
- Abrissbedroht: Wahrzeichen Turmzentrum, Solingen - Jörg Tilmes
In den ersten Tagen des Spätsommers 2010 warteten die Bürger der Klingenstadt Solingen auf Neuigkeiten in Bezug auf den Abriss des Turmhotel-Komplexes. Die Firma HLG Projektmanagement GmbH & Co. KG aus Münster sowie die im späteren Verlauf dem Projekt beigetretene Sonae Sierra aus Portugal wollen das altehrwürdige Kaufhaus sowie das dazugehörende Turmhotel abreißen, um an derselben Stelle mit dem Hofgarten ein neues Einkaufszentrum bauen zu können. Anlass, sich die Situation vor Ort genauer anzusehen.
Den Solinger Bürgern wurde versprochen, dass im Herbst 2010 siebzig neue Ladengeschäfte im neuen Hofgarten eröffnen werden. Karstadt schloss seine Türen in Solingen am 02. August 2008. Diese Inaussichtstellung wurde nicht eingehalten: Zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Artikels standen Kaufhaus und Turmhotel noch immer. Am selben Tag war in der Onlineausgabe der Zeitung Rheinische Post zu lesen, dass das Architekturbüro HPP in Düsseldorf von den Bauherren ein Jahr lang nichts mehr zu dem Projekt gehört habe. Interviewanfragen durch Suite101.de zum Hofgarten wurden zurückgewiesen.
Die Situation der Solinger Einkaufsmeile Hauptstraße im Spätsommer 2010
Die City Solingens – speziell der Bereich zwischen Goerdelerstraße und Kölner Straße – präsentiert sich so, als würde die Zeit seit zwanzig Jahren stillstehen: Auf der Hauptstraße gibt es keine baulichen Höhepunkte; rein gar nichts lockt das Auge an. Ein Billigshop neben dem nächsten Ein-Euro-Laden; Läden für Handies, Billigmode, lieblose Straßencafés. Vom auch auswärtige Besucher anziehenden Glanz einer Düsseldorfer Königsallee, von modernen und teueren Häuserfassaden oder großen Namen aus der Mode keine Spur. Die Clemens-Galerie samt Cinemaxx-Kino aus dem Jahr 2000 präsentiert sich dunkel und ungepflegt.
Der Hofgarten soll alles zum Besseren wenden
Mitarbeiter Solinger Einzelhändler, die in der Fußgängerzone und Einkaufsmeile Hauptstraße ansässig sind, haben sich in der Presse mehrfach dahingehend geäußert, dass man sich von der Eröffnung des Hofgartens neue Impulse für die Hauptstraße verspreche. Diese ist im Spätsommer 2010 von auffällig zahlreichen Leerständen von Ladenlokalen geprägt. Modefachgeschäfte wie Iserlohe, M&S und Appelrath & Cüpper haben geschlossen oder schließen noch. Aber es finden sich wie überall sonst auch Ketten wie H&M oder KiK sowie viele Billigboutiquen in der City. Die Läden des angrenzenden Bachtor-Centers stehen ebenfalls fast alle leer.
Mehr Einkaufserlebnis und Unterhaltungswert in den Nachbarstädten Düsseldorf und Köln
Das Problem von Solingen ist, dass die Metropolen Köln und Düsseldorf in nur 30 Autominuten erreichbar sind. Diese bieten mehr Einkaufserlebnis, mehr Style, Highlights wie den Kölner Dom oder die glamouröse Einkaufsmeile Königsallee sowie auch luxuriösere Modehäuser mit großen Namen – kurz mehr Unterhaltungswert als Solingen. Dazu kommt, dass Umsätze auch deswegen zurückgehen, weil Kunden sich ihre Wünsche heute durch das Internet erfüllen: Bequem ins Haus geliefert. Wenn Einzelhändler auf der Hauptstraße Solingens ihre Waren nicht parallel über das Netz verkaufen, bricht Umsatz weg und Läden stehen leer.
Doch der Hofgarten soll es nun richten: Dass das gelingt, davon ist nicht auszugehen. Erstens sind in Solingen schon die zunächst hochgelobte City-Residenz und das Bachtor-Center gefloppt und zweitens bedeuten siebzig Läden im Hofgarten nur ein neues Arrangement bereits vorhandener Angebotspaletten, so ein Immobilienmakler aus Solingen. Sowohl in der City-Residenz wie auch im Bachtor-Center direkt an der Hauptstraße sind die Ladenkonzepte in Leerstand gemündet; selbst Ladenlokale in der Top-Lauflage Linkgasse stehen leer. Wenn sich nun Besucherströme auf den Hofgarten konzentrieren – was soll das der Hauptstraße bringen?
