Sprechen als Handlung

Sind Worte und Taten Gegensätze?

Im alltäglichen Sprachgebrauch ist es üblich, Worte und Taten zu trennen. Aber wie überzeugend ist diese Gegenüberstellung?

Nicht nur im deutschen Sprachgebrauch ist es üblich, Worte und Taten als Gegensätze zu begreifen. Worte scheinen der grauen Domäne praxisfernen Schwadronierens anzugehören, Taten dagegen schaffen beherzt Fakten. Die Figur des wortkargen Cowboys, dessen Kommunikationsanstrengungen sich auf das Zusammenkneifen der Augen und das Spucken in den Präriewind konzentrieren, ehe der Colt handelt, personifiziert diese Haltung. Die einen erwägen, kündigen an, drohen, versprechen, die andern schweigen und tun das, wovon die Gegenseite nur redet. Das Volk lechzt nach solchen Männern oder Frauen der Tat, die wortlos dieses von Schlechtrednern und Phrasendreschern geschundene Land endlich wieder auf die Schiene bringen. Ohne Erklärung, ohne Umschweife.

Worte und Taten – unversöhnliche Gegensätze?

Ein folgenschweres Missverständnis, das nicht zuletzt in den Assoziationen des Wortes (!) Handlung begründet liegt. Als fleißig um Perfektion bemühtes Augentier ist der Mensch gegenüber dem Gehörten (und Gesprochenen) weniger empfänglich. Doch vergleicht man Worte und Taten, schwinden die Unterschiede recht schnell. Beide setzen das Bewusstsein eines Ausführenden voraus; beide haben einen Sinn (die Frage ist allenfalls: welchen?); beide lassen sich auf ihren Anfang, ihre Durchführung und ihren Effekt hin beschreiben. Und beschreiben heißt verstehen. Das Verständnis von Worten und Handlungen setzt kulturelle Übereinkünfte voraus. Worte und Taten sind keine Gegensätze.

Handlung und Situation

Eine kulturelle Übereinkunft ist zwangsläufig an eine bestimmte Situationsart gebunden; erst darin wird sie sichtbar. Das gilt geradewegs für sprachliche Handlungen. Eine Äußerung (als Verhalten verstanden) wie “Er ist sehr intelligent” kann völlig unterschiedliche Handlungsweisen umsetzen; ein Lob, ein neidisches Eingeständnis, einen ironischen Kommentar, eine Warnung. Sprachliche Handlungen sind deshalb oft uneindeutig und damit komplizierter zu handhaben, denn im Gegensatz zu nonverbalen Taten richten sie sich immer an einen Mitspieler. Man handelt nicht allein, wenn man spricht; selbst wer Selbstgespräche führt, stellt sich einen Gesprächspartner vor.

Worte und Folgen

Worauf sich die Unterscheidung von Worten und Taten also wohl in erster Linie bezieht, ist die Art der Wirkung, genauer gesagt ihre Beobachtbarkeit. Einen Nagel in die Wand zu schlagen, um ein Bild daran zu befestigen, lässt sich vergleichsweise leicht bewerkstelligen; jemanden in einer Gesprächssituation in die Enge zu treiben, ihn ‚festzunageln’ ist dagegen sehr problematisch. Daraus kann man aber nicht ableiten, dass das Anwenden von Worten keinen Effekt hätte und deshalb keine vollgültige Handlung wäre. Unzählige Menschen sind im Verlauf der Geschichte deshalb in einen transzendenten Zustand versetzt worden, weil jemand (allerdings jemand Bestimmtes) unter Bezug auf eine höhere Instanz namens Gott, Allah, Besitzverhältnisse, Nation oder Rasse nichts weiter getan hat als bestimmte Wörter zu äußern und so die eher handfesten Taten erst ausgelöst hat. Für den banalen Alltag gilt dasselbe: Auf ein paar wohlgesetzte Worte hin werden Ehen geschlossen, Personen eingesperrt oder eben nicht, Massen in einen Zustand höchster Verzückung oder Verärgerung versetzt. Richtig problematisch wird die Angelegenheit dann in denjenigen Fällen, in denen ein Handelnder eine bestimmte Wirkung X erzielen wollte, dummerweise aber bei Y endet – der gefürchtete Bumerang-Effekt, etwa, wenn jemand auf ein Kompliment einen Schienbeinstoß erteilt. Schallwellen erzeugen mitunter physisches Unwohlsein.

Verantwortung

Man sollte also nicht zu leichtfertig Worte von Taten trennen; dass immer weniger Personen hierzulande bereit sind, für das Gesagte Verantwortung zu übernehmen, ist kein überzeugender Grund, den Handlungscharakter von Sprache zu leugnen – eher, auf ihm zu beharren. Denn auch moderne soziologische Theorien, die lieber von Kommunikation als von Handlungen sprechen, bestätigen, dass Kommunikation ohne Handlungsbegriff nicht Personen zugeschrieben werden kann. . Und im Zeitalter des Automatismus erwirbt sich derjenige Respekt, der freiwillig für Fehlverhalten einsteht. Es hat sich noch nicht weit genug herumgesprochen, dass gerade Führungskräfte nicht zuletzt auch dafür bezahlt werden: personale Anlaufstellen zu bilden, wenn gesellschaftliche Sanktionen verhängt werden. Es stimmt eben nur zur Hälfte, dass das Wort Fleisch wurde; Rückgrat gehört auch dazu.

Nuri Ortak - Promovierter Pragmalinguist mit Schwerpunkt "Überzeugungskommunikation", Textlinguistik, Dialoggrammatik. Interesse an systemischen ...

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