
- Sprache - unwichtig? - by_Gerd Altmann
"Was haben die Leute denn früher gemacht, als es noch keine Sprachtherapie gab? Heutzutage werden viele Kinder doch übertherapiert und kommen kaum noch zum Spielen. Sprachtherapie, das ist neumodischer Quatsch! Sprachfehler wachsen sich doch raus!" Diese Meinung ist leider noch immer weit verbreitet – das macht sie aber nicht richtiger! Tatsache ist, dass Sprachauffälligkeiten im Vergleich zu "früher" drastisch zugenommen haben. Zudem machen neue diagnostische Verfahren wie das Bielefelder Screening, um nur ein Beispiel zu nennen, Erkenntnisse über Defizite erst möglich. Um den Skeptikern entgegen zu treten, müssen die oben erwähnten Aussagen im Einzelnen beantwortet werden.
Was haben die Leute denn früher gemacht?
Früher gab es ebenso sprachauffällige Kinder wie heute. Es wird oft behauptet, dass diese Kinder nach der Grundschule keine Sprachauffälligkeiten mehr hatten. Das ist nicht korrekt. Möglich, dass das ältere Kind allmählich lernte, wie es ein "k" oder ein "sch" ausspricht. Die Defizite verlagerten sich dann aber in eine andere Richtung: Das Kind war einfach kein guter Schüler. Es erkannte Fehler in geschriebenen Texten nicht so gut und so schnell wie Kinder, die nie sprachauffällig waren. Dieses Kind war nie besonders gut in Deutsch. Genauer gesagt, blieben die sprachlichen Leistungen dann auf dem Niveau eines Drittklässlers. Man nannte dieses Kind dann "eben nicht so helle". Und dieses Kind war frustriert und traurig, weil es nicht verstand, warum andere besser waren, obwohl das Kind doch ansonsten nicht dumm erschien. Vielleicht wurde es gehänselt. Wahrscheinlich konnte es keinen akademischen Beruf ergreifen. So war das früher. Dieses Kind hatte wenig Chancen auf Bildung und Glück. Sollen wir das einfach hinnehmen?
Heutzutage werden die Kinder übertherapiert und kommen kaum noch zum Spielen!
Die durchschnittliche Therapiezeit beim Logopäden ist ein- bis zweimal die Woche fünfundvierzig Minuten. Hat das Kind auch noch Ergotherapie, kommen eventuell weitere fünfundvierzig Minuten dazu, zusätzlich Physiotherapie ergibt dann etwa maximal einhundertundachtzig Minuten Therapie, das sind drei Stunden in der Woche. Hinzu kommen Schule oder Kindergarten. Nun wird im Kindergarten sehr viel gespielt, also sind es für die Kindergartenkinder drei Stunden in der Woche, die fehlen. Das fällt kaum ins Gewicht, zumal nur wenige Kinder alle drei Therapieformen gleichzeitig erhalten. Empfehlenswert sind Therapiezentren, in denen solche Kinder vielleicht zwei Therapieeinheiten zusammen erhalten, das spart schon einmal viele Fahrtwege. Für ein Schulkind sollte die schwerste Therapiezeit eigentlich bereits vorbei sein. Hier fällt meist nur noch ein Nachmittag in der Woche an, der mit einem Therapietermin blockiert ist. Mal ehrlich: Rechnen Sie bitte einmal nach, wie viele Stunden Ihr Kind täglich vor dem Fernseher sitzt – hier liegt eine wesentlich gefährlichere Spielblockade!
Sprachtherapie, das ist neumodischer Quatsch!
Kinder, die Sprachtherapie brauchen, weil sie keinen ausreichenden Wortschatz haben, weil ihr Sprachverständnis nicht gut ausgebildet ist, weil sie gewisse Laute nicht aussprechen können oder weil sie schwer stottern, befinden sich oft in einer Außenseiterposition. Sie kennen sich nicht gut in ihrer Umwelt aus, sie sind nie die Spielführer, oft können sie nicht einmal Wünsche äußern oder Erlebtes erzählen. Oft werden sie nicht verstanden, wodurch einige von ihnen Ängste entwickeln, sich zu äußern, andere werden hibbelig und spielen "den Clown", wieder andere werden aggressive Rowdies im Gruppen- oder Klassenverband. Die weit verbreiteten elektronischen Medien verschlimmern das Problem noch dazu. Soziale Ausgrenzung bis hin zur Depression ist keine Seltenheit bei diesen Kindern. Wenn es eine Therapie gibt, die all dem Abhilfe leisten kann, dann ist sie kein "neumodischer Quatsch": Sprachtherapie ist ein wichtiges Mittel, um sprachauffälligen Kindern ein normales Leben ohne Traurigkeit und Ausgrenzung zu ermöglichen!
