Späte Einsicht 2: Johnny Depps und Angelina Jolies "The Tourist"

Angelina Jolie in The Tourist - Sony Entertainment
Angelina Jolie in The Tourist - Sony Entertainment
Warum Florian Henckel von Donnersmarck sehr wohl wusste, was er tat - und warum man tunlichst nicht auf Filmkritiker hören sollte

Der DVD-Start liegt nun schon eine ganze Weile zurück, der Kinostart fand gar vor mehr als einem Jahr statt. Doch auch wenn man sich von allen Äußerungen - positiv und negativ - unbeeinflusst wähnt, kann es gelegentlich passieren, dass man am Ende eben doch nicht unbeeindruckt bleibt. Da kann es dann schon mal vorkommen, dass man etwas links liegen lässt oder auf eine gar zu lange Bank schiebt. So geschehen im Falle von „The Tourist“.

Hitchcock revisited

Eine mysteriöse Frau spricht im Nachtzug von Paris nach Venedig einen amerikanischen Mathelehrer an, der sich in der Folge in einen Strudel abenteuerlichster Ereignisse hineingezogen sieht, die ihn in einer Abfolge dramatisch-komischer Unwahrscheinlichkeiten beinahe das Leben kosten - und ihn nach Jahren abgestumpfter Existenz wieder ins Leben zurückführen.

Das hört sich nicht nur an, als ob jemand die Ingredienzien des „Fremden im Zug“, der „Dächer von Nizza“ und des „Manns, der zu viel wusste“ auseinandergenommen, neu gemischt und kräftig geschüttelt hätte; das ist auch so. Florian Henckel von Donnersmarck präsentiert nach dem „Leben der Anderen“ ein… nun ja, anderes Leben - und zwar ein ganz, ganz anderes Leben.

Das abgewandelte Rezept und die Folgen

„The Tourist“, von der amerikanischen Kritik in Fetzen gerissen und auch in Europa zum Teil recht derb behandelt, ist ein spannender und gutgemachter Film vor atemberaubenden Kulissen. Vor allem aber ist es ein ungemein eleganter Film. Die Dächer von Nizza sind ausgetauscht gegen jene von Venedig, was aber nicht unbedingt ein Nachteil ist.

Die Handlung gleitet entspannt und mit leichter Hand geführt dahin, die Geschichte ob aller Unwahrscheinlichkeiten stets im Fluss und fesselnd genug, um die Frage nach dem „Wie?“ und „Warum?“ auf irgendwann später, vorzugsweise nach dem Abspann zu verschieben.

Angelina Jolie ist eine der fatalsten femmes fatales, die Amerika jemals hat über die Leinwand laufen lassen. In der in diesem Punkt doch ziemlich gähnenden Leere, die Hollywoods Diven-Himmel der letzten gut 30 Jahre auszeichnet, ist das auf jeden Fall von Vorteil. Denn ehrlichkeitshalber muss man eingestehen, dass das amerikanische Kino der letzten Jahrzehnte auf diesem Feld doch sehr zu wünschen übrig lässt. In der sauber gespülten, puritanischen Welt Amerikas nach dem Kalten Krieg scheinen die Ava Gardners, Rita Hayworths und Liz Taylors hinweggefegt worden zu sein zugunsten der netten Mädchen von nebenan à la Scarlett Johansson oder Mila Kunis, die auf Stöckelschuhen den Eindruck zu erwecken versuchen, sie seien Isabelle Adjani oder Kristin Scott Thomas - nur um im unpassendsten Moment umzuknicken. Das passiert Jolie nicht, und auch wenn sie es nicht ganz in die Sophie Marceau-Liga hineinschafft, so ist sie doch gut auf dem Weg dahin.