Solingen fehlt der ganzjährige Einkaufs- und Tourismusmix
Einkaufsmetropolen wie Düsseldorf, Berlin und Köln leben heute vom Mix aus Shoppingmöglichkeiten und touristischen Highlights – beides im Rahmen eines Ausflugs zu genießen. Eine neue Zusammenstellung in einem dazu auch vom Düsseldorfer Architekturbüro HPP noch gesichtslos und austauschbar entworfenen Hofgarten bietet letztlich dieselben Mode- oder Elektronikartikel, wie es sie bereits in Solingens City zu kaufen gibt. Ein neues Einkaufszentrum in einer von alten Bauwerken und Brachen umgebenen Stadtrandlage bietet keinerlei Anreize, die über das schon bekannte Angebot hinausgehen.
Das Wahrzeichen Turmzentrum sollte als Kern eines neuen Konzeptes weiterentwickelt werden
Doch anstatt den leerstehenden Turmhotel-Komplex zu etwas Einzigartigem und Einmaligem weiterzuentwickeln, soll ein 08/15-Glasbau entstehen, der in keiner Weise zu der Anschlussbebauung passt. Die zum Turmhotel-Komplex gehörende Turmpassage war zum Zeitpunkt ihrer Eröffnung Europas modernste Einkaufsanlage. Das Hochhaus ist von weitem sichtbar und auch von daher ein Wahrzeichen Solingens, zu dem Sonae Sierra und HLG Projektmanagement keine gewachsene Beziehung haben. Was fehlt, so der Makler, ist ein Grundsatzkonzept für die City.
Nicht alles ist schlecht im Stadtzentrum Solingens
Beim Spaziergang über die Hauptstraße fällt auf, dass einige Mieter kämpfen, andere resignieren. Ein Bäcker auf der Linkgasse hat eine Terrasse aus Holz gebaut, um das Straßengefälle auszugleichen und Außengastronomie anbieten zu können. Ein lobenswerter Ansatz; Vergleichbares ist kaum zu finden. Ideen, so der Makler aus Solingen, die Innenstadt insgesamt auch gegenüber Düsseldorf und Köln aufzuwerten, seien abrufbar. Doch von der Stadtplanung kommen keine neuen Impulse, kein Anstoß. Nur der Hofgarten, dessen Baubeginn zwei Jahre überfällig ist, wird stellenweise als Lösung für alle Probleme hochstilisiert.
Hoffnungsträger gab es immer wieder, doch Probleme blieben
Vor zehn Jahren hat sich die Hauptstraße von den Clemens-Galerien einen Aufschwung versprochen. Jahre zuvor war die Niederlassung des Modehauses Peek & Cloppenburg Hoffnungsträger. Doch die Probleme blieben – Leerstände und Klagen. Jetzt soll es der Hofgarten bringen. Und 2020, fragt der Fachmann? Dabei hat das Stadtzentrum auch schöne Ecken zu bieten. Die Kölner Straße von den Clemens-Galerien zum Bereich des Cafés Kersting ist gut gelungen, der Alter Markt ansehnlich, der Fronhof auch. Doch das reicht nach Ansicht von Besuchern nicht: Stylische Bars fehlen, Anziehungspunkte, die zum Staunen verführen, so Passanten.
Ein Alleinstellungsmerkmal fehlt
Ein Viersterne-Hotel mit glamourösem Auftritt und Foyer gehöre dazu; touristische Höhepunkte, die das Stadtzentrum ganzjährig interessant machen. Der Abriss des einzig weithin sichtbaren Wahrzeichens ist keine Lösung für Solingen, bleibt nach der Begehung festzustellen. Dass die beteiligten Firmen mit Schwierigkeiten zu kämpfen haben, ist bei zweijähriger Bauverzögerung offensichtlich; dass die Verunsicherung in der City allgemein größer wird, belegen die Äußerungen der Anlieger in der Presse.
Sonae Sierra, so die Mitteilung an Suite101.de vom 19. August 2010, werde die Öffentlichkeit informieren, ob und wann eine Entwicklung des Projekts stattfinden wird. Klare Worte, die bestätigen, dass nichts klar ist und dass das Turmzentrum noch eine Chance hat, zu überleben. Berlin zeigt mit der Umwandlung eines jüdischen Vorkriegskaufhauses in ein Hotel passend dazu, wie man mit verdienter Substanz respektvoller umgeht.
