
- CD-Cover zu Malá morská víla - Finders Keepers Records
Wenn Seefahrer vom Gesang der Sirenen – jenen weiblichen Fabelwesen zwischen Mensch, Vogel und Fisch – angelockt wurden, ließen sie sich von ihnen willenlos verführen. Kein Mann konnte den betörenden Klängen widerstehen, von denen eine sonderbar hypnotische Wirkung auszugehen schien. Aus den Sirenen in der griechischen Mythologie wurden in späteren literarischen Bearbeitungen sogenannte Meer- oder Seejungfrauen – im Deutschen Nixen. Dass diese Wesen auch noch im 21. Jahrhundert mit ihrem Gesang (nicht nur Seefahrer) verzaubern, verdanken wir jetzt einem kleinen Londoner Plattenlabel.
Finders Keepers Records – nach eigener Aussage ein "accidental world music label" mit Punk-Ästhetik, das dem verzweifelten Hörer auch gern mal türkische Protestsongs, tschechoslowakische Vampir-Soundtracks oder seltene walisische Beats um die Ohren knallt – hat die Originalmusik zu einer der vielleicht besten Märchenadaptionen von "Die kleine Seejungfrau" veröffentlicht. Und das genau 35 Jahre nach der Filmpremiere: Denn die tschechoslowakische Version "Malá morská víla" (im deutschen Verleih: "Die kleine Seejungfrau") in der Regie von Karel Kachyna wird im November 1976 in Prager Kinos uraufgeführt – und ein Erfolg.
Experimentell-elektronische Klangwelten in "Die kleine Seejungfrau"
Die Musik zum Film nach dem Kunstmärchen von Hans Christian Andersen schreibt Zdenek Liška (1922-1983), der Anfang der 1970er-Jahre zu den talentiertesten Filmkomponisten in der damaligen CSSR gehört – und bereits zu Lebzeiten der "tschechische Ennio Morricone" genannt wird. Als Liška die Kompositionen für "Malá morská víla" beginnt, hat er schon für neun Kachyna-Filme den Soundtrack geschrieben. Den Regisseur faszinieren offenbar Liškas experimentell-elektronische Klangwelten, die er in Filmmusiken neben klassischen Melodien – die auch "von Wiener Operettenmusik, böhmischer Folklore und Swing" (Thiel) geprägt sind – einsetzt.
Experimentalmusik in einem Märchenfilm, der sich an ein Kinder- und Erwachsenenpublikum richtet. Das klingt spannend. Der Inhalt von "Die kleine Seejungfrau" kommt Liškas Kompositionen entgegen: Denn das Märchen fokussiert auf die uns Menschen unbekannte Welt des Meeres und seine Wesen, die in ihm leben. Erzählt wird die tragische Geschichte einer 15-jährigen Meerprinzessin, die sich in einen irdischen Prinzen verliebt und ihn vor dem Ertrinken errettet. Um ihren Fischschwanz zu verlieren, geht sie zu einer Meerhexe. Für einen Zaubertrank, mit dem die Prinzessin menschliche Gestalt gewinnt, verlangt die Hexe aber einen hohen Preis: ihre Stimme.
20-jährige Schauspielerin Lenka Korínková singt sehnsüchtige Klagelieder
Die Stimme der Meerprinzessin – "die schönste (…) von allen hier unten auf dem Grunde des Meeres" (Andersen) – ist auch in den Filmkompositionen von Liška das tragende Thema, obgleich das Filmdrehbuch von Ota Hofman die Vorlage hier leicht variiert und den Gesang der Prinzessin (Miroslava Šafránková) noch mehr in den Vordergrund rückt. Die "sehnsüchtigen Klagelieder" (Liptay) über Liebe und Trauer lässt Liška von der damals 20-jährigen Schauspielerin Lenka Korínková singen. Ihre Stimme, die kindlich, zerbrechlich, unschuldig, ja mitunter "jungfräulich" wirkt, nimmt somit auch Bezug auf den Titel des Märchens "Die kleine Seejungfrau".
Im Film hört der Prinz des Südreichs (Petr Svojtka) den Gesang, als er auf dem Meer mit seinem Schiff unterwegs ist. Und er – gleich einem Odysseus – ist von der Stimme verzaubert und möchte um jeden Preis erfahren, wem diese gehört. Somit lernen sich Prinz und Seejungfrau bereits vor der Rettung kennen, wenn auch nur indirekt. Wird in der deutschen Synchronisation der Text der Lieder übersetzt, so sind auf dem Soundtrack-Album die Originalaufnahmen von Korínková in tschechischer Sprache zu hören – flankiert von Sirenen artigen und traurigen Chorgesängen, die dem Rauschen von Meereswellen gleichen und das tragische Ende des Märchens vorwegnehmen.
