In Deutschland löste die Sozialgeschichte in den 1960er Jahren die staats-, personen- und ereigniszentrierte Politikgeschichte als Leitdisziplin der Geschichtswissenschaft ab. Begünstigt wurde diese, im internationalen Vergleich verspätete, Entwicklung vom politischen Klima, das durch die sozialliberale Koalition geprägte wurde. Mitverantwortlich dürfte aber wohl auch der Druck „von links“ durch die 68er Bewegung und den sozialgeschichtlichen Vorsprung der DDR- Historiker gewesen sein. So verstand sich die moderne deutsche Sozialgeschichte nicht nur als Gegenentwurf zur historistischen Politikgeschichte, sondern auch zu Marxismus und Neomarxismus. Theoretischer Hauptbezugspunkt wurde das Werk des Soziologen Max Weber (1864- 1920), das vor allem die „Bielefelder Schule“ um Hans- Ulrich Wehler bis heute prägt. In vielen anderen Ländern können die 60er Jahre zwar auch als Zäsur gelten, jedoch hatte hier die Sozialgeschichte bereits in der Zwischenkriegszeit einen Bedeutungsgewinn erzielt, der in Deutschland ausgeblieben war. Auch in ihren thematischen und methodischen Schwerpunkten unterscheiden sich andere nationale Sozialgeschichtstraditionen vom deutschen „Weberianismus“.
Ostblock: Marxismus- Leninismus
Mit der Gründung der Sowjetunion und der Etablierung ihrer Satellitenstaaten nach dem Zweiten Weltkrieg kam es in den entsprechenden Ländern auch zu einer revolutionären Umgestaltung der Geschichtswissenschaft, die nun mit der staatstragenden sozialistischen Lehre in Einklang gebracht wurde. Dies führte einerseits zur schnellen Etablierung der Sozialgeschichte als Leitdisziplin der Geschichtswissenschaft, andererseits aber zur Verengung des Themenfeldes auf Klassenkämpfe sowie die Arbeiterbewegungs- und Parteigeschichte. Eine ergebnisoffene Theorierezeption fand nicht statt, sondern, umgekehrt, die Anpassung des historischen Materials an die Ideologie des Marxismus- Leninismus. Daher kann es nicht verwundern, dass dieser Ansatz das Ende des Ostblocks nicht überlebt hat.
Frankreich: Annales- Schule
Als Annales- Schule (- in Anlehnung an die gleichnamige Fachzeitschrift -) wird die von Marc Bloch und Lucien Febvre in den 1920er Jahren begründete französische Variante der Sozialgeschichte bezeichnet. Ihre Kennzeichen sind die Hinwendung zu Wirtschaft und Gesellschaft, die Anwendung quantifizierender Methoden und die Orientierung an Strukturen „langer Dauer“. In der Nachfolge Fernand Braudels verortet die Annales- Schule solche Strukturen „langer Dauer“ nicht nur in Sozialstruktur oder Wirtschaft, sondern in Faktoren wie Geografie und Mentalität, die in anderen sozialgeschichtlichen Traditionen lange Zeit kaum eine Rolle spielten. Ein Spezifikum der französischen Sozialgeschichte ist außerdem, dass sich ihre bedeutendsten Arbeiten nicht dem 19. Jahrhundert als Zeitalter der Industrialisierung, sondern Mittelalter und Früher Neuzeit, nicht den urbanen Zentren, sondern der ländlichen Gesellschaft widmen.
Großbritannien: Neomarxismus und Geschichte „von unten“
Die in Deutschland und Frankreich entwickelte Verbindung von Strukturgeschichte und Sozialgeschichte ist in der britischen Tradition weniger präsent. Den Angriffspunkt der britischen Sozialgeschichte bildete die langlebige „whig- interpretation of history“, welche die englische Geschichte als kontinuierlichen Weg zu Rechtsstaatlichkeit und Demokratie begriff. Dagegen setzten Historiker wie Lawrence Stone, Eric Hobsbawm, Edward P. Thompson und Richard J. Evans, die überwiegend als Vertreter eines undogmatischen Neomarxismus gelten können, eine Geschichte „von unten“. Die Erfahrung von Unterdrückung und Deklassierung sowie die Widersetzlichkeit gegen politische und ökonomische Eliten wurden nun zum legitimen Gegenstand historischer Forschung erhoben. Diese Betrachtungsweise war zunächst mit der Arbeitergeschichte verbunden und wurde später auf die Geschlechtergeschichte und die post- colonial studies ausgedehnt. Der Boom der „neuen Kulturgeschichte“, der Bedeutungsverlust des Marxismus und das politische Klima der Thatcher- Ära haben die britische Sozialgeschichte seit den 1980er Jahren in eine tiefe Krise gestürzt.