Und um es gleich vorweg zu sagen: auch Johnny Depp ist nicht gerade Cary Grant. Das ist schon weniger gut, doch die von Depp dargebotene, liebenswerte Vermischung des leicht tollpatschigen Sleepy Hollow-Detektivs mit einem Jack Sparrow des 21. Jahrhunderts ist unterhaltsam genug anzuschauen. Das gilt erst recht auch für die punktgenau besetzten Nebenrollen. Paul Bettany gibt eine Art klarsichtigen, wenn auch ein wenig blassen Inspektor Clouseau des Interpols, dem das Pech auf den Fersen und sein Chef im Nacken sind. Als letzterer brilliert Timothy Dalton - James Bond als M, sozusagen. Und natürlich Steven Berkoff als Bösewicht, Rufus Sewell als… Rufus Sewell und - in einer gut ausleuchteten Zellenecke - Ralf Möller, grollend.

Herz, was willst du mehr? Geht man nach der Kritik, noch vieles, offenbar. Als dann am Ende auch noch das Paar in die venezianische Morgensonne segelt, scheint der Punkt erreicht, an dem amerikanischen Kritikern irgendwas zu viel wurde.

Vorwürfe über Vorwürfe

Unrealistisch, leicht, unwahrscheinlich, leicht, elegant, leicht, aberwitzig und… wurde leicht schon erwähnt? Ach ja, doch. Also: der Hauptvorwurf, der den Film traf war, genau dieser. Er sei ziemlich vieles und vor allem zu leicht. Es stimmt, keine der Figuren leidet in irgendeiner Weise an der Welt oder an sich selbst, es sind nicht einmal nennenswerte Kindheitstraumata erkennbar. Die Welt ist schön, die meisten Menschen auch, und wenn der eine oder andere dabei unfassbar böse ist… Sei’s drum, „The Tourist“ zeigt, dass selbst das Böse in schöner Kulisse irgendwie nicht so schlimm ist. Das ganze ist ein wenig ein auf altmodische Weise vertrautes, nettes, modernes Märchen, und weil es von Beginn keinen Zweifel daran lässt, dass es genau das sein will, ist es auch ganz gut so.

Und vielleicht ist es genau das, was an der Kritik, die der Film erfuhr, so verstört. Denn die erhobenen Vorwürfe werfen die Frage auf, wieso sie denn in dieser Form überhaupt erhoben wurden? Warum erwartet man heutzutage von leichten Actionkomödien, dass sie mit psychologischen Details der Helden überfrachtet werden? Was ist dagegen einzuwenden, dass unrealistisch schöne Menschen in unrealistisch schönen Kulissen Unwahrscheinliches erleben?

Warum Kunst nicht immer das Leben imitiert - es aber sollte

Das ist ein wenig so als würde man sich wundern, dass Fürstin Gracia von Monaco auf der Küstenstraße zwischen Villefranche und Nizza tödlich verünglückte, obwohl doch Grace Kelly seinerzeit in noch aberwitzigerem Tempo Cary Grant problemlos genau dieselbe Corniche gefahrlos entlangchauffiert hatte.

Schießt nicht auf die Kritiker? Doch bitte, hier schon...

„Nein, wieso?“ wird da ein jeder einwenden. „Das eine war das richtige Leben, das andere Film.“ Eben, ist man versucht, dem spontan bleizupflichten. Film ist Kunst und somit künstlich, oder sollte es sein, wenigstens ab und zu. Ist er es nicht, dann bleibt einiges auf der Strecke, allen voran der Unterhaltungswert. Ist er es doch, dann kann er bisweilen für kurze Zeit in eine Welt entführen, die man seit Kindestagen gern betritt. Eine Welt der Märchen. Das gilt vor allem dann, wenn das Werk auch noch in allen Details so formvollendet kunstfertig daherkommt wie "The Tourist". Man belasse es also doch bitte dabei.

Originaltitel: The Tourist

Land, Jahr: USA 2010

Regie: Florian Henckel von Donnersmarck

Darsteller: Angelina Jolie, Johnny Depp, Paul Bettany u. a.

Quellen:

http://www.imdb.com/title/tt1243957/

http://www.sonypictures.com/homevideo/catalog/catalogDetail_DVD043396374041.html

Ruxandra Ilea - Geboren in Bukarest. Studium in Amsterdam, Bochum, Berlin (Jura und Geschichte). Unternehmensberatung bis 1999. Übersetzungen und ...

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