Sprachfehler wachsen sich doch raus, oder?
Mit Verlaub, das tun sie nicht! Der geneigte Leser möge beachten, dass Intelligenztests in der Regel einen großen Anteil mit Sprachaufgaben beinhalten, den die Menschen, die als Kind sprachauffällig waren, nicht gut bewältigen: Sie erweisen sich dadurch im Test als minder intelligent, auch wenn die Fähigkeiten in Physik, beim Renovieren oder Autoreparieren hervorragend sind und der Denk-Apparat auch sonst prima tickt. Sprachfehler brauchen bestimmte Bedingungen, um zu verschwinden, und meist haben diese mit einer differenzierten Hörwahrnehmung zu tun, mit einer guten Seh-Wahrnehmung, mit der Fähigkeit, Sprache in einzelne Teile zerlegen und wieder zusammenfügen zu können. Nur in den seltensten Fällen lernt ein sprachauffälliges Kind dies "nebenher".
Sprachentwicklungsrisiken – was die Sache noch erschwert
Wenn man nun betrachtet, womit Sprachauffälligkeiten oft in Verbindung stehen, wird deutlich, warum dringend etwas gegen sie unternommen werden muss:
- Armut ist ein Sprachentwicklungsrisiko! Wie kann das sein? In finanziell gestressten Familien gibt es eindeutig mehr Ärger. Der Stress führt zu verschiedenen Auswirkungen: Es kann Alkoholismus sein, Isolation der Familie, Depression wegen Dauerarbeitslosigkeit, ein schlechtes Familienklima: All dies beeinflusst die Art der Kommunikation in der Familie und untereinander. Dies wurde bereits 1987 erforscht. Kinder aus diesen Familien sind eindeutig häufiger sprachlich betroffen als Kinder, die ohne Sorgen aufwachsen konnten.
- Elektronische Medien hemmen die Sprechfreude! Denn die Konsole ist kein Mensch, der Erfahrungen vermitteln kann. Alle Wahrnehmungsbereiche außer der visuellen werden quasi ausgeblendet oder nur wenig gefördert. Das Sehen wird überreizt. Selbst die Sitzhaltung mit krummem Buckel steht einer guten Aussprache im Weg, da das Zungenbein nach hinten gezogen wird. Am besten limitiert man den Aufenthalt an den Geräten auf das Wochenende für jeweils eine halbe Stunde. Und mehr als dreißig Minuten Fernsehen am Tag ist auch nicht angesagt!
- Ausländische Herkunft ist zu berücksichtigen! Kinder mit Migrationshintergrund wiederholen drei- bis viermal so häufig eine Klasse, ein Viertel dieser Kinder bleibt ohne Hauptschulabschluss, und nur elf Prozent dieser Kinder legen später das Abitur ab. Das liegt nicht an mangelnder Intelligenz, an der anderen Kultur, der Religion oder der Hautfarbe! Es liegt an der hohen Anforderung eines doppelten Spracherwerbs, der manchmal nur ein doppelter Halbsprach-Erwerb ist, bei dem die Kinder beide Sprachen mischen.
Was also ist daran auszusetzen, dass wir die Verständigung zwischen den Kindern verbessern, ihre Chancen auf Bildung gigantisch erhöhen, die Kommunikation für die kommenden Generationen erleichtern und sie etwas glücklicher sein lassen – mit der Hilfe der Sprachtherapie?
Bitte beachten Sie, dass ein Suite101-Artikel generell fachlichen Rat – etwa durch einen Arzt – nicht ersetzen kann.
Quelle: Häuser, Jülisch: Sprachentwicklung, Sprachstörung, Sprachförderung. Hg. v. Ministerium für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg. Berlin: verlag das netz 2006. Praxistext, 92 Seiten.