Zwischen psychedelischen Klängen und Renaissance-Tänzen
Trotzdem macht Liška nicht den Fehler, ins Kitschig-triviale abzudriften. Der Klangkünstler konzentriert sich lieber auf die musikalischen Gegensätze von realer und irrealer Welt im Märchenfilm, weil sich die Handlung über und unter dem Meeresspiegel abspielt. Wird das Meer oftmals mit psychedelischen Klängen und Geräuschen assoziiert, wenn die Seejungfrau die Höhle der Hexe (Milena Dvorská) aufsucht, so gewinnen bei den Filmszenen, die auf der Erde spielen, Streichinstrumente die Oberhand. Liška nimmt zudem Anleihen bei Renaissance-Tänzen, obgleich Kostüme und Ausstattung (Svetla Hejnová) nicht eindeutig dieser Epoche zuzuordnen sind.
Obwohl die Adaption auf "alle religiösen und mystifizierenden Momente" (Angelika Mihan) verzichtet, erinnern diese Chorstimmen auch an christliche Kirchengesänge. Und rücken damit die Grundintention der Vorlage unbeabsichtigt in den Mittelpunkt: Denn Hans Christian Andersen thematisiert in "Die kleine Seejungfrau" vor allem den "geheimnisvollen Zusammenhang zwischen Leben und Tod, die Frage nach der Auferstehung des Menschen und seiner Unsterblichkeit" (von Mylius): Wenn sich am Ende der Körper der Meerprinzessin in Schaum auflöst und sie zu den Töchtern der Luft (und zu Gott) aufsteigt, wird auch ihre Seele unsterblich.
40-seitiges CD-Booklet mit Querschnitt durch Märchenfilm-Geschichte
Der Märchenfilm setzt hier andere Akzente: Als die Seejungfrau auf der Erde erkennt, dass sie den Prinzen an die Prinzessin des Nordreichs (Libuše Šafránková) verloren hat, gibt es für sie nur noch eine Chance, wieder ins Meeresreich zurückzukehren und nicht zu sterben: ein Tropfen Blut aus dem Herzen des Prinzen. Doch sie kann ihn nicht töten. Die Liebe zu ihm ist zu groß. Als sie stirbt und sich ihr Körper im Meer auflöst, erblühen an der Meeresoberfläche plötzlich weiße Seerosen – musikalisch begleitet vom optimistischen Grundthema aus "Malá morská víla". Denn die Seerosen sind nicht nur ein Geschenk der Seejungfrau an das Brautpaar.
Sie verhindern auch, dass das Schiff des Prinzen und der Prinzessin an einem Felsen zerschellt. Märchenhaft wird es mit einem Blumenteppich aus Seerosen zum Stehen gebracht. Apropos: Märchenhaft aufwändig hat das Label auch das englischsprachige CD-Booklet gestaltet – und das vor allem textlich: In Kapiteln mit Titeln wie "The Crashing Wave" (dt.: Stürmische Welle), "Maiden Voyage" (dt.: Jungfernfahrt) oder "The Calming of the Storms" (dt.: Beruhigung der Stürme) gibt’s einen Querschnitt durch die tschechoslowakische Märchenfilm-Geschichte plus Hintergründe zu Dreharbeiten und zur Entstehung der Filmmusik von "Malá morská víla". Das gefällt nicht nur Seefahrern.
Soundtrack: "Malá morská víla. Original Score Composed by Zdenek Liška" auf CD und LP (Finders Keepers Records, London, 2011)
Film: "Die kleine Seejungfrau" (Regie: Karel Kachyna, CSSR, 1976). Erschienen auf VHS und DVD.
Literatur:
- Andersen, Hans Christian: Sämtliche Märchen. Düsseldorf, 2003
- Liptay, Fabienne: WunderWelten. Märchen im Film. Remscheid, 2004
- Mihan, Angelika: Die kleine Seejungfrau, in: Berger, Eberhard/Joachim Giera: 77 Märchenfilme. Ein Filmführer für jung und alt. Berlin, 1988
- Mylius, Johan von: Hans Christian Andersen. Märchen, Geschichten, Briefe. Frankfurt a. M./Leipzig, 1999
- Thiel, Wolfgang: Liška, Zdenek, in: Berger, Eberhard/Joachim Giera: 77 Märchenfilme. Ein Filmführer für jung und alt. Berlin, 1988
