
- Cover "Solar" - Diogenes Verlag
„Und nun die guten Nachrichten. Nach Schätzungen der UNO fordert der Klimawandel bereits jetzt jedes Jahr eine Drittelmillion Tote. Bangladesch geht unter, weil die Ozeane sich aufheizen und ansteigen. Der Regenwald am Amazonas ist von Dürre bedroht. Die sibirischen Dauerfrostgebiete geben Methan in die Atmosphäre ab. (...) Zurzeit schmilzt der Osten der Antarktis ab. Die Zukunft ist da, Toby.“
Wahrlich gute Nachrichten für jemanden, der der Menschheit seine Idee zur Rettung vor der Klimakatastrophe verkaufen will. Und genau das will Ian McEwans Protagonist Michael Beard in „Solar“. Beard ist kein Klimaaktivist, wie er im Buche steht. Er ist eher ein Zyniker, der durch eine kurze geniale Phase in der Jugend zu einem Nobelpreistitel in theoretischer Physik gekommen ist. Seitdem schleppt er sich durch, indem er das „Beard-Einstein-Theorem“ in unzähligen Vorträgen wieder aufwärmt, seinen Namen für Projekte und Briefköpfe verkauft und alle erreichbaren Finanztöpfe für obskure Forschungsprojekte anzapft. Privat hangelt er sich von einer Ehe zur nächsten, während seiner fünften hat er es auf elf Affären gebracht. Sprich: Michael Beard ist ein echter Sympathieträger.
Tiefpunkt und Neustart für Michael Beard, wie auch für die Weltenergieversorgung
Als Beards fünfte Frau von seinen Affären erfährt, zahlt sie ihm mit gleicher Münze heim und nimmt sich einen Liebhaber. In diesem Moment von Beards Leben startet der Roman. Im Angesicht des Verlustes schafft es der Physiker nicht, wie bei seinen vorherigen Ehen, die Sache schnell zu Ende zu bringen. Vielmehr leidet er, meint, ohne seine Frau nicht leben zu können, ist von ihr schließlich auch erotisch so abhängig, dass ihm nichts Neues gelingen will – weder in Sachen neue Affäre, noch beruflich.
Das Problem löst sich dann aber doch, durch eine Verkettung geradezu unglaublicher Zufälle, Beard kann sich von seiner Frau trennen und beschließt einen kompletten Relaunch seines Lebens. Zu Hilfe kommt ihm ein Manuskript, das, aufbauend auf sein Beard-Einstein-Theorem, eine Lösung für die Frage nach bezahlbarer und regenerierbarer Energie in Aussicht stellt. Noch einmal lässt er alle seine Verbindungen spielen, investiert seine komplette Kraft, seinen guten Ruf und auch sein Geld in dieses Projekt.
Beard ändert sein Ziel, seine Schlagzahl aber nicht sein Leben
Alle guten Vorsätze nützen nichts. Im Alltag von Michael Beard bleibt alles beim Alten: Die Affären, der schnelle Sex, der Alkohol, das zunehmende Übergewicht. McEwan beschreibt einen Mann, der seine Sucht nach Essen, Alkohol, Sex und Geltung nicht kontrollieren kann. Beard verkommt im Laufe seines Kampfes um die Zukunft der Menschheit zunehmend zu einem alkohol- und sexabhängigen Messie.
Die Parallelität zwischen der Unfähigkeit Beards, mit seinen schlechten Gewohnheiten zu brechen und der Unfähigkeit der Menschheit im Angesicht der drohenden Klimakatastrophe umzusteuern und alte Verhaltensmuster der Politik und Wirtschaft wirklich zu überdenken und zu ändern, das ist das Faszinierende an McEwans Buch. Der Zynismus, mit dem sein Beard versucht, die Klimakatastrophe und einige weitere menschliche Katastrophen zu seinem persönlichen Vorteil auszunutzen, ist ein Spiegelbild, das McEwan Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und letztlich allen Menschen vorhält. Nicht jeder ist ein Beard, aber jeder hat etwas von Beard.
Der Klimawandel als Folie menschlicher Unzulänglichkeit
Es liest sich atemlos, wie McEwan Beard auf seinen persönlichen Abgrund zusteuern lässt. Das Werkzeug zur Rettung der Menschheit in der Hand, stolpert Beard durch sein privates Universum der menschlichen Unzulänglichkeiten.
Leider bricht McEwan die Beschreibung dieses Lebens bei äußerster Zuspitzung der Lage ab. Nichts gegen ein offenes Ende eines Buches, aber den Leser an dieser Stelle von Beards Leben allein zu lassen, ihm alle Spekulationen für ein mögliches Ende dieser Lebenskatastrophe aufzubürden, das ist eines McEwan in dieser Form nicht würdig. Da erinnert man sich doch gerne an das ebenfalls offene, aber verzwickt auf den Punkt gebrachte Ende von „Abbitte“.
Ein lesenswertes und zeitweise ungemein spannendes Buch, das auch durchaus interessante Passagen zum Stand der Wissenschaft enthält, mit einem leider nicht ganz adäquaten Schluss.
Ian Mc Ewan: Solar. Diogenes Verlag, 2010. Gebunden, 402 Seiten, Euro 21.90
