Spiegelneurone, die Grundlage sozialen Lebens

Bei einem ehrlichen Lachen, lachen Mund und Augen. - Konstanze Meindl
Bei einem ehrlichen Lachen, lachen Mund und Augen. - Konstanze Meindl
Warum ist Lachen so ansteckend und warum rühren uns Filme zu Tränen? Andere nachzumachen hilft uns deren Gefühle zu verstehen.

Wir haben schon oft gehört: Lachen ist gesund! Es hält uns jung. Es stärkt unser Immunsystem. Wir wissen auch, dass lachen ansteckend sein kann. Dies ist ein Aspekt, den wir meist als angenehm empfinden. Aber nicht nur positive Emotionen sind ansteckend. Welchen Sinn aber sollte es haben, bei Filmen los zu heulen oder mit Elfmeterschützen mit zu fiebern? Der Grund ist, dass wir uns so besser in die Gefühle anderer hineinversetzen können. Verantwortlich dafür sind spezielle Neurone in unserem Gehirn, die Spiegelneurone.

Die Wirkung von Emotionen auf unsere Stimmung

Treffen wir nach einem anstrengenden Arbeitstag deprimiert auf eine gut gelaunte Freundin, hebt sich unsere Stimmung im Nu und wir schaffen es am Ende vielleicht sogar, über die Missgeschicke des Tages zu lachen. Aber wie kann das sein?

Betrachtet man zwei Menschen im Gespräch, kann häufig beobachtet werden, dass die Gesprächspartner die gleiche Körperhaltung einnehmen. Wir überschlagen fast gleichzeitig mit unserem Gesprächspartner die Beine oder stützen unseren Kopf auf der Hand ab. Durch ständige Beobachtung unseres Gegenübers beginnen wir allmählich, uns gegenseitig nachzumachen und unsere Stimmung dem Anderen anzupassen. Woher wissen wir aber intuitiv wie sich jemand anders fühlt?

Giacomo Rizzolatti entdeckte vor zehn Jahren jene Nervenzellen in der Großhirnrinde von Rhesusaffen, die dafür verantwortlich sind: Die Spiegelneurone. Nicht nur die Mimik, sondern auch die Gestik sagt etwas über unsere Stimmung aus. Indem wir uns gegenseitig nachahmen, können wir nachempfinden, wie sich der andere fühlt und können besser aufeinander eingehen. Dies ist die Grundlage empathischen Verhaltens, nach der die Naturwissenschaft lange gesucht hat. Spiegelneurone machen es uns möglich Absichten einzuschätzen, Sprachen zu erlernen und am aller wichtigsten: Sie ermöglichen uns die Fähigkeit zur Empathie, die Grundlage sozialen Lebens.

Lernen durch Nachahmen

Besonders große Bedeutung hat der Mechanismus der Spiegelneurone bei Kleinkindern. Lächelt eine Mutter ihr neugeborenes Kind an, „feuern“ die Spiegelneurone des Kindes und lösen einen Reflex bei dem Kind aus: Es versucht, das Lächeln der Mutter zu mimen. Zaghaft zieht es die Mundwinkel nach oben und macht den Gesichtsausdruck seiner Mutter nach. Das Kind lernt so etwas über die Bedeutung von Mimik. Später funktioniert das immer besser und als Erwachsene merken wir gar nicht mehr, dass wir ständig unser Gegenüber nachahmen. Ebenso ist es beim Erlernen unserer Sprache. Beobachtung und Nachahmung sind dafür unerlässlich.

Rizzolatti stellte auch fest, dass die Neurone gleich reagieren, egal ob die Handlung selbst ausgeführt oder nur bei anderen beobachtet wird. Die Fähigkeit der Menschen, sich in andere hinein zu versetzen, mit anderen mit zu fühlen, empathisch sein zu können, ist, wie wir seit kurzem wissen ein Produkt der Spiegelneurone. Sie lassen uns Absichten und Handlungen nachvollziehen und davon lernen. Die Fähigkeit zur Empathie ist extrem wichtig für emotionale und soziale Bindungen zwischen Menschen.

Spiegelneuronen als Stimmungsbarometer

Wir spiegeln Mimik und Gestik unserer Mitmenschen aber nicht nur um uns in deren Gefühlslage hineinzuversetzen, sondern profitieren auch anderweitig davon. Indem wir unsere Mitmenschen mimen, können wir uns in die Stimmung der anderen hineinversetzen und sie überträgt sich auf unsere eigene Stimmung. Dies geht soweit, dass wir uns im Spiegel selbst anlächeln können und unsere Stimmung wird sich aufhellen. Studien haben gezeigt, dass das Nachmachen von Gesichtsausdrücken einen signifikanten Effekt auf die Stimmung hat. Die Stimmung der Teilnehmer, die lächeln mussten, hellte sich im Gegensatz zu denen, die keine Mimik zeigen sollten, signifikant auf – machten sie das vor dem Spiegel war der Effekt sogar doppelt so groß. Möchte man sich also selbst den Tag versüßen, sollte man einfach die Welt und seine Mitmenschen anlächeln. Allerdings muss das Lächeln echt sein! Das heißt: Nicht nur der Mund, auch die Augen müssen lächeln und das kann man nicht spielen. Der Effekt zeigte in Studien deutlich weniger Wirkung, wenn die Teilnehmer nur halbherzig ihr Gegenüber anlächelten. Ein mitreißendes Lächeln ist also immer mit echten positiven Empfindungen verbunden.

Literatur:

  • Woher wir wissen, was andere denken und fühlen: Die neue Wissenschaft der Spiegelneuronen - Marco Iacoboni, Deutsche Verlags-Anstalt; Auflage: 1 (2009)
  • Empathie und Spiegelneurone: Die biologische Basis des Mitgefühls - Giacomo Rizzolatti, Suhrkamp Verlag; Auflage: Deutsche Erstausgabe (2008)