Sozialverbände wehren sich gegen Verkürzung des Zivildienstes

Zivildienst - Caritasverband
Zivildienst - Caritasverband
Die Wohlfahrtsverbände befürchten, dass sie ihre Zivis künftig nicht mehr sinnvoll einsetzen können, etwa im Rettungsdienst oder in der Altenpflege.

Die Wohlfahrtsverbände und Sozialeinrichtungen in Deutschland, die schon seit Jahrzehnten in vielen Bereichen Zivildienstleistende einsetzen, stehen vor einer Zäsur. Sollte es tatsächlich vom 1. Juli an zu der angekündigten Verkürzung der Zivildienstzeit auf sechs Monate kommen, dürfte das für viele Verbände mit massiven Problemen und einschneidenden Veränderungen verbunden sein. "Das würde viele unserer Tätigkeiten völlig entwerten, in manchen Bereichen können wir dann gar keine Zivis mehr einsetzen", sagt etwa Wolfgang Hinz-Rommel vom Diakonischen Werk Württemberg und fragt sich, "wer dann stattdessen die Arbeit machen soll?"

Die geplante Verkürzung der Zivildienstzeit stellt vieles in Frage

Vor allem das "wahnwitzige Tempo", mit dem die Änderung durchgepeitscht werden soll, kann der Zivildienstexperte dabei nicht nachvollziehen. "Die eine Reform ist noch nicht einmal umgesetzt, da wird schon die nächste angedroht", sagt er. Schon seit geraumer Zeit hat der Abteilungsleiter in der Landesgeschäftsstelle damit zu tun, bei der Diakonie die beschlossene "Bildungsreform" im Zivildienst umzusetzen. Diese sieht vor, den Zivildienst als Lerndienst zu gestalten und dafür auch das Seminarangebot auszubauen. "Es ist absolut sinnvoll, den Bildungsanteil zu erhöhen. Mit einer Verkürzung wird das aber wieder infrage gestellt, denn dann fehlt einfach die Zeit für Lehrgänge und Seminare", sagt Hinz-Rommel. Knapp 1.800 Zivildienstleistende verpflichtet die Diakonie pro Jahr, 65 Prozent davon werden bisher in den ausbildungsintensiven Bereichen Pflege und Betreuung eingesetzt. Die Einlernphase ist sehr lang und der persönliche Kontakt wichtig. "Wenn nach Abzug von Seminarzeit und Urlaub nur noch dreieinhalb Monate übrig bleiben, ist es kaum noch möglich, die Zivis in diesem sensiblen Bereich einzusetzen", sagt Hinz-Rommel.

Zivis könnten nicht mehr im Rettungsdienst eingesetzt werden

Diese Einschätzung teilen auch viele andere Sozialverbände im Land. Das Deutschen Rote Kreuz (DRK) beispielsweise, das allein im Bundesland Baden-Württemberg in jedem Jahr rund 900 Zivis im Einsatz hat, versucht die Reform mit allen Mittel zu verhindern. Vor wenigen Jahren habe man in Baden-Württemberg noch 2.500 Zivis beschäftigt, sagt Udo Bangerter vom Landesverband Baden-Württemberg. Durch die kontinuierliche Verkürzung der Dienstzeit sei der Anteil immer geringer geworden. Schon jetzt, bei neun Monaten Dienstzeit, könnten die Zivis nicht mehr wie früher im Rettungsdienst oder bei Krankentransporten eingesetzt werden. "Die Einrichtung Zivildienst verkommt durch die ständige Verkürzung immer mehr zur Hilfstätigkeit", sagt Bangerter. Die damit verbundenen Konsequenzen seien gleich aus mehreren Gründen fatal. Zunächst einmal fehle es dadurch in vielen personalintensiven Bereichen kurzfristig an qualifizierten Arbeitskräften, die sich um hilfsbedürftige Menschen kümmern. Zudem habe angekündigte Verkürzung auch eine fatale Langzeitwirkung. Der Zivildienst sei für viele junge Menschen der Einstieg in die soziale Verantwortung gewesen. "Viele Ehren- und Hauptamtliche haben bei uns einst als Zivi angefangen", sagt Bangerter.

Ein erheblicher Verlust an Lebensqualität

Er selbst hat einst 20 "lehrreiche" Monate Zivildienst geleistet, und auch Hans-Michael Zimmermann vom Caritasverband der Diözese Rottenburg-Stuttgart kann sich noch gut an diese Zeiten erinnern. Sollte die geplante Reform tatsächlich umgesetzt werden, so befürchtet er, werde der Zivildienst völlig zerschlagen. "Wenn die Dienstzeit der Zivis noch mehr reduziert wird, ist ein sozialer Dienst am Menschen nicht mehr zu leisten", sagt er. Das könne man schon aus Respekt vor den Betreuten nicht verantworten. Für demenzkranke Patienten oder psychisch Kranke bedeute ein ständiger Wechsel der Bezugsperson unnötigen Stress, den man ihnen kaum zumuten könne. Diese Menschen seien dann gleich doppelt bestraft, weil durch den Verlust des festen Betreuers automatisch auch ein Rückgang der zusätzlichen Begleitangebote und der persönlichen Ansprache verbunden sei. Das bedeute einen ganz erheblichen Verlust an Lebensqualität.

Und auch die Zivildienstleistenden gehören bei einer Verkürzung ihrer Dienstzeit zu den großen Verlierern, befürchtet Zimmermann. Mangels Qualifikationsmöglichkeiten würden sie immer mehr in personenfernen Diensten eingesetzt werden, verbunden mit einer immer größerer Distanz zu den Menschen und der eigentlich sozialen Arbeit, aus der viele ihre Motivation ziehen würden. Stattdessen würden die einfachen Tätigkeiten zunehmen, was einen enormen Bedeutungsverlust des Dienstes zur Folge habe. "Wie sollen junge Menschen sich für diese Arbeit noch motivieren?"

Die Einsatzmöglichkeiten der Zivis haben stark nachgelassen

Bei der Caritas beispielsweise können Zivildienstleistende derzeit noch unter insgesamt 1.500 verschiedenen Stellen auswählen. In der Region Stuttgart gehört etwa die Franziskusstube dazu, in der Obdachlose betreut werden, das Marienhospital, die Neckartalwerkstätten, das Kinderhaus St. Stefan, die Drogenhilfe, diverse Begegnungsstätten, Kinderzentren, Wohnheime, Frauenhäuser und viele weitere Sozialeinrichtungen und Wohlfahrtsverbände.

Auch das Pflegezentrum Bethanien in Stuttgart-Möhringen vertraut seit vielen Jahren auf die Arbeit der Zivildienstleistenden, die aber immer weniiger werden. "Die Einsatzmöglichkeit unserer Zivis hat schon jetzt stark nachgelassen", sagt die langjährige Heimleiterin Doris Wüstner. Schon neun Monate seien knapp, um einen jungen Menschen in der Altenpflege einzulernen. "In der Pflege braucht man Zeit", sagt sie. Die beiden Stellen würden daher im pflegefernen Bereich ausgeschrieben. Frühstück bringen, Begleitung, Zimmerpflege. Früher hätten die Zivis richtig zum Team gehört, mit jeder Verkürzung habe das nachgelassen, das sei schade. "Die jungen Menschen haben unseren Bewohnern sehr gut getan."

Markus Heffner, Markus Heffner

Markus Heffner - Informatik studiert, als Softwareentwickler gearbeitet, den Bettel hingeworfen, an der Uni Hohenheim Kommunikationswissenschaften ...

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