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Spoerlis Peer Gynt sucht jetzt in Berlin Reichtum und Glück

Dem Staatsballett Berlin gelingt mit seiner glänzend getanzten Übernahme von Heinz Spoerlis „Peer Gynt" ein Repertoireerfolg.

Heinz Spoerlis „Peer Gynt“ hatte am Freitag, 18. November 2011, fast genau vier Jahre nach seiner Uraufführung in Zürich in der Deutschen Oper in der Bismarckstraße Berlinpremiere. Spoerli hat Henrik Ibsens dramatisches Gedicht in fünf Akten, das der Autor später für die Bühne kürzte und von Edvard Grieg mit Musik versehen ließ, mit eben dieser Musik, und weiteren Strichen an Ibsen zu einem abendfüllenden Ballett verarbeitet.

Peer Gynt - Handlungsballett statt choreographische Häppchen

Das ist in Zeiten weit verbreiteter choreographischer Häppchen oder kurzatmiger Einakter selten geworden, aber der Schweizer hat darin Erfahrung. Und er macht noch einen Schritt: Er erweitert das Ballett, das meist vollkommen reduziert ist auf die musikalischen Eindrücke und den körperlichen Ausdruck der Tänzerinnen und Tänzer, durch Gesang und gesprochenes Wort, ohne damit Crossing-Over-Tendenzen hinterherzulaufen.

Angesichts des komplexen Geschehens um den großspurigen Träumer, Fantasten, Weltreisenden, Verrückten und Möchtegern-Kaiser, verschaffte sich Spoerli durch die Teilung der Titelrolle in Tänzer und Schauspieler und die Einbeziehung von Sängerinnen und Sängern choreographische Freiräume. So reduziert er ballett-typische pathetischen Gesten und zeichnet stattdessen subtil und ausgesprochen modern Seelenzustände. Und noch etwas fällt in dieser Teilung auf. Ein nordischer Faust wurde Peer Gynt genannt. Nun ist er gerade das wohl nicht, aber manchmal wirkt die Teilung, als hätte Spoerli seinem Peer Gynt einen Mephisto als Alter Ego an die Seite gestellt.

Auch der Einsatz ergänzender zeitgenössischer Kompositionen von Brett Dean und Mark-Anthony Turnage wirkt schlüssig. Spoerli lässt sie Brücken zwischen den fremden und den emotionalen Welten schlagen, die Peer Gynt bereist. Dabei sind sie ähnlich gefällig wie Griegs Schauspielmusik, die in Teilen wahre Gassenhauer-Bekanntheit erreicht hat.

Peer Gynt - Kein Tanz um des Tanzes Willen

Die Bühne von Florian Etti lässt Norwegen düster sein und die Wüste goldhell strahlen, alles unterstützt von einer ausgeklügelten Lichtregie (Martin Gebhardt). Für diejenigen, die nicht wissen, wo der Titelheld sich gerade herumtreibt, schweben über Ägypten goldene Folien aus denen Hieroglyphen gestanzt wurden, und für die Halle des Bergkönigs wird ein Spiegel herbeigerollt, vor dem sich kahlköpfige Trolle tummeln.

Tänzerisch hat Spoerli alles hineingepackt, was ein abendfüllendes Ballett so braucht. Schmissige Gruppen, elegische Soli, packende Pas de deux. Doch wird das alles vom unbändigen Willen dieses Peer Gynt wieder aufgebrochen: Kein Tanz um des Tanzes Willen, alles hat seine Funktion, treibt die Geschichte weiter. Der virtuose tänzerische Auftritt bleibt fast allein dem Solo des Bergkönigs überlassen, den Dinu Tamaziacaru trotz viriler Sprungkraft immer das giftig kleine Männchen sein lässt. Große Szenen gibt es auch für des Bergkönigs Tochter (Beatrice Knop) und Polina Seminova, deren Anitra sich als Männerfresserin gibt. Den größten emotionalen Eindruck aber hinterlässt Nadja Saidakowa als Solveig, die in Norwegen traurig auf ihren Peer wartet, der sich in der Welt herumtreibt. Vladimir Malakhov tanzt diesen Treuvergessenen, wie nicht anders zu erwarten war, perfekt. Im Ausdruck aber wird er der Figur kaum gerecht. Auch sein Alter Ego, gesprochen von Sebastian Hülk, erfüllte die Erwartungen nicht. Im Text stecken größer sprachliche Deutungs- und Differenzierungsmöglichkeiten. Hinzu kamen Verständlichkeitsprobleme bei aufbrausendem Orchester. Aber das sollte sich legen.

Hatte sich das Staatsballett Berlin mit der Übernahme der Bolschoi-Rekonstruktion des Petipa-Klassikers „Esmeralda“ einen gerade noch akzeptablen Ausflug ins Ballett-Museum geleistet, hat Malakhov seiner Truppe mit Spoerlis „Peer Gynt“ nun einen Repertoireerfolg verschafft.

Weitere Vorstellungen sind heute, 20. November, und dann wieder am 25., 28. und 29. November sowie am 2. Dezember 2011.