
- Podiumsdiskussion in der Freiburger Fußballschule - johapress
Der ehemalige Trainer Volker Finke und damalige Manager Andreas Rettig sowie der inzwischen verstorbene SC-Präsident Achim Stocker hatten die Einrichtung um die Jahrtausendwende installiert. In diesem Jahr feiert die Freiburger Fußballschule ihr zehnjähriges Bestehen. Etliche Nachwuchsspieler, die beim SC Freiburg ausgebildet wurden, haben seitdem den Weg in den Profifußball und in die Bundesliga gefunden. Allein sechs ehemalige Absolventen stehen in der aktuellen Profimannschaft des Sportclub Freiburg. Die A-Junioren sind aktuell Tabellenführer der A-Junioren-Bundesliga – die Profis dümpeln derzeit mit der "Roten Laterne" in der Beletage des Deutschen Fußballs herum. Trotzdem ist es für den Schwarzwälder Bundesligisten der einzige und richtige Weg, um im Haifischbecken "Fußball-Bundesliga" mitspielen zu können, wie bei einer Podiumsdiskussion anlässlich des zehnjährigen Bestehens der Fußballschule im Möslestadion nochmals eindringlich unterstrichen wurde.
Joachim Löw sieht mehr Talente im deutschen Fußball
Ein Fußballspiel dauert bekanntlich neunzig Minuten – die Podiumsdiskussion in der Freiburger Fußballschule etwas mehr als sechzig Minuten. Spannend, informativ und unterhaltsam war der verbale Schlagabtausch mit illustren Gästen allemal. So blickte Bundestrainer Joachim Löw auf die grundsätzliche Entwicklung im deutschen Fußball zurück und befand, "dass wir viele Talente und eine bessere Situation haben, als in den Jahren 2004/05 und sich die Stützpunktarbeit flächendeckend auszahlt."
Jens Todt: In manchen Jugendabteilungen wird besser gearbeitet als bei den Profis
Der SC Freiburg hat in Sachen Fußballschule deutschlandweit Pionierarbeit geleistet und sich früh mit der Nachwuchsförderung beschäftigt und den Standortnachteil ausgeglichen. Jens Todt, Ex-Profi und Nationalspieler des SC Freiburg räumte ein, "dass in manchen Jugend-Leistungszentren besser gearbeitet wird, als bei den Profis". Der Ex-Profi und heutige Manager des VfL Bochum war selbst Leiter des Nachwuchsleistungszentrums beim HSV und in Wolfsburg. "Finanzstarke Vereine werden immer den Königstransfer tätigen, aber die Jugendarbeit ist bei allen Vereinen wichtig", ergänzte Todt.
Eine Videokamera für Christian Streich war der Beginn der Freiburger Fußballschule
Für kleine Vereine wie den SC Freiburg ist Nachwuchsarbeit die einzige Chance um mit der Konkurrenz Schritt halten zu können. "Ja, eine Videokamera kannst du haben", erinnerte Christian Streich, sportlicher Leiter der Freiburger Fußballschule an seine Vorsprache bei SC-Präsident Achim Stocker wegen der Video-Analyse zurück. Vor 15 Jahren trainierten die Jugendteams noch auf dem bei Bundesliga-Heimspielen als Parkplatz genutzten Hartplatz am damaligen Dreisamstadion. Es war quasi die Geburtsstunde der heutigen Einrichtung und die Idee, Spieler für die Profis zu rekrutieren.
Eigengewächs Johannes Flum von der Fußballschule in die Bundesliga
Einer der den Sprung aus der eigenen Jugend zu den Profis geschafft hat, ist Johannes Flum. Aus der Jugend des FC Weilheim am Oberrhein hervorgegangen, kam er mit 15 Jahren in die Fußballschule und erzählte "vom Verzicht mit Freunden in die Disco zu gehen oder ein Fest zu feiern. Aber der Fußball gibt viel zurück, dass es sich lohnt in die wenige Freizeit zu investieren. Der Jungprofi schaffte schließlich den Sprung, wie sein früheres Vorbild Sascha Riether, der es sogar zum Nationalspieler brachte. Doch längst nicht allen Spielern gelingt aus der A-Junioren-Bundesliga der Durchbruch in die erste Liga. "Wir müssen den Spielern den Traum lassen, aber mit 17, 18 Jahren offen kommunizieren, dass es nicht zum Bundesligaprofi reicht. Die dritte oder vierte Liga, ist nicht schlimm, da kannst du dir das Studium finanzieren", plauderte Streich aus dem Nähkästchen.
Bundestrainer Joachim Löw: Wir haben eine Klasse Entwicklung gemacht
Der Fußball hat sich im vergangenen Jahrzehnt stark verändert. "Wenn man heute ein A-Juniorenspiel schaut, sucht der Innenverteidiger eine Lösung. A-Junioren-Bundesliga-Fussball bringt richtig gutes Niveau" fand Streich den Beifall der Besucher. Dies hat auch seinen Grund. Die Trainer sind heute viel besser geworden. „Ich konnte mit dem Hinweis auf aggressives Spiel nichts anfangen“, blickte Joachim Löw in seine jungen Fußballerjahre zurück.
Und der Bundestrainer liefert weitere Argumente für den modernen Fußball: "Es gibt nicht mehr den Klassischen 10er – der 6er ist wichtiger geworden! „Das Einfache in der Ausbildung zum Wichtigsten zu machen, die Präzision, offensive Ballauf- und Mitnahme stehen im Vordergrund. „Wir haben eine klasse Entwicklung gemacht. 2005 haben wir 2,8 Sekunden für die Ballanahme und Ballweitergabe gemessen – bei der WM gegen Argentinien und England haben die deutschen Nationalspieler dafür 0,9 Sekunden benötigt", gab Joachim Löw einen Einblick in die Entwicklung des Nationalteams. Darüber hinaus gilt es die 1:1 Situation im Zweikampf ohne Foulspiel zu lösen. "Vierzig Prozent der Standartsituation führen zu Großchancen und Toren“, erklärte Löw. Wenn das die Spieler können, haben sie viel mitbekommen. "Ich sehe eine klar bessere Ausbildung im technischen Bereich, auch Unterschiede in der Aufnahme und dem Erlernen bei den jungen Spielern". Und trotzdem warnt der Bundestrainer von einem Stillstand. "Wir müssen und wollen uns im Hinblick auf die EM weiterentwickeln".
Stefan Simm, ehemaliger Projektmanager von Foot Pass Deutschland, der die Freiburger Fußballschule und andere konzipiert hat, ergänzte: "Qualitätsmanagement, Zertifizierung, das Zusammenspiel von Trainern, Physiotherapeuten sind wichtige Eckpunkte eines Leistungszentrums. Nach dem Motto "in der Ruhe liegt die Kraft" muss sich der Verein die Frage selbst stellen, „was ist gut“ - Dann ist das der richtige Weg. Wie soll sich etwas entwickeln, wenn ich nur den aktuellen Moment sehe? Hektik kostet nur Geld. Ein trefflicher Tipp für so manchen Proficlub - wenn schon nach vier oder sechs Spieltagen die Trainer ausgewechselt werden. Die Ausbildungsphilosophie ist der rote Faden. Einige Vereine haben diesen und erzielen den Erfolg. Und Jens Todt beschreibt es treffend, wenn er sagt, "Nachwuchs darf sich nicht kurzfristig an der sportlichen Entwicklung der Profis orientieren. Dann läuft etwas schief"
Und wie sieht Streich die Zukunft von Leistungszentren? "Bester Schutz ist eine nachhaltige Qualität. Spieler und Eltern müssen das Gefühl einer guten Betreuung und Ausbildung haben". Er räumt ein, dass durch das viele Geld Begehrlichkeiten da sind. Scouts und Berater sind inzwischen ständige Gäste bei der A-Junioren-Bundesliga.
Robin Dutt profitiert von Fußballschule
Leistungszentren sind aber auch Brutstätten für die Trainer, das ist eine positive Entwicklung. "Dinge aus der Fußballschule konnten von Robin Dutt in den Profibereich übernommen werden. Das hat ihm in der Anfangszeit geholfen", ließ Streich in die Trainingsarbeit einblicken. Eine klare Absage erteilte der Leiter der Freiburger Fußballschule einer "U-19 Champions-League": "Die A-Junioren spielen internationale Turniere. Der Aufwand ist zu groß. Und schlussendlich gab es noch Lob aus berufenem Munde: "Die Freiburger Fußballschule hat einen guten Ruf in der Branche. Das Umfeld ist gut. Der SC Freiburg zahlt wesentlich weniger Geld, trotzdem ist er beim Wettbieten um einen Spieler deshalb nicht chancenlos", sagt Jens Todt.
