
- Never Mind - Tobias Bungter
Am Anfang ist die Welt noch in Ordnung: ein großer Mann und eine kleine Frau tanzen, zuweilen in inniger Umarmung. Die Körper sind ineinander verkeilt und wie verwachsen, dann trennen sie sich, um sich in einem neuen Anlauf aneinanderzuschmiegen. Ohne Zweifel eine harmonische Welt, ein Mikrokosmos, der sein Glück unter Sonnenschutz zelebriert. Überall hängen Rollos herunter, die den Raum wie Paravents unterteilen. Will man kein Licht in die Seele eindringen lassen? Nach einer Weile zieht er ihr die Bluse aus und stülpt sie sich über den Kopf, der unter dem weißen Stoff verschwindet. Dies scheint der Ausdruck einer besonders intensiven Aufwallung von Glück zu sein, das aber plötzlich in sich zusammensinkt, als eine Doppelgängerin der Tänzerin auftaucht.
Trennung zwischen Sehen und Fühlen
Durch das Hinzutreten eines Zwillings gibt es nun zwei Tänzerinnen (Laura Quarg, Lisa Quarg), von denen eine einen Gehirnschaden hat. Trotz dieses zerebralen Defekts können vertraute Gesichter erkannt werden, aber es heften sich daran keine angenehmen Emotionen. So kann es passieren, dass eine einst geliebte Person nun als Bedrohung wahrgenommen wird, weil das Gefühl der Zuneigung erloschen ist. Sommer Ulrickson, der weibliche Mastermind von „Never Mind“, spielt die Rolle einer bezopften Krankenschwester, die zugleich eine wissenschaftliche Erklärung des Phänomens liefert. Es ist davon auszugehen, dass die Verbindung von Nervenzellen unterbrochen ist, und zwar zwischen dem fürs Gedächtnis verantwortlichen Temporallappen und dem Emotionszentrum. Mit Hilfe einer künstlerischen Darstellung versucht Ulrickson für ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse ein größeres Publikum zu erreichen, obwohl die Sophiensaele nur bei Premieren keine Probleme mit der vollen Auslastung haben und der Hochzeitssaal nicht gerade eine große Spielarena ist.
Massagen statt Zahnärzte
Bevor aber die zweite Frau ihren großen Auftritt hat, steht der männliche Darsteller Christoph Schuechner vor einem Rollo, um pictures of my wife zu präsentieren. Leider sieht man nur einen leeren Stoff und erhält die Erklärung, dass er seine Frau bei einem Konzert kennengelernt habe. Die Zwillinge lassen sich bei ihrer Selbstdarstellung nicht lumpen und geben etliche Details bekannt: sie sind 1.48 Meter groß, 30 Jahre alt, tragen exklusive indische Sandalen, mögen Spinat und Massagen, aber keinen Kohl und keine Zahnärzte. Wer weiß, vielleicht helfen diese Informationen zum näheren Verständnis des Stückes – aus diesem Grund erfolgt die Aufzählung gleich viermal, aber gefühlt etwa zehnmal, vor allem für diejenigen, die noch über einen intakten temporalen Kortex verfügen. Irgendwann wird dann Schuechner von den entfesselten Frauen abgetastet, weil sie an seinem Körper eine Steckdose vermuten. Hier wird besonders deutlich, dass die Leistungen der Gedächtnisabteilung bereits massiv beeinträchtigt sind oder gar einen Totalausfall aufweisen. Um bei diesem recht spröden Stoff auch etwas Atmosphäre zu schaffen, wird Break On Through von den Doors eingespielt und anschließend für Frischluftzufuhr gesorgt. Durchpulst von frischer Vitalität, kommt es zu einer spektakulären Dreierumarmung, die ins Überstülpen von roten Karnevalsnasen mündet.
Ein Anfall und Spiel mit der Sackkarre
Giovanni Frazzetto, der den Text für die Inszenierung beigesteuert hat, hält viel von Medizin, aber wenig von Humor. Lachen kann man selten, es sei denn, man hält einen Anfall von Sommer Ulrickson als Pflegerin für einen Beitrag zur Erheiterung. Sie wälzt sich auf dem Boden – vermutlich a medicine man’s overdose – und bittet darum, ihre Seele zu halten, damit sie niemanden berühren muss. Schließlich kommt es noch zu einer ménage à trois auf einer Sackkarre, die dann zu einer Zweierbeziehung reduziert wird: Schuechner schiebt sich mühevoll unter die Sackkarre, auf der eine der Zwillingsschwestern als fliegengewichtige Halbtote liegt. Der Verwechslungen und Identitätssuche überdrüssig, ist es nun die Figur Schuechner, die etwas aus der Bahn geworfen und allmählich von sich selbst entfremdet wird. Am Ende ist es fraglich, ob eine Performance die richtige Darstellungsform für ein solches Thema ist. Vielleicht wäre es besser gewesen, eine richtige Geschichte mit Dialogen zu spielen, die nicht ständig auf medizinische Erläuterungen angewiesen ist. Übrig bleibt ein etwas unausgegorenes Experiment über fehlende Kommunikation, ohne dass eine Aussicht auf Wiedererlangung von Identität besteht.
Nach der Pause folgt noch ein musikalischer, folkloristischer Ausflug mit Personalverstärkung und medizinischen Ingredienzien. Die Musiker spielen unter anderem Made World von Tears For Fears und gestikulieren lebhaft, während Schilder mit den Aufschriften „Borderline“, „Kotz-Phobie“ und „verlängerte Trauerstörung“ vorbeigetragen werden. Ein Frau in weinrotem Kleid spielt Gitarre und die Zuschauer hören von einem Krankheitssyndrom, von dem nicht wenige Menschen betroffen sind: bipolare Störung.
Never Mind
Regie: Sommer Ulrickson, Autor: Giovanni Frazzetto Musik: Amos Elkana, Ausstattung: Nicola Minssen, Alexander Polzin.
Mit: Christoph Schuechner, Laura Quarg, Lisa Quarg, Sommer Ulrickson, Amos Elkana.
Songs, Scenes and Syndromes
Mit: Amos Elkana, Edna Kedar, Lena Kussmann, Mareile Metzner, Christoph Schuechner, Sommer Ulrickson, Jonas Vietzke und Special Guests.
Premiere vom 25. Januar 2012
Bildnachweis: © Tobias Bungter, Klaus Michalek
