr Ideal einer geistigen Beziehung. Mit ihm kann sie malen, Literatur übersetzen und diskutieren. Doch der Fürst verfolgt diese Freundschaft mit blinder Eifersucht und unterstellt seiner Frau, ihn zu betrügen.

Tolstaja schreibt Gegenstück zur Kreutzersonate

„Eine Frage der Schuld“ ist Sofja Tolstajas Antwort auf die „Kreutzersonate“ ihres Mannes Lew Tolstoi. In dessen Novelle ist die Konstellation ähnlich, die Geschichte wird lediglich aus der Sicht des Fürsten erzählt. Die „Kreutzersonate“ stellt Frauen als schändliche Verführerinnen dar, die Männer ins Verderben stürzen. Tolstoi legt dem Leser nahe, dass diese degenerierten Geschöpfe, also Frauen, ganz einfach „das Böse“ sind. Für seine Frau Sofja war diese Darstellung eine öffentliche Demütigung. Trotzdem setzte sie sich für die Veröffentlichung der Novelle ein, die die Zensurbehörde nicht drucken lassen wollte. In dem sie diesem Text zu seiner Veröffentlichung verhalf, wollte sie demonstrieren, dass sie dieses Frauenporträt nicht auf sich bezog. Doch diese Geste allein reichte ihr nicht, sie begann wieder zu schreiben. Schon als Jugendliche hatte sie, die damals die beste für Frauen zugängliche Bildung erhalten hatte, geschrieben, doch vor ihrer Heirat hatte sie diese Werke und ihre Tagebücher verbrannt, was sie ein Leben lang bereuen sollte. Sie wurde zur Assistentin ihres Mannes, schrieb Tolstois Texte ins Reine, motivierte ihn, wenn Zweifel ihn plagten, kümmerte sich um die Veröffentlichungen und erzog nebenbei ihre 13 gemeinsamen Kinder. Mit 50 Jahren schrieb sie den Roman, der in wörtlicher Übersetzung unmissverständlich heißt „Wessen Fehl? Die Erzählung einer Frau (Anlässlich der Kreutzersonate Lew Tolstois. Niedergeschrieben von der Gattin Lew Tolstois in den Jahren 1892/1893“.

Kurze Autobiografie der Gräfin Sofja Andrejewna Tolstaja

In der bei Manesse erschienen Ausgabe des Romans ist auch eine kurze Autobiografie der Tolstoi-Gattin zu lesen und ein Nachwort von Ursula Keller. Hier wird klar, dass Tolstajas Roman nicht allein von der Kreutzersonate inspiriert wurde, sondern auch durchtränkt ist von eigenen Erfahrungen. Ihre Ehe mit Tolstoi war eine unglückliche geworden. Ihr Einsatz als seine Assistentin wurde ihr damit gedankt, dass sie später als hysterische und unbelehrbare Frau dargestellt wurde. Es ist kein Zufall, dass Tolstajas Roman 100 Jahre brauchte, um gedruckt zu werden, enthüllt er doch mehr über Lew Tolstoi, als dessen Anhängern lieb sein kann.

Doch man würde dem Roman nicht gerecht, wenn man ihn nur im Hinblick auf Tolstoi und die Kreutzersonate läse. „Eine Frage der Schuld“ ist ein eigenständiges Werk, das eine talentierte Autorin geschaffen hat.

Sofja Tolstaja: Eine Frage der Schuld. Anlässlich der Kreutzersonate von Lew Tolstoi. Manesse Verlag 2008. Gebunden, 315 Seiten. Euro 19,90.

Pia Helfferich, Pia Helfferich

Pia Helfferich - Pia Helfferich ist Autorin und schreibt nebenher Rezensionen und Artikel für die Zeitschriften Federwelt, TextArt und Buchkultur. Sie ...

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