Sonja Radatz: Einführung in das systemische Coaching

Paar - Albrecht E. Arnold / Pixelio
Paar - Albrecht E. Arnold / Pixelio
In dem Band der Reihe Carl-Auer Compact gibt die Autorin von "Beratung ohne Ratschlag" eine verständliche, praxisnahe Einführung in das systemisch Coaching.

Eine Google-Anfrage zu dem Begriff Coaching spuckt 58 Millionen Einträge aus. Man liest vom Business-Coach, vom Coaching in der Kirche und sogar von Karriere-Coaching für Siebenjährige. Was aber verbirgt sich hinter dem Begriff? Die Autorin und Beraterin Sonja Radatz definiert Coaching als „gemeinsamen Tanz“ zwischen Coach und Coachee, also der Person, die gecoacht wird.

Systemisches Coaching im Spannungsfeld von Beruf, Privatleben und Organisation

Die Autorin definiert systemisches Coaching als „Beratung ohne Ratschlag“. Der Coach gestaltet den Prozess, bietet aber keine Lösungen an, das übernimmt der Coachee selbst. Er arbeitet mit Unterstützung des Coachs an seinen Problemen. Es geht also nicht darum, jemanden zu Höchstleistungen anzuspornen oder ihm irgendwelche Lösungen aufzuschwatzen, sondern dem Coachee zu helfen, seinen eigenen Weg aus einer misslichen Lage zu finden.

Es gibt keine Objektivität

Im Abendland ist die sogenannte „Guckloch-Haltung“ (Zitat Heinz von Foerster) weit verbreitet. Wir sehen uns als objektive Beobachter, die verfolgen, was - metaphorisch gesprochen - hinter einer geschlossenen Tür passiert. Doch diese klare Trennung zwischen dem Beobachter und dem Objekt seiner Betrachtung wird zunehmend in Frage gestellt. Das systemische Coaching geht davon aus, dass wir ein „Teil des sozialen Systems“ sind, das wir beschreiben. Wir können nicht beobachten, ohne gleichzeitig Einfluss zu nehmen. Was zunächst als Nachteil erscheint, hat aber auch Vorteile. Denn es bedeutet, dass wir immer auch unser Umfeld mitbestimmen und ihm nicht hilflos ausgeliefert sind. Und genau hier setzt das systemische Coaching an.

Zu Beginn eine Standortbestimmung

Das systemische Coaching beginnt mit einer Analyse der „persönlichen Struktur.“ Das klingt banal, wird aber von den meisten Menschen nicht gemacht. Im Gegenteil, so die Autorin, die meisten betrachten ihre persönlichen Präferenzen, ihre Stärken und Schwächen als etwas Gegebenes, das nicht verändert werden kann. Diese Haltung ist zugleich hoffnungslos und sehr bequem, denn der Einzelne kann in so einer ausweglosen Situation nur auf eine Rettung von außen hoffen. Das systemische Coaching hingegen nimmt die persönliche Struktur als Ausgangspunkt von Veränderungen. Denn es ist einfacher, sich selbst zu ändern, als jemand anderes oder gar das gesamte Umfeld. Immerhin haben wir auf uns selbst direkten Zugriff, auf andere nicht.

Auch der Coach sollte sich immer wieder vor Augen rufen, wo er in Gedanken steht. Radatz führt sieben Voraussetzungen auf, die ein Coach erfüllen muss, um sich selbst nicht zu blockieren. So ist es zum Beispiel wichtig, dass der Coach sich zu Beginn eines Gesprächs von eigenen Erwartungen über den Gesprächsverlauf oder vorhanden Probleme befreit und völlig (ergebnis-)offen beginnt.

Herzstück des systemischen Ansatzes: Fragen, fragen, fragen

Die Kernkompetenz eines systemischen Coaches besteht darin, Fragen zu stellen und vor allem infrage zu stellen. Durch geschicktes Nachhaken soll der Coachee zum Nachdenken, zum Überdenken seiner Situation und seiner Verhaltensmuster gebracht werden. Die Fragen zielen auf mögliche Handlungen ab, nicht auf eine Beschreibung von Zuständen. Denn indem wir etwas tun, können wir etwas verändern. Wenn wir nur den Ist- oder den Sollzustand beschreiben, verharren wir in der bestehenden Position.

Im Fokus der Fragen stehen die Lösungen, nicht die Beschreibung der Probleme. Die Fragen berücksichtigen das Gesamtsystem, in dem sich der Coachee befindet, da es wenig Sinn ergibt, eine Lösung zu erarbeiten, die nicht zu den sozialen Strukturen passen, in denen sich der Coachee bewegt. Eine ehemalige Schauspielerin und Mutter von vier Kindern wird nicht plötzlich ihre Kinder ins Internat schicken, damit sie wieder mit ihrer alten Truppe durch die Lande reisen kann. Aber vielleicht wird sie in lokalen Produktionen mitspielen oder Trainings mit Theater anbieten oder oder.

Zu jedem Schritt eine praktische Anleitung

Schließlich gibt die Autorin eine praktische Anleitung für ein typisches Coaching. Zu jedem der Einzelschritte (Start und Problem definieren, Ziel erarbeiten, Auftrag klären und Kriterien für Zielerreichung festlegen, Lösung erarbeiten und Skala zur Erfolgsüberprüfung festlegen, Maßnahmen entwickeln) gibt die Autorin dem Leser einen Fragekatalog an die Hand, der ihm oder ihr hilft, diese Art der Herangehensweise in der eigenen Arbeit umzusetzen. Es folgt eine Auflistung von Coachinginstrumenten und ihrer Einsatzbereiche in der Praxis. Und schließlich geht die Autorin auf schwierige Situationen und besondere Fälle ein (z.B. Konfliktcoaching). Auch hier gibt sie dem Leser Beispielabläufe an die Hand. Das Buch schließt mit einem Kapitel über Selbstcoaching und geeigneter Werkzeuge dafür.

Gleichzeitig Einführung und Nachschlageband

Der Autorin gelingt der Spagat zwischen Kürze und Inhalt. Klar verständlich und gut strukturiert gibt sie eine konkrete Anleitung für die Praxis.

Radatz, Sonja: Einführung in das systemische Coaching. Carl-Auer-Systeme Verlag, Erste Auflage 2006, 123 Seiten. ISBN 978-3-89670-519-8. Euro 12,95.

Bildnachweis: © Albrecht E. Arnold / Pixelio.de

Zara Bronsky - Kommunikationsberaterin, Moderatorin, Autorin In meiner Freizeit schreibe ich Kurzgeschichten. Einige davon gibt es auf im ava-magazin ...

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