
- Glavinic: Der Kameramörder - dtv
Als Thomas Glavinics Krimi „Der Kameramörder“ (2001) den Friedrich-Glauser-Preis erhielt, lobte die Jury die sachliche, reduzierte Sprache des im Protokollstil geschriebenen Textes. Von den Lesern wurde der Krimi sehr heterogen aufgenommen. Zwischen den euphorischen Stimmen, die die Spannung lobten, meldeten sich immer wieder solche, die den Erzählstil als langweilig, abstoßend oder verstörend empfanden.
„Der Kameramörder“
Glavinic setzt in „Der Kameramörder“ (und in seinen anderen Romanen) die Sprache gezielt ein, um einen bestimmten Effekt zu erzielen. Niemals sind es belehrende Kommentare des Erzählers, die den Leser über die Protagonisten aufklären. Glavinic lässt seine Figuren selbst sprechen, er bevorzugt die interne Perspektive aus der Sicht der Figuren. In die Sprache legt er daher alle wichtigen Informationen. Was geben die Protagonisten nur vor zu sein – und was sind sie wirklich? Der „Kameramörder“ erzählt von der Tat eines Kindermörders. Erst im Verlauf des Buches dämmert es dem Leser, dass der konsequent sachliche und emotionslose Protokollstil die erzählende Figur entlarvt. Leser, die diese Sprache als abstoßend und unerträglich wahrnehmen, reagieren daher im Prinzip nach der Intention des Autors.
Sprachkunst bei Thomas Glavinic
Glavinic wählt je nach Stoff und Protagonist den passenden Sprachstil, wobei die extremen Geschichten und Charaktere seine Romane nicht selten zu wahren Sprachexperimenten werden lassen. In „Wie man leben soll“ (2004) entsteht so ein verkappter Ratgeber, dessen Protagonist seine private Geschichte als allgemeingültige Lebenshilfe verkauft. Die Geschichte wird konsequent in der „man-Form“ geschrieben. Dadurch entsteht auch die Komik des Buches: „Kurz nach seinem sechzehnten Geburtstag hat man sich verliebt […] Da man nach einigen Zurückweisungen nicht mehr wählerisch ist, handelt es sich bei Claudia keineswegs um die Klassenschönste […] Aber was soll man machen. Man liebt, wen man kriegt.“
Der Roman „Die Arbeit der Nacht“
Ein weiteres Beispiel für Glavinics Arbeitsweise ist der Roman „Die Arbeit der Nacht“. Jonas, der an einem scheinbar gewöhnlichen Morgen als einziges Lebewesen der Welt erwacht, verliert sich ob seiner völligen Einsamkeit und Unwissenheit in einer Schizophrenie. Der Protagonist findet Halt in einer genauen, detailreichen Beschreibung der verlassenen Welt und seines Handelns. Immer wieder scheint es Hinweise auf die Existenz anderer Menschen zu geben. Oder sind es nur Halluzinationen? Der Leser muss sich mit den Informationen begnügen, die durch Jonas’ Wahrnehmung übermittelt werden.
Reflektiertes Erzählmodell
Durch sein Erzählmodell provoziert Glavinic die Reflexion des Lesers. Da in den Romanen keine moralischen oder erklärenden Hinweise mitgeliefert werden, muss der Leser selbst Stellung beziehen, indem er die Wirklichkeitsdarstellung der Figuren kritisch beurteilt. Aus diesem Grund wird es seinen Romanen auch nicht gerecht, sie als naiv zu bezeichnen, weil es deren Sprache zuweilen ist. Glavinics Romane sind spannend und leicht zu lesen, jedoch nicht banal. Glavinic löst sich aus der Tradition des österreichischen Sprachexperiments, die darunter größtenteils die Sinnentleerung von Texten verstand.
Romane von Thomas Glavinic
Glavinics erster Roman „Carl Haffners Liebe zum Unentschieden“ erschien 1998. Es folgte „Herr Susi“ (2000), „Der Kameramörder“ (2001), „Wie man leben soll“ (2004), „Die Arbeit der Nacht (2006). 2007 erschien sein aktueller Roman „Das bin doch ich“. Glavinic arbeitet als freier Schriftsteller in Wien. Vor seiner Kariere als Autor arbeitete er als Werbetexter und Taxifahrer.
Thomas Glavinic: Der Kameramörder. dtv 2001. Taschenbuch, 160 Seiten. Euro 7,90.
