
- Filmplakat Source Code - Kinowelt Filmverleih
Der Mann sitzt in einem Pendlerzug in Richtung Chicago, es ist ein sonniger Tag, und die hübsche junge Frau gegenüber möchte sich mit ihm unterhalten. Das Ganze hat nur einen Schönheitsfehler: Er kann sich partout keinen Reim darauf machen, wie er dahin gekommen ist und warum ihn die Unbekannte dauernd mit „Sean“ anredet. Colter Stevens (Jake Gyllenhaal) ist Hubschrauberpilot der US-Army; zuletzt flog er Kampfeinsätze in Afghanistan. Als er verwirrt die Zugtoilette ansteuert, folgt der nächste Schock: Aus dem Spiegel blickt ihm ein unbekanntes Gesicht entgegen. Und der Ausweis im Geldbeutel ist auf einen gewissen Sean Fentress, von Beruf Lehrer, ausgestellt. Bevor Stevens der Sache weiter auf den Grund gehen kann, zerreißt eine Explosion den Zug.
Den Bombenleger finden – die Mission in „Source Code“
Als Stevens wieder zu sich kommt, befindet er sich im Innern einer Art Raumkapsel, er ist angeschnallt und erhält Instruktionen über eine Videoverbindung. Auf dem Bildschirm sieht man eine weibliche Militärangehörige namens Colleen Goodwin (Vera Farmiga), die wenig Neigung zeigt, ihn über seinen Aufenthaltsort zu briefen, ihm jedoch ohne Umschweife seine Mission erklärt: Er muss wieder zurück in den Zug und herausfinden, wer die Bombe gelegt hat.
Aber was wird hier gespielt? Und wie funktioniert das Ganze – um was für eine Art für Experiment oder Simulation handelt es sich dabei? Das muss der Protagonist erst einmal herausfinden, da geht es ihm nicht viel anders als dem Zuschauer. Tatsächlich ist der Plot streckenweise etwas verwirrend; er involviert eine Parallelwelt mit Zeitschleifen, und das Ganze mündet gar in die Frage, ob sich die Realität von einer alternativen Vergangenheit aus beeinflussen lässt. Und wenn man der Logik des Film folgt, ist die Geschichte am Ende gar nicht passiert. Oder so.
Wer das alles selbst herausfinden will, sollte nun nicht weiterlesen. Andererseits schadet es überhaupt nicht, über die verschiedenen Realitätsebenen des Films Bescheid zu wissen. Er ist sogar dann noch spannend, wenn man seinen Ausgang kennt – man entdeckt weitere Details. Gemeinsam mit Drehbuchschreiber Ben Ripley gelang Regisseur Duncan Jones ein smarter Streifen, der vom Publikum Mitdenken fordert: Nach der Vorführung sieht man Grüppchen von Zuschauern, die sich gegenseitig die Handlung erklären, wie das zuletzt bei „Inception“ der Fall war.
Smarte Science Fiction von Bowie-Sohn Duncan Jones
Die Science-Fiction-Elemente in „Source Code“ sind clever konstruiert, was insofern bemerkenswert ist, als es sich dabei erst um den zweiten Spielfilm des Regisseurs handelt. Mit dem Genre hat sich Duncan Jones – er ist der Sohn von David Bowie – aber bereits in seinem Regiedebüt „Moon“ auseinandergesetzt. Man sollte nun bloß nicht auf die Idee kommen, die wissenschaftliche Grundlage von „Source Code“ zu hinterfragen – es handelt sich schließlich, wie bereits erwähnt, um Science Fiction. Dass man womöglich anfängt, über die technische Machbarkeit nachzudenken, hat einfach mit der Kopflastigkeit des Experiments zu tun.
Bei diesem SciFi-Thriller geht, vom Zug einmal abgesehen, nicht ständig etwas mit Getöse in die Luft. Es gibt auch keine futuristisch aussehenden Maschinen, nur einmal kommt ein Schusswechsel vor, und die Pendlerbahn der Parallelwelt sieht aus wie im richtigen Leben. Es ist allein der menschliche Geist, den der Kriegsveteran Stevens im Kampf gegen die terroristische Bedrohung einsetzt; warum sein Körper dabei keine Rolle spielt, wird später im Film erklärt.
Die Zeitreise klappt mithilfe eines Computerprogramms
Mithilfe eines Computerprogrammes – nichts anderes ist der Source Code nämlich – kann Colter Stevens die letzten acht Minuten des Bombenopfers beliebig oft durchleben, in dessen Körper, aber mit seinem eigenen Bewusstsein. Er hat nur dieses kurze Zeitfenster, um den Attentäter zu finden, der noch viel Schlimmeres im Sinn hat: Er will eine schmutzige, also radioaktive, Bombe zünden, die ganz Chicago verwüsten könnte. Gut, dass die Terroristen im Kino gern eine kleinere Tat der größeren vorausschicken, sozusagen zum Warmlaufen. Das erleichtert das Verhindern eines Terroraktes doch ganz erheblich.
Bei dem Anschlag auf den Pendlerzug sind sämtliche Passagiere ums Leben gekommen, auch die junge Frau mit den lebhaften Augen, die Christina Warren heißt. Verkörpert wird sie von Michelle Monaghan, die ihre darstellerischen Qualitäten unter Beweis stellt, indem sie diesen für ihre Figur nahezu handlungsfreien Zeitabschnitt wieder und wieder spielt – im Grunde genommen fordert ihre Rolle wenig mehr als eine Reaktion auf die Vorlage des Kollegen Gyllenhaal. Ihre außerordentliche Präsenz trägt auf jeden Fall zur Qualität des Filmes bei, und sie besitzt bestimmt das bezauberndste Lächeln der aktuellen Kinosaison.
Der Film ist wie „Groundhog Day“ plus Terrorangst
Kein Wunder, dass der Held bei seinen achtminütigen Zeitreisen bald nicht nur darauf aus ist, den Sprengsatz zu entschärfen und den Bombenleger zufinden – er möchte auch Christina näherkommen. Insofern besitzt „Source Code“ einige Ähnlichkeit mit dem Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“, der im Original „Groundhog Day“ heißt: In der Komödie steckt ein missgelaunter und menschenfeindlicher Wettermann in Gestalt von Bill Murray solange in einer Zeitschleife fest, bis er ein besserer Mensch geworden ist und die schöne Andie MacDowell erobert hat.
Colter Stevens will sich allerdings mit dem Schicksal nicht abfinden, und Jake Gyllenhaal, der in jüngster Zeit einige Flops zu verbuchen hatte, spielt diese Figur sehr eindrücklich. Statt Chicago vor der Bombe zu bewahren, wie es seinem Auftrag entspricht, versucht Stevens bei einem erneuten Einsatz, Christina zu retten und den Anschlag auf den Zug überhaupt zu verhindern. Ob das wohl klappt?
Kommen im Film gut raus: Chicago und die Bohne
Nun, das Ende ist durchaus für eine Überraschung gut. Außerdem wird klar, was Stevens in einer Vision gesehen hat, wenn seine acht Minuten wieder einmal um waren. Es handelt sich um ein Kunstwerk aus dem Millennium-Park, das Chicago-Fans gleich erkannt haben dürften: die Plastik „Cloud Gate“ von Anish Kapoor, im Volksmund „Bean“ genannt. Auch die Skyline von Chicago kommt im Übrigen sehr schön zur Geltung. Es muss nicht immer New York oder LA sein, wenn eine US-Großstadt als Kulisse gebraucht wird.
"Source Code" (USA 2011)
Originaltitel: "Source Code"
Regie: Duncan Jones
Kinostart in Deutschland: 2. Juni 2011
Verleih: Kinowelt
Laufzeit: 93 Minuten
Quellen
"Source Code" in der Internet Movie Database
"Source Code" auf Rotten Tomatoes
