Jack Ketchum gilt als absoluter Geheimtipp des Horrorgenres; sowohl unter den Autorenkollegen als auch unter den Lesern dieser Gattung. Sein bereits 1989 in den USA veröffentlichter Roman „The Girl Next Door“ kam erst 2005 bei uns unter dem Titel „Evil“ auf den Markt und wird vom Bestseller-Autor als sein bestes und intensivstes Werk gehandelt.
Evil: Leben in einer Kleinstadt der USA in den 1950ern
Es ist Sommer 1958. David lebt in einer mittelständischen amerikanischen Kleinstadt. Dort scheint das Leben völlig isoliert vom Rest des Landes, vom Rest der Welt zu sein, idyllisch, harmonisch, durch und durch weltfremd. Nur die vereinzelten Kellerbunker, die man aus Angst vor einem drohenden Atomangriff seitens der Russen erbaut hat, zeugen von der typischen Paranoia-Mentalität eines Amerika der 50er Jahre. Doch David und seine Freunde interessieren sich bei Weitem nicht für diese Thematik. Sie leben in den Tag hinein, erleben kleinere und größere Abenteuer wie einst Tom Sawyer und Huckleberry Finn. Als David die hübsche Meg kennenlernt, die mit ihrer Schwester Ruth bei deren Tante Ruth Chandler im Nachbarhaus eingezogen ist, erlebt David das Gefühl er ersten Liebe.
Der Roman zeigt eine heile Welt und ihre Schattenseiten
Bald schon zeigt sich, dass das Leben in dieser Kleinstadt nicht das Leben einer harmonischen Fernsehserie darstellt, sondern dass in dieser Stadt echte Menschen Leben, die echte Probleme haben. David zum Beispiel leidet unter einem zerrütteten Familienleben. Seine Mutter und sein Vater haben sich schon seit längerem auseinander gelebt, während letzterer keinen Anlass zum Fremdgehen auslässt. David steht, wie jedes Kind in einer solchen Situation, zwischen den Stühlen. Doch auch im Nachbarhaus bei Ruth Chandler und den neuen Mitbewohnerinnen bahnen sich dunkle Wolken an. Ruth, die die Bande um David als eine coole, aufgeschlossene, fröhlich lärmende Frau kennen, wandelt sich allmählich in eine „böse Stiefmutter“, da sie die beiden Mädchen, Meg und Susan, dazu anhält, sie und ihre drei Söhne – Woofer, Donny und Willie jr. – zu bedienen. Doch dies kann David zunächst nicht glauben, denn er hat Ruth Chandler wirklich gern. Die einzig normale Erwachsene, wie er glaubt.
Ketchum beschreibt den realen Horror
Doch bei der Ausnutzung der Mädchen als Arbeitskraft bleibt es nicht. Ruth sperrt Meg, die noch immer mit dem Schicksalsschlag zu kämpfen hat, dass ihre Eltern bei einem Autounfall gestorben sind, in den Keller, wo sie sowohl von Ruth, als auch von ihren drei Söhnen misshandelt wird. Die Gewaltakte an der 14-jährigen Meg werden immer schlimmer und finden bald eine schreckliche Bühne: Ruths Söhne laden ihre Freunde zu sich nach Hause ein, um bei diesem perversen Schauspiel zusehen zu können. Angewidert und ungläubig steht auch David dabei und muss mit ansehen, wie seine erste große Liebe von seinen „Freunden“ vergewaltigt wird. Dennoch ist er nicht dazu in der Lage, etwas zu unternehmen. Hin und her gerissen zwischen Recht, Moral, der Liebe zu Meg und der Solidarität seinen Freunden gegenüber, durchlebt er seine eigene private Hölle, die in den Misshandlungen von Meg ihren Spiegel finden. Doch als er sich letzten Endes dazu durchringt, einzugreifen – seinen ganzen Mut zusammen nimmt –, scheint es schon längst zu spät zu sein.
Jack Ketchum schreibt schonungslose Bücher
Jack Ketchum ist ein grandioser Geschichtenerzähler, bei dem man sich allerdings jeder Zeit immer wieder sagen muss, dass es sich nur um eine Geschichte handelt. Er schreibt brutal, nüchtern, hart und direkt. Obwohl sein Stil von einer schnörkellosen Einfachheit gekennzeichnet ist, schafft er es dank wohl gewählter und geradliniger Worte, bei seinem Leser Bilder von dem entstehen zu lassen, was gerade passiert. Und das ist meistens nicht schön; so werden der gefolterten Meg von den Kindern mit einer heißen Nadel obszöne Botschaften in den Bauch genäht. In der ganzen Geschichte gibt es nicht eine einzige positive Figur. Nur der Erzähler der Ereignisse, David, schafft es, seine Angst zu überwinden und aktiv zu werden. Aber gerade weil er das erst zu einem Zeitpunkt schafft, wo alles zu spät scheint, wird man ihm am Ende dafür hassen, dass er nicht schon viel, viel früher eingegriffen hat.
Dies ist kein Horror-Roman im üblichen Sinne. Ketchum verwendet keine übersinnlichen, mystischen Motive wie viele seiner Kollegen. Der Horror in Jack Ketchums „Evil“ zeichnet sich alleine dadurch aus, dass das, was in dem Keller der kleinen Familie Chandler geschieht, tatsächlich passieren kann. Und erinnert man sich an die Nachrichten der letzten Jahre ist dies oder ähnliches schon dutzende Male passiert. Es reicht Ketchum auch nicht, das, was dort unten in diesem Keller getan wird, nur zu benennen, er beschreibt es detailiert und macht den Leser auf raffiniert-diabolische Weise ebenfalls zu einem tatenlosen Voyeur, der nichts weiter tun kann, als hilflos danebenzustehen und zuzusehen.
Wer ist der Autor Jack Ketchum?
Diese Frage scheint nicht wirklich geklärt zu sein. Im Impressum des Buches steht der Copyright-Eintrag eines gewissen Dallas Mayr, und bei der Recherche im Internet stößt man hier und da ebenfalls auf diesen Namen, sogar auf Jack Ketchums Homepage. Doch die Biografie des Schriftstellers, der Dallas Mayr heißen soll, ist wenig aussagekräftig und beschreibt ihn als einen Mann, der in seinem Leben schon scheinbar alles gemacht hat und von sich behauptet, dass Elvis, Dinosaurier und Horror sein Leben gerettet haben. Mehr erfährt man nicht. Das Einzige, was die Öffentlichkeit definitiv von diesem Mann weiß, ist, dass Jack Ketchum ein Pseudonym ist und – laut seiner Homepage – auf einen Banditen des späten 18. Jahrhunderts basiert. Andere behaupten, dass sich „Jack Ketchum“ aus dem Spitznamen eines britischen Henkers („Jack Ketch“) und dem Slang-Ausdruck (Ketch'em – catch them – einfangen) zusammensetzt. Aber wer auch immer dieser Mann ist ... er ist ein begnadeter Schriftsteller, dem man sich einfach nicht entziehen kann.
Jack Ketchum: Evil („The Girl Next Door“).Heyne-Verlag 2006. Broschiert, 336 Seiten. Euro 8,95.
