Sprachkritik im Alltag

Jugendsprache - Ivensimonetti
Jugendsprache - Ivensimonetti
Immer wieder ist die Rede vom Verfall der deutschen Sprache durch fremdsprachige Einflüsse oder durch die Jugend und die modernen Kommunikationsformen.

Doch was geschieht wirklich mit der ehrbaren Sprache der deutschen Poeten? Ist ihr Todesurteil bereits gefällt oder wird sie sich doch wieder durchsetzen? Wie sehen das Sprachwissenschaftler und denkt man das Ganze noch einen Schritt weiter: Was wäre eigentlich so schlimm an einem Sprachwandel oder sogar am Tod einer Sprache? Hierzu findet man sehr kontroverse Meinungen.

Die deutsche Sprache im Wandel

Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ schrieb schon Bastian Sick in seinem Bestseller und er hat Recht. Der Genitiv ist im deutschen Sprachgebrauch dem Tode näher als dem Leben. Auf der Straße findet er kaum Verwendung und verbringt man einen Tag vor dem TV, wird man ihn gänzlich missen. Die Verwender des Genitivs werden zumeist mit Verwirrung betrachtet, denn der Dativ hat dessen Funktionen nahezu vollständig übernommen und nur den Wenigsten fällt dies überhaupt noch auf.

Ähnlich wird es der unterordnenden Konjunktion "weil“ ergehen, die immer öfter als nebenordnende verwendet wird und somit Hauptsätze einleitet. Beide hier beschriebenen Beispielfälle sind bereits als Varianten in den Duden eingegangen! Das heißt, dass sie beispielsweise in der Schule in Klassenarbeiten lediglich noch als Stilfehler, nicht jedoch als Fehler des Elementarbereichs gewertet werden dürfen. Ein erster, ganz entscheidender Schritt auf dem Weg zu einer sich durchsetzenden Sprachveränderung! Dies sind nun lediglich zwei der größten und wohl bekanntesten Veränderungen, deren Liste sich noch um ein Vielfaches erweitern lässt.

Die Sprache der modernen medialen Kommunikation und der Jugend

Das erklärte Ziel der Jugend ist es ganz natürlicher Weise, sich von den sie umgebenden Generationen abzugrenzen. Ein probates Mittel dazu ist die Sprache. Es gibt mittlerweile ganze Nachschlagewerke, die versuchen zwischen den Altersgrenzen zu übersetzen, mit mäßigem Erfolg, denn ist ein Begriff erstmal darin gelandet, wird er ganz bewusst schnell durch einen neuen ersetzt. Die Jugend will sich ihre Sprachfreiheit nicht nehmen lassen. Sie ist ein ganz entscheidender Teil ihrer sich herausbildenden Persönlichkeit. Über sie ordnen sich die Jugendlichen selbst einer Gruppierung zu.

Die Neologismen (Wortneuschöpfungen), Redewendungen und grammatikalischen Veränderungen (meist handelt es sich um Kürzungen des Regelinventars) wirken auf den erwachsenen Sprachfreund befremdlich. Erst recht die zahlreichen Abkürzungen und Anglizismen, sowie die ikonographischen Elemente in nonverbaler Kommunikation zum Beispiel in sms, im chat oder in den Statusmeldungen und Kommentaren auf den Internetseiten der derzeit aktuellen social communities. Texte wie: „CU“, „lol“ „Gute N8“ oder auch einfach nur ;) müssen von Außenstehenden erst übersetzt werden (Sie bedeuten: „Man sieht sich“, „Ich lache laut auf“, „Gute Nacht“ und „grins und zwinker – das habe ich doppeldeutig gemeint“). Sie werden daher skeptisch betrachtet, doch das ist ungerechtfertigt! Die meisten Jugendlichen sind keineswegs inkompetent, sodass sie die Aussagen nicht korrekt in Hochdeutsch übermitteln könnten, sondern es ist eine bewusste Entscheidung zu einer kreativen Umgestaltung des Sprachinventars, aus der sie einen Gewinn ziehen: die Nachricht wird kürzer und bleibt dennoch präzise. Das dabei Zeichen und Fremdsprachen zum Einsatz kommen, zeugt von einer relevanten Kompetenz in logischen und abstrahierenden Denken, sowie von einem guten Sprachgefühl.

