Spiritualität und Religion im Top-Management

Willigis Jäger vertritt eine über-konfessionelle Spiritualität

Abschalten? Nicht einfach für Manager - Jan Thomas Otte
Abschalten? Nicht einfach für Manager - Jan Thomas Otte
Ein Gespräch mit Willigis Jäger über die spirituelle Dimension der Arbeit, Arbeitslosigkeit, Sehnsüchte des Wirtschaftens, ein Leben nach dem Tod, die Zukunft der Kirche.

Er will suchenden Menschen noch heute Antwort auf ihre drängenden Fragen geben. Damit ist Jäger keineswegs unumstritten. Aber besonders Manager aus der Wirtschaft, Erfolgreiche und Gescheiterte kommen in seine Kurse. Sowohl von der christlichen Mystik als auch dem östlichen Zen inspiriert, geht er als Benediktiner und Zen-Meister der Sanbô-Kyôdan-Schule weit über traditionelle Vorstellungen der Religionen hinaus.

Jägers Vision ist eine integrale Spiritualität, welche den großen Erfahrungsschatz der östlichen und westlichen Weisheit einbezieht – und zugleich offen für neuste Erkenntnisse der Wissenschaft ist. Seit 2003 ist Pater Willigis gefragter Redner und Autor zahlreicher Bücher, Leiter des Benediktushofes in Holzkirchen, einem Zentrum für spirituelle Wege. Den zweiten Teil des Interviews lesen sie zum Thema Motivation und Geist im Job.

Pater Willigis, Sie sagen: "Wenn du Menschen zum Schiffbau bewegen willst, musst du ihnen von der Weite und Schönheit des Meeres erzählen." Das Geheimnis des Erfolges ist Begeisterung. Wofür begeistern Sie sich als christliche Mystiker und Zen-Buddhist?

Zen-Buddhist bin ich nicht. Meine Erfahrungen liegen jenseits eines Glaubensbekenntnisses. Ich führe die Menschen auf einen spirituellen Weg, der in ein tieferes Begreifen unserer menschlichen Existenz führt. Wer dort ankommt, erkennt den wirklichen Sinn seines Lebens. Wie der Einzelne seine Erfahrungen einordnet, in eine Konfession oder in einer anderen religiösen Weltsicht, ist ihr und ihm überlassen.

Auf den Punkt gebracht: Welchen spirituellen Sinn hat Arbeit neben dem täglichen Broterwerb? Wir lesen in der Bibel: „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen“ (Gen. 3,19).

Für manche Menschen mag das noch gelten. Aber ich kenne eine Putzfrau, die jeden Morgen strahlend ins Haus kommt und nicht sagt: „Ich muss den Dreck wegmachen, den andere hinterlassen haben“. Sie sagt vielmehr: „Ich möchte, dass die Gäste ein sauberes und angenehmes Zimmer vorfinden, wenn sie kommen“. Unsere innere Einstellung zur Arbeit ist entscheidend.

Die Bibel geht weiter „Unter Mühsal wirst du von ihm essen alle Tage deines Lebens. Dornen und Disteln lässt er dir wachsen (…), bis du zurückkehrst zum Ackerboden“ (Gen. 3,17-19). Entspricht das nicht der spürbaren Realität von unbezahlten Überstunden, befristeten Arbeitsverträgen, Jobverlust ohne Aussicht auf Wiederanstellung?

Jetzt haben sie viele Dinge durcheinander geworfen. Es kommt darauf an, wie ich meine Arbeit sehe. Vielleicht kennen Sie die Geschichte, in der ein Arbeiter gefragt wird: Was machst du? Seine Antwort: "Ich behaue Steine." Es wurde ein anderer der Bauhütte gefragt: "Was machst du?" Seine Antwort: "Ich baue Mauern." Man fragte einen dritten. Seine Antwort war: "Ich baue an einem Dom." Jede Arbeit kann ein Dombau sein. Den Stress macht sich jeder selber.

Ihre Frage nach der Arbeitslosigkeit ist schwerwiegend. Die Zahl der Arbeitslosen wird steigen, trotz aller Versprechen. Vielleicht ist der Grundlohn eine Lösung. Jeder und jede bekommt einen Grundgehalt, von der man sich gerade ernähren kann, gleichgültig ob er arbeitet oder nicht. Er kann dazuverdienen, muss aber von seinem zusätzlichen Verdienst Steuern zahlen, damit die andern genug zum Leben haben. Da sind Wirtschaft und Politik gefragt.

Wie soll ein gestresster Arbeiter noch heute nach der Tradition der Benediktiner „Ora et labora, Deus adest sine mora“ - also Bete und arbeite, Gott ist da ohne Verzug - leben? „Labora“ kann ich ja auch mit Leiden, sich anstrengen und in Not sein übersetzen.

Nicht alle Arbeiter sind gestresst. In unserem Orden legt man bei jedem Stundenschlag die Arbeit aus der Hand und hält ein Minute der Besinnung. Die Frage ist, ob man seinem ganzen Leben und damit auch der Arbeit einen religiösen Sinn geben kann. Im letzteren Fall erhält alles Sinn, auch das was leidvoll und mühsam ist. Eine leidfreie Welt wird es nicht geben.

Ein Wort zum Thema Zukunft und Arbeitslosigkeit. Welches Mittel sehen Sie für Betroffene, mit diesen Ängsten unserer Zeit umzugehen?

Ich bin weder Wirtschaftsexperte noch Politiker. Die Menschheit geht schwierigen Zeiten entgegen. Ich habe vorhin vom Grundlohn als einer möglichen Lösung gesprochen. Auf jeden Fall bleibt dem Menschen trotz Arbeitslosigkeit Zeit für Kreativität und sinnvolle Beschäftigung. Nicht zuletzt auch für eine Entdeckung des inneren Menschen, in dem eine „terra incognita“ liegt – ein unbekanntes Land, das erforscht werden will, wenn das Leben Sinn machen soll.

Jan Thomas Otte, Studio Attimo, Heidelberg

Jan Thomas Otte - Nichts ist so schwer wie über sich selbst zu schreiben. Mit Reportagen über Gott und die Welt hinterfragt er Glaubenssätze ...

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