
- Stadttheater Gera - Nils Bräutigam
Still und heimlich werden sie abgetragen. Dem vorbeifahrenden Autobahnreisenden fällt der Fortschritt kaum auf, aber in wenigen Monaten wird eines der bekanntesten Wahrzeichen Geras verschwunden sein. Die Rede ist von den drei Türmen des ehemaligen Heizkraftwerks am nördlichen Rand Geras, der einstigen Bezirkshauptstadt und Vorzeigeobjekts während der DDR-Zeit. Von der vorbeiführenden Autobahn aus sieht man zunächst nicht viel Glanz. Stattdessen fällt sofort das große Wohngebiet Bieblach ins Auge mit den vielen grauen Betonklötzen. Man muss sich schon den Zubringer zum Zentrum entlang trauen, um die schönen Seiten der früheren Industriestadt zu entdecken. Der riesige Bahnhof, einst großer Umschlagplatz für Uranerz und ähnliche Industrierohstoffe, beherrscht noch immer das südliche Zentrum. Fährt man vorbei auf den erneuerten Straßen Richtung Innenstadt spürt man aber schon das Flair der Großstadt. Am Ufer der Weißen Elster entstand vor kurzer Zeit das große Naherholungsgebiet „Hofwiesenpark“ mit vielen Freizeitmöglichkeiten, einem großen Fußballstadion, wo schon Länderspiele der Frauennationalmannschaft stattfanden, und einem Hallenbad.
Vergangenheit und Aufbruch
Überhaupt scheint alles sehr neu zu sein. Das verwundert nicht, denn 2007 fand in Gera die erste Bundesgartenschau in den neuen Bundesländern statt und brachte der Stadt ein bis dahin unbekanntes Investitionsvolumen, welches in Infrastruktur und Landschaftsgestaltung floss. Der ehemalige Tagebau der damals staatseigenen „Wismut“ zwischen Gera und Ronneburg ist neben dem Hofwiesenpark das zweite Großprojekt gewesen und wo früher graue Aschehalden aufgeschüttet lagen, blühen jetzt weite Felder. Dazu führt die Strecke der Regionalbahn idyllisch durch die sanften Täler. Kaum noch etwas erinnert an die schwere Arbeit beim Uranerzabbau und dessen Abtransport durch das Herz der Großstadt. Die Menschen aber sind noch geprägt von der Zeit damals, viele waren Kumpel bei der „Wismut“ oder indirekt am Tagebau beteiligt. Heute dagegen hat sich Gera zu einer bunten und interessanten Stadt entwickelt, hat eine neue Straßenbahnlinie gebaut und eine Berufsakademie errichtet, die vor allem junge Menschen nach Gera bringen soll. Die Stadt möchte ihr Gesicht auch weiter wandeln. Die Zeiten, in denen junge Menschen auf der Suche nach Arbeits- oder Ausbildungsstelle wegzogen, sollen die neuen Gewerbezweige, zum Beispiel aus der Softwarebranche, vergessen machen.
Zentrale Wiederbelebung in Gera
Das Zentrum Geras dominieren (leider) noch immer große, pragmatisch errichtete Wohn- und Geschäftshäuser. Nach der großflächigen Zerstörung durch britische Bomber im letzten Jahr des Zweiten Weltkriegs mussten in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts schnell Gebäude hochgezogen werden. Die frühere Altstadt existiert bis auf wenige Gebäude um den Markt herum nicht. Dort aber entdeckt der Tourist viele Zeugnisse aus früheren herrschaftlichen Zeiten. Das Fürstenhaus Reuss der jüngeren Linie regierte sein Reich unter anderem von Gera aus und noch heute prangen vielerorts Wappen aus dieser Zeit an den Häusern. Bunt verziert ist auch das Rathaus inmitten der noch vorhandenen Altstadt, in dessen Keller das Kabarett „Fettnäpfchen“ schon seit fast 40 Jahren auftritt und mittlerweile deutschlandweit bekannt ist. Überhaupt entpuppt sich die Geraer Unterwelt als Touristenmagnet. Die „Geraer Höhler“, eine Welt der unterirdischen Gänge unter der Altstadt, entstand aus den tiefen Kellern der mittelalterlichen Häuser. Die Menschen lagerten damals ihre Hauptnahrungsmittel, das selbstgebraute Bier, tief unter der Erde und vor rund 25 Jahren verband viele der rund 250 Keller zu einem Labyrinth von insgesamt neun Kilometern Streckenlänge.
Bestens vorgesorgt für Touristen aus aller Welt
Nicht nur mit dieser Untertageattraktion macht Gera auf sich aufmerksam. Für Touristen ist Gera das Tor zum Vogtland, wo vor allem in den Wintermonaten der Skitourismus blüht. Aber auch in der direkten Umgebung gibt es viele sehenswerte Dinge, wie der Märchengarten im nahen Wünschendorf. In Gera selbst wird für Interessenten aus ganz Deutschland die nationale Geschichte aufgearbeitet. Wo früher die Bezirksleitung der SED regierte, ist heute ein Museum und Forschungsstätte zur Aufarbeitung der Diktatur eingerichtet. Betroffene können in die über sie existierenden Dokumente des Ministeriums für Staatssicherheit Einblick erhalten. Wie groß das Interesse an der Bevölkerung damals war, zeigt das „Torhaus“, das ehemalige Stasi-Gefängnis ist heute Gedenk- und Begegnungsstätte. Schulklassen aus ganz Deutschland erfahren so Geschichtsunterricht zum Anfassen.
Unvergessene Kultur
Dass in einer Großstadt die Kultur nicht zu kurz kommt, sieht man in Gera am gerade frisch renovierten Theater, eines der letzten großen Häuser in Thüringen. Aber auch viele Galerien und kleine Museen, sowie Tierpark und das schon beschriebene Kabarett laden Interessierte ein. Nicht zu vergessen der berühmte Maler und Grafiker Otto Dix, der auch als Namenspatron der Stadt fungiert, wie man unschwer auf der offiziellen Internetseite erkennen kann. Geboren in Untermhaus, einem späteren Stadtteil, wurde von den Nationalsozialisten seiner Professur in Dresden beraubt uns später in beiden Teilen Deutschland mit seinem vielfältigen Werken berühmt. Daneben bietet Gera ein unheimlich großes sportliches Umfeld, bei dem der Fußball ausnahmsweise mal nicht im Mittelpunkt steht, sondern andere Sportarten wie Handball und vor allem der Radsport. Die Strukturen aus Zeiten der DDR sind in die Nachwendezeit hinübergerettet worden und so bildet Gera neben der Landeshauptstadt Erfurt die zweite Zentrale des Thüringer Radsports. Auf der hiesigen Rennbahn sind schon solche internationalen Größen wie Olympiasieger Olaf Ludwig, Jens Heppner oder Hanka Kupfernagel entdeckt worden. Da kommt es nicht von ungefähr, dass auch der Amateursport hier besondere Förderung genießt, erst kürzlich hat sich mit dem „DKV Team Neff“ eine weitere Mannschaft gegründet und vertritt Geras Farben auf nationalem Parkett.
Gera bunter Mix
Alles in Allem finden Einwohner und Tourist gleichermaßen ihr Glück in der Stadt an der Elster, die sich immer mehr von der Vergangenheit löst und zu einem lebendigem überregionalen Zentrum wächst. Der Abriss der „Drei Gleichen“, wie die Türme unweit der Autobahn im Volksmund heißen, ist nur ein kleiner Schritt in die Zukunft. Die Stadtväter zusammen mit der Bevölkerung werden aber weiterhin dafür sorgen, dass viele dieser kleinen Schritte am Ende zum Ziel führen.