Hierin besteht also keine Gefahr für das Deutsche an sich, da es sich um eine funktional begrenzte Sprachvariation handelt, die ausschließlich für derartige Kommunikation gedacht ist. Kein Jugendlicher käme auf die Idee von nun an die Schulaufsätze so zu verfassen. Besorgniserregend ist eher die Tendenz unter Jugendlichen sich in der verbalen Kommunikation auf das absolute Minimum zu beschränken, was zu Aussagen wie "Heut geh ich nich Schule." führt.

Sprachpfleger wollen das “gute alte“ Deutsch bewahren

Es gibt ganze Vereinigungen von so genannten Sprachpflegern, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, ihre Muttersprache zu schützen. In Frankreich sind diese Bemühungen besonders stark, aber auch in Deutschland schließen sich Sprachforscher, Linguisten, Literaten und manch interessierter Laie zu Sprachschutzverbänden zusammen.

Doch oftmals sind deren Bemühungen nicht zu Ende gedacht. Wenn Anglizismenkritik beispielsweise übersieht, dass die Satzstruktur gar nicht dem Englischen, sondern einer Altdeutschenform entspringt oder wenn übersehen wird, dass eine neue Kreation die vorhergegangene an Effektivität bei Weitem übertrifft, schießt die Kritik ins Leere. So weh es einem auch im Auge oder Ohr tun mag - Sprachökonomie ist oftmals nicht ästhetisch -, was zählt sind Fakten, Emotionalität ist unangebracht.

Unwörter gibt es nur selten!

Zwar wählen wir jedes Jahr aufs Neue das Unwort des Jahres, doch meist fällt die Wahl nicht auf einen in sich unlogischen Begriff oder eine ästhetisch unschöne Wendung, sondern auf Wörter, die der Bevölkerung in der letzten Zeit in ihrer gesellschaftspolitischen Verwendung unangenehm aufgefallen sind. Doch ein Wort kann nichts für seinen durch die Sprecher oder die Situation erlangten unangenehmen Beigeschmack!

Sprachkritik muss also vorsichtig sein, worauf sie ihre Anklagen bezieht. Oftmals geht die Kritik in Wirklichkeit an Personen und Institutionen und nicht an die von ihnen verwendeten Begriffe an sich! Es ist sinnlos, Worte wie Führer, Rasse oder Säuberung zu verdammen, weil sie eine zeitlang durch ihren Gebrauch in einer bestimmten gesellschaftlichen Konstellation missbraucht wurden.

Ähnlich verhält es sich mit der feministischen Sprachkritik. Die Probleme bei der Gleichstellung der Frau im öffentlichen Leben liegen doch bei Weitem nicht in einem fehlenden „-in“ am Ende einer Berufsbezeichnung. Es ist ein Kampf an falscher Stelle und somit verschwendete Kraft, sich darüber zu echauffieren, anstatt das Problem hinter der Sprache anzugehen.

Wissenschaftler begrüßen natürlichen Wandel als Zeichen der Lebendigkeit einer Sprache

Ja, es ist ein harter Kampf und ja, es gehen einige Aspekte des Deutschen unter oder gar ganz verloren, aber dies bedeutet noch lange nicht, dass sich die deutsche Sprache geschlagen gibt. Sie verändert sich, sie wächst mit und sie gliedert sich, aber sie bleibt stark und das gerade durch ihre Wandlungsfähigkeit.

Das Deutsche ist eine der wichtigsten Sprachen in den internationalen Beziehungen, sie wird in unzähligen Ländern gelehrt, in keine andere Sprache der Welt werden so viele literarische Werke übersetzt wie in das Deutsche. Die deutsche Sprache lebt und Leben heißt nun mal Veränderung.

Weiterführende Quellen:

  • http://www.spiegel.de/thema/jugendsprache/
  • Beißwenger, Michael (Hrsg., 2001). Chat-Kommunikation. Sprache, Interaktion, Sozialität und Identität in synchroner computervermittelter Kommunikation. Stuttgart.
  • zahleiche Publikationen von Andre Meinunger
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Katharina Tonn - Schon als Kind war das Lesen und Schreiben spannender Geschichten eine meiner großen Leidenschaften. Die mit Bleistift auf ...

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