USA: Social Science History
In den USA hat die Sozialgeschichte versucht, das Methodenrepertoire von Wirtschaftswissenschaft und empirischer Sozialforschung konsequent auf die Geschichte anzuwenden. Wirtschaftshistoriker wie Robert Fogel, David S. Landes und Charles Tilly begründeten den Anspruch einer „Social Science History“, welche an die Stelle historiographischer Narration und Erklärung die Formulierung und Prüfung von Hypothesen, quantifizierende Verfahren und systematische Korrelations- und Kausalanalysen setzte. Dieser Ansatz verabschiedet sich von klassischen hermeneutischen Verfahren der Geschichtswissenschaft radikaler als es die Sozialgeschichte in anderen Ländern getan hat. Die Ausdehnung der Social Science History über historische Demographie und Wirtschaftsgeschichte hinaus ist jedoch nie überzeugend gelungen.
Krise der Sozialgeschichte
Seit den 1980er Jahren sieht sich die Sozialgeschichte mit dem Boom der „neuen Kulturgeschichte“ konfrontiert. Die zunehmende Historisierung von Diskursen, Ideen, Weltdeutungen, sozialen Praktiken, Mythen und Gefühlen erwies sich mit der strukturgeschichtlichen und kausallogischen Orientierung der Sozialgeschichte als kaum vereinbar. Zweitens war die kulturalistische Wende mit der Skepsis gegenüber sozialwissenschaftlichen Großtheorien und der Rückkehr zu hermeneutischen Ansätzen verbunden, die nun aber nicht mehr der Politik- und Ideengeschichte entstammten, sondern stark durch den französischen Strukturalismus und Poststrukturalismus, den „lingustic turn“ und einen radikalen Konstruktivismus beeinflusst wurden. Über die Mikro-, Alltags-, Mentalitäts- und Geschlechtergeschichte hat sich die Sozialgeschichte mittlerweile viele Themenfelder und Methoden der „neuen Kulturgeschichte“ angeeignet. Damit ist die Sozialgeschichte vielfältiger, ihr Profil aber unschärfer geworden.
Perspektiven
Mittlerweile bedarf nicht mehr die Sozialgeschichte einer kulturgeschichtlichen Erweiterung, sondern die Kulturgeschichte einer sozialgeschichtlichen Aufklärung. Mit einer Mischung aus postmoderner Ignoranz und wissenschaftlicher Inkompetenz hat die erste Generation „neuer Kulturhistoriker“ eine allzu auffällige Aversion gegenüber sozioökonomischen „hard facts“ an den Tag gelegt. Die Forschungslücken sind mittlerweile so eklatant und der historische Deutungsbedarf der Gegenwart (Globalisierung, Krise des Sozialstaats und der Finanzmärkte) so groß, dass eine neuerliche Blüte der Sozialgeschichte nur eine Frage der Zeit bzw. eines Generationswechsels sein dürfte.
Literatur
Burke, Peter, Offene Geschichte. Die Schule der „Annales“, Berlin 1991.
Evans, Richard J., In defence of history, London 1997.
Jordan, Stefan (Hg.), Lexikon Geschichtswissenschaft, Stuttgart 2002, S. 27-31, 164-167, 270-273.
Kocka, Jürgen (Hg.), Sozialgeschichte im internationalen Überblick. Ergebnisse und Tendenzen der Forschung, Darmstadt 1989.
Nolte, Paul (Hg.), Perspektiven der Gesellschaftsgeschichte, München 2000.
Osterhammel, Jürgen (Hg.), Wege der Gesellschaftsgeschichte, Göttingen 2006.
Raphael, Lutz, Die Erben von Bloch und Febvre. Annales- Geschichtsschreibung und nouvelle histoire in Frankreich 1945- 1980, Stuttgart 1994.
Raphael, Lutz, Geschichtswissenschaft im Zeitalter der Extreme. Theorien, Methoden, Tendenzen von 1900 bis zur Gegenwart, München 2003.
Wehler, Hans-Ulrich, Die Herausforderung der Kulturgeschichte, München 1998.
