Sprachkomik in Gryphius "Absurda Comica oder Herr Peter Squentz"

barockes Interieur der Stift Melk Stiftskirche - Karl-Heinz Laube / pixelio.de
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Andreas Gryphius Komödie enthält neben der Personenkomik zahlreiche sprachliche Elemente die Komik erzeugen, so z.B. Anredeformen und Illusionsbrüche.

Gleich zu Beginn des Schimpfspiels stellt Peter Squentz seine Handwerker vor und verwendet dabei sehr auffällige Anreden:

„P. Squentz. Edler / Woledler / Hochedler /Wohledelgeborener Herr Pickelhäring / von Pickelhäringsheim und Saltznasen. (...)

P. Sq. Arbeitsamer und Armmächtiger Mester Kricks / über und über / Schmied. (...)

P. Sq. Tugendsamer / auffgeblasener und windbrechender Mester Bullatubän / Blasebalckenmacher (...)“ (Mannack, S. 582)

Allgemein erwähnt Squentz hier den Beruf und eine dafür stehende Eigenschaft von jedem seiner Handwerker. Besonders herausragend ist hier Pickelhäring, welcher ungewohnt höflich angesprochen wird. Solch eine Anrede hätte man als Zuschauer beziehungsweise Leser eher gegenüber einer Person von höherem Stande erwartet. Dies zeugt von Komik, denn Squentz weiß sich anscheinend nicht den richtigen Umgangsformen zu bedienen.

“Fehlerhafte Titel verwendet Squentz auch gegenüber den Angehörigen des Hofes, sogar den König selbst weiß er nicht korrekt anzureden.“ (Toscan, S. 95) Diese Titel können sowohl geringer schätzend sein wie “Junker König“ (Mannack, S. 592), zu persönlich wie “hertzer lieber Herr König“ (S. 597) oder wie gegenüber seinen Handwerkern mit charakterlicher Beschreibung wie bei “Tugendsame Frau Königin“ (S. 606).

Solche Fehlgriffe in der Anrede passen gut zu Squentz’ bereits beschriebener Dummheit und Selbstüberschätzung. Denn da er “Schreiber und Schulmeister ?und? auch Expectant des Pfarr-Ampts“ (S. 592) ist, sollte er wesentlich mehr Bildung besitzen. Hierdurch wird nicht nur die Figur des Squentz unwürdiger, sondern auch komisch.

Sprachliche Fehlgriffe

Eine weitere Möglichkeit um Komik zu erzeugen, ist die Verwendung sprachlicher Fehlgriffe, wo unter anderem der fehlerhafte Gebrauch von Fachbegriffen dazugehört. Hier wäre beispielsweise Peter Squentz’ Aussage zu nennen, wenn er seinen Handwerken vorschlägt, dass sie ein Stück für die königliche Familie vorspielen werden. Dort heißt es: “?…? bin ich willens / durch Zuthuung euer Geschickligkeit eine jämmerlich schöne Comoedi zu tragiren“ (S. 583), was theoretisch nicht möglich ist. Squentz verdreht an dieser Stelle nicht nur die Elemente von Tragödie und Komödie, er will dazu auch noch sehr gebildet klingen und verwendet Latein.

Außerdem muss man auch die letzte Szene vom Spiel im Spiel betrachten, denn “Die Sterbeszene, in der sich Pickelhäring als Pyramus erstechen muss, gerät dann auch zur komischen Farce, weil er die Zuschauer schon im Voraus über die Harmlosigkeit aufklärt“ (Toscan, S. 100). Die sogenannte Farce, welche man häufig als Posse bezeichnet, würde die Spannung einer Tragödie hemmen, doch für die Komik ist sie von äußerstem Nützen. Damit kann nämlich eine aufgeschlossenere Stimmung aufgebaut werden, welche wiederum das Komische und daraus resultierend das Lachen anregt.

