
- Pilgerdenkmal in Navarra - Tim Ruster
Obwohl das Pilgern auf dem Jakobsweg oftmals eine Konfrontation mit der eigenen Gedankenwelt ist, kann sich kein Pilger dem besonderen sozialen Gefüge auf dem Camino entziehen. Egal in welcher Zeitspanne man die knapp 800 km bewältigt, meist in 30 Tagen, man kehrt mit der Gewissheit nach Hause zurück, viele neue Freunde gefunden zu haben.
Schnelle Bildung von Freundschaften
Die Entwicklung von Freund- und Bekanntschaften verläuft auf dem Jakobsweg in rasender Geschwindigkeit. Menschen, die man erst seit einem Tag kennt, wirken so vertraut wie gute Freunde daheim. Nach spätestens einer Woche haben die meisten schon eine Art Familie kennengelernt, der man sich am Ende der Tagesetappe gerne anvertraut. Diese schnellen sozialen Entwicklungen liegen in der gemeinsamen Erfahrung des Pilgerns begründet. Im Gegensatz zu den Freunden in der Heimat, von denen man ja sowieso räumlich getrennt ist, können die Mitpilger die Strapazen und Unannehmlichkeiten des Weges nachvollziehen. Man fühlt sich automatisch verstanden. Ebenso verhält es sich natürlich mit den positiven Dingen, den schönen Erfahrungen.
Motor für die Pilgerfreundschaften ist also vor allem die Alternativlosigkeit. Menschen, die sich Zuhause nicht füreinander interessieren würden, werden auf dem Camino enge Bekannte.
Leichtes Knüpfen von Kontakten - vor allem in den Herbergen
Diese Freunschaftsbildung findet vor allem in den Herbergen statt - wer sich also gegen die Übernachtung in den Refugios entscheidet und das populäre Bett im Kornfeld vorzieht, verpasst gegebenenfalls etwas. In der Gemeinschaftsküche muss selbst ein schüchterner Pilger sich anstrengen, um mit niemandem in Berührung zu kommen. Die Kontaktaufnahme ist unausweichlich. Spätestens wenn jemand etwas Leckeres kocht, wird er von der restlichen Pilgerschaft dazu beglückwünscht und gefragt, ob er sein Essen nicht gerne teilen würde. Sich der Gemeinschaft zu entziehen ist auf dem Jakobsweg sehr schwierig; ein einsamer Pilger ist ein Paradoxon.
Wer längere Zeit auf dem Jakobsweg verbringt, weiß, dass es auch oft zu sexuellen Beziehungen zwischen Pilgern kommt. Das kann teilweise zu einer etwas speziellen Geräuschkulisse in den sogenannten Schnarchsälen führen; ein weiteres Zeichen für die abnehmende Rolle der katholischen Religion auf dem Camino.
Rivalität zwischen Pilgergruppen
Freilich existieren auch Spannungen auf dem Jakobsweg. Hier ist vor allem die traditionelle Rivalität zwischen Fuß- und Radpilgern zu nennen. Die Fußpilger werfen letzteren vor, keine richtigen Pilger zu sein, da sie den Weg mit ihrem Gefährt nicht richtig spüren können und die Anstrengung der "richtigen" Pilger nicht nachvollziehen können. Außerdem wird ihnen oft vorgeworfen, dass sie statt der Straße die Wanderwege zum fahren wählen würden und am Ende des Tages Schlafplätze in der Herberge wegnehmen würden, die ihnen eigentlich nicht zustünden. Die Streitigkeiten eskalieren jedoch selten, da Radpilger den Weg wesentlich schneller bewältigen und Treffen zwischen ihnen und normalen Pilgern in den Herbergen somit nur selten zustande kommen. Falls es zu Spannungen zwischen Fußpilgern kommt, ist es natürlich ohne weiteres möglich, sich in den Refugios aus dem Weg zu gehen.
Bestehen der Freundschaft nach der Heimkehr
Natürlich ist es schwer, die Camino-Bekanntschaften in der Heimat beizubehalten. Viele Freunde stammen aus anderen Teilen der Welt, so kann es passieren, dass ein Pilger nach dem Jakobsweg einen japanisch-amerikanischen-slowenischen Freundeskreis hat, der natürlich nicht einfach zu erhalten ist. Wer sich keine Illusionen macht, kann den Kontakt jedoch ohne weiteres aufrecht erhalten - wenn auch auf einem anderen Niveau. Seltene Nachrichten auf Facebook reichen schon, um sich vielleicht nach Jahren mal wieder zu sehen. Denn die geknüpften Kontakte auf dem Camino sind vor allem eines: Wertvoll. Man lernt die unterschiedlichsten Weltanschauungen kennen, erlebt unvergessliche Momente und hat für das spätere Leben Kontakte in der gesamten Welt.
Anmerkung: Der Autor beschritt den Camino im Jahre 2011