Ein weiteres Merkmal, was eben dies unterstützen soll, ist der Knittelvers. Laut Definition ist das ein vierhebiger, paarweise gereimter Vers, als freier Knittel mit Füllungsfreiheit und 615 Silben und dieser freie Knittel „erinnert an die Volksdichtung“ (Toscan, S. 103) des 17. Jahrhunderts. Verwendung findet er unter anderem im dritten Aufzug bei Peter Squentz:

„Thisbe zeucht aus in schneller Eyl

Dem Piramus seinen Liebes-Pfeil /

Vnd klaget ihm daß ihr die Lieb

Gekruchen in den Bauch so trieb.“ (Mannack, S. 598)

Hier sieht man deutlich die Paarreime am Versende und ebenfalls auch die Silbenstruktur von Vers 1 bis 4: mit acht, neun, acht und nochmals acht Silben. Solch eine Einfachheit entspricht dem Milieu der Handwerker als Charaktere mit dem größten Redeanteil. Ihre eigene Einfachheit wird durch den Knittelvers zusätzlich unterstrichen, somit passen sie besser zu ihrem Stereotyp.

Illusion und Illusionsbruch

“Die Methode der Darstellung von Gegenständen durch Personen widerspricht völlig der Theaterpraxis des 17. Jahrhunderts, wo bewegliche Kulissen aus Stoff für eine wirklich perfekte Illusionierung sorgen sollten.“ (Toscan, S. 110) Viel deutlicher wird daher doch die ungewöhnliche Rollenverteilung unter den Handwerkern, welche auch Gegenständliches darstellen.

Meister Krix übernimmt die Rolle des Mondes, was eine sehr bedeutende Rolle für die Handwerker ist, denn sie legen viel Wert auf eine perfekte Darbietung dessen. Der Grund dafür ist, dass ohne einen auffälligen Mond, ihr Stück wohl keine Komödie werden würde (Mannck, S. 586). Deshalb stecken sie große Mühen in dessen Inszenierung: “?…? Nur das Licht in der Laterne muß nicht zu lang seyn / denn wenn sich Thisbe ersticht / muß der Mond seinen Schein verlieren ?…?“ (S. 586).

Was den Brunnen angeht, den Meister Lollinger darstellen soll, dieser besteht lediglich aus einer Gießkanne (S. 589). Der Einfallsreichtum der Handwerker ist enorm, doch wäre dies nicht nötig für ein Schauspiel, das sich an die Ovidschen Grundlagen hält, denn bei Ovid gibt es eine Quelle statt eines Brunnens. Jedoch gehört diese Änderung zur Inszenierung des Lachens, denn dadurch wird mit den Erwartungen der Zuschauer gespielt und das Komische gefordert.

Wo die Handwerker im gegenständlichem Bereich versuchen durch Detailgenauigkeit eine Illusion aufzubauen, brechen sie sie wieder ein, wenn es um die Darstellung des Löwen geht. Da soll gleich zu Beginn des Spieles der Handwerkergruppe gesagt werden, dass er von Meister Klipperling dargestellt wird. Andernfalls könnten sie fälschlicherweise “Schwangere(r) Weiber“ (S. 584) erschrecken. Gerade dem Löwe, der Gewalt und Schrecken charakterisiert, wird somit die Macht genommen. Hier liegt die Komik zum einen im Aufbrechen des eigentlich tragischen Stoffes und zum anderen darin, dass die Handwerker in ihrer naiven Art denken, sie würden wirklich das Publikum damit erschrecken. “Offenbar wissen Squentz und seine Leute auch gar nicht, dass die Schaffung von perfekter Illusion im 17. Jahrhundert zu den wichtigsten Anforderungen ans Theater gehört.“ (Toscan, S. 114) Wenn sie sich dem bewusst gewesen wären, dann hätten sie wohl auch höhere Erfolgschancen bei ihrem höfischen Publikum gehabt.

Weiterführende Literatur und verwendete Quellen

Eberhard Mannack: Bibliothek der frühen Neuzeit: Andreas Gryphius Dramen. Dt. Klassiker Verlag, 1991. ISBN 3618664508, 92,00€.

Daniela Toscan: Deutsche Literatur von den Anfängen bis 1700: Form und Funktion des Komischen in den Komödien von Andreas Gryphius. Peter Lang, 2000. Taschenbuch, 255 Seiten. ISBN 9783906758909, 51,90€.

Anne Neumann - Ich bin Masterstudentin an der Universität Rostock und studiere Anglistik. Ich habe für längere Zeit in den USA gelebt, ...